Mozart-Grippe erreicht bereits Paris!

6. Juni 2006, 18:32
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Mit "Don Giovanni" war an der Seine am Freitag auch schon das erste Opfer zu beklagen

Michael Haneke als Regisseur leistete an der dortigen Oper zum Zorn des Publikums nach besten Kräften szenische Sterbehilfe.

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Normalerweise muss ein praktizierender Erotomane einiges aushalten. Doch was zu viel ist, ist zu viel. In die nüchterne rundum verglaste Chefetage eines Hochhauses in Nanterre mit Ausblick auf übrige architektonische Scheußlichkeiten darf man diesen flotten spanischen Draufgänger wirklich nicht verpflanzen.

Weiß doch jeder psychologische Anfänger, dass sich gerade mächtige und dafür auch mächtig gestresste Führungspersönlichkeiten auf vieles verlassen können, bedauerlicher Weise nur nicht immer auf ihr bestes Stück.

Szenischer Irrtum

Dass Michael Haneke als in solchen Belangen doch nachweislich erfahrener Filmregisseur sein mit großem Interesse erwartetes Operndebüt auf einem solchen Irrtum aufbaut, ist allein schon einigermaßen erstaunlich, doch noch lange kein Grund für die lähmende Langeweile, die sich sehr bald in Christoph Kanters fast uferlosem Einheitsbühnenbild breit macht.

Ihre Ursache liegt vordergründig in der Konsequenz, mit der Haneke diese verhängnisvoll falsche Grundidee durchzieht. Wenn Don Giovanni ein Generaldirektor ist, dann handelt es sich bei Leporello klarerweise um dessen schnöseligen Assistenten, der sich, blind vor Ehrgeiz und Hörigkeit, von seinem Chef - zumindest nach Hanekes Darstellung - sogar auch schon begrapschen ließ.

Und so geht es dann weiter: Der Commendatore ist der zornige Seniorchef, für den eine Liaison seiner Tochter Anna mit Don Giovanni nicht infrage kommt. Vielmehr ist Ottavio, der Erbe der Konkurrenzfirma, für sie als der angemessene Partner vorgesehen. Die beinhart an den Haaren herbeigezogenen Aktualisierungen setzen sich bis zu Zerlina und Masetto als Mitglieder eines Putztrupps in Giovannis Firmengebäude fort. Beinah verhängnisvoll stimmig eingekleidet wurden sie alle von der Leiterin der Kostümwerkstätten an Österreichs Bundestheatern, Annette Beaufaÿs.

Schwerfällige Aktionen

Dazu kommen schwerfällige Aktionen, in deren Verlauf Don Giovanni einem weiblichen Exemplar seiner Reinigungsbrigade die Kleider vom Leib reißt und Zerlina nach dessen Zudringlichkeiten zumindest mit unversehrter Leibwäsche sichtbar wird.

Das ist es dann aber auch schon. Zu den beiden Aktschlüssen bündeln sich jedoch wieder alle kreuzbrav wie bei der biederen Schlussaufführung eines Opernseminars zu konventionellen Ensembles.

Auch dramaturgische Ungereimtheiten fallen auf: Wohl hört man beim Öffnen des Fensters den Straßenlärm. Wird jedoch gegen Türen getrommelt oder über Balustraden getrampelt, dann klingt es auf vertraute Pawlatschenart nach Pappendeckel.

Zum Glück sind dies nicht die einzigen akustischen Merkmale dieser Produktion. Vielmehr wartet Sylvain Cambreling mit einem äußerst soliden, in der Wahl der Tempi maßvollen, geradezu füllig klingenden musikalischen Fundament auf. Kein analytischer Mozart also, keine lineare Schlankheit, sondern fürs Erste vielleicht befremdliche, aber jedenfalls eindrucksvolle barocke Fülle.

Vielleicht das Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit den Mozart-Notaten des in Frankreich einst sehr einflussreichen polnischen Komponisten, Dirigenten und Theoretikers René Leibowitz (1913-1972).

Es liegt jedoch auf der Hand, dass dieser beinah funebral feierliche Charakter der musikalischen Interpretation des Werkes mit dessen krampfhaft versuchter Modernisierung aufs Heftigste zuwiderlief. Und den vielleicht unfreiwilligen, augen- und vor allem ohrenfälligen Nachweis erbrachte, dass in jede Musik die Zeit ihrer Entstehung unauslöschlich eingeschrieben ist und sorglos unternommene szenische Zeitreisen meistens zu für eine Produktion letalen ästhetischen Unfällen führen.

Umso stärker zu bewundern sind dann die Leistungen des Ensembles. Wie etwa jene von Christine Schäfer als Donna Anna. Die federnde Dynamik, mit der sie ihren unerschütterlich präzisen Sopran zu dosieren und zu schattieren versteht, sorgten im Pariser Palais Garnier für die besten Momente. Solche haben wohl auch Peter Mattei in der Titelpartie und Luca Pisaroni als Leporello geliefert.

Wollte man die Eindringlichkeit der Stimmleistungen staffeln, wären nun die junge Polin Aleksandra Zamojsko (Zerlina) und David Bizic (Masetto) zu nennen. Mireille Delunsch (Elvira), Shawn Mathery (Don Ottavio) und Robert Lloyd (Comendatore) befestigten das musikalische Niveau.

Szenische Tristesse

Insgesamt war diese musikalische Qualitätsdemonstration aber doch nicht in der Lage, den Zorn des Publikums gegen die anhaltende szenische Tristesse zu besänftigen.

Im Premierengast aus Österreich kam freilich stille Freude auf. Denn Gérard Mortiers Vorliebe für szenische Ungereimtheiten scheint nach wie vor ungebrochen. Wie schön für ihn, dass er diese nun an den beiden Opernhäusern in Paris auslebt und nicht mehr in Salzburg. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 1. 2006)

Von Peter Vujica aus Paris
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Michael Hanekes Mozartsicht, die das Pariser Publikum ganz und gar nicht teilte: Generaldirektor Don Giovanni belästigt in der Chefetage seiner Firma eine Putzfrau namens Zerlina.

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