"Man kann nicht immer nur Geld scheffeln"

3. März 2006, 20:03
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Conwert-Chef Günter Kerbler will die Immobiliengesellschaft kräftig wachsen lassen, aber "nicht bis in den Himmel" erzählt er im STANDARD-Interview

STANDARD: Sie kommen aus dem Urlaub, Faulenzen ist aber nicht Ihres. Viele Ideen fürs Geschäft mitgebracht?

Kerbler: Die ersten paar Tage war ich schwer erholungsbedürftig, danach krank. Fad war mir nicht: Meine ganze Familie war mit, und ich habe einen neuen Freund.

STANDARD: Geschäftsfreund?

Kerbler: Einen neuen Computer. Mit dem habe ich mich viel beschäftigt.

STANDARD: Conwert hat das Jahr 2006 spendabel begonnen, ein Immobilienpaket von 226 Mio. Euro gekauft. Übernehmen Sie sich nicht?

Kerbler: Nein; obwohl das unser bisher größter Kauf war. Wir bieten derzeit um ein 400-Millionen-Euro-Paket der Allianz-Versicherung, Häuser in allerbesten Wiener Lagen. Das ist viel, aber überheben würden wir uns auch damit nicht.

STANDARD: Conwert hat sich seit 2002 in sieben Kapitalerhöhungen 500 Mio. Euro geholt. Reicht das Geld noch dafür?

Kerbler: Ja, das Projekt war schon bei der jüngsten Kapitalerhöhung in der Pipeline. Wir steuern unsere Kapitalerhöhungen so, dass wir dann nicht hunderte Millionen bei zwei Prozent Verzinsung herumliegen haben. Das würde ja die Altaktionäre schädigen.

STANDARD: Sie wollten bis 2007 bei einer Milliarde Euro Immobilienvermögen stehen. Ende 2005 waren es mehr als 900 Millionen. Wachsen Sie nicht ungesund schnell?

Kerbler: Keine Sorge, ich glaube jetzt auch gar nicht mehr, dass wir unser Volumen jährlich verdoppeln können. Wir werden heuer auf 1,3 Mrd. kommen, bei gutem Wind könnten es 1,5 Mrd. werden.

STANDARD: Sie holen sich auch heuer wieder frisches Geld?

Kerbler: Wir planen eine Kapitalerhöhung, aber es stehen weder Höhe noch Datum fest.

STANDARD: Wie steht es denn um Ihre Expansionspläne? Conwert ist hauptsächlich in Österreich aktiv, ein bisschen in Deutschland und im Osten. Sie wollen jetzt nach Luxemburg, was reizt Sie dort?

Kerbler: Der Reihe nach: Deutschland bauen wir aus, wobei das sehr wesentlich vom österreichischen Immobilienmarkt abhängt - und der beginnt gerade zu überhitzen. Wir kaufen eine Gesellschaft in Budapest, die auch im Wohnungsneubau aktiv ist. In Luxemburg wollen wir eine Gesellschaft mitsamt Immobilien und Neubauprojekten übernehmen, aber das dauert noch. Luxemburg hat 430.000 Einwohner und will bis 2010 auf 600.000 kommen; darunter viele EU-Beamte. Und die müssen wo wohnen; zudem sind die Mieten dort viel attraktiver als bei uns.

STANDARD: Mögen Sie Beamte?

Kerbler:(schüttelt den Kopf): Ja. Im Ernst: Ich verallgemeinere nicht, beamtete Krankenpfleger, Krankenschwestern, Sozialarbeiter, die machen alle total wichtige Jobs.

STANDARD: In Rumänien haben Sie privat eine Farm, Conwert macht dort keine Geschäfte?

Kerbler: Wir haben Angebote in Bukarest, aber das ist ein extrem schwieriger Markt.

STANDARD: In Bukarest gibt es doch so schöne Häuser . . .

Kerbler: . . . ja, und die sind alle so kaputt. Ich werde depressiv in Bukarest, so grau alles, die Häuser sind oft so saniert, dass sie unter der Fassade zusammenfallen. Außerdem ist die rechtliche Lage völlig ungeklärt, da gibt es noch so viele Rückgabeansprüche.

STANDARD: Wie groß wird die Conwert noch, hat sie Potenzial wie etwa die Immofinanz?

Kerbler: Theoretisch ja. Aber, wie groß kann man werden? Ein Gast meinte unlängst: "Der Himmel ist das Ziel."

STANDARD: Auch Ihres?

Kerbler: Nein. Unsere Aufgabe ist es, dort zu investieren, wo wir Renditen machen. Unser Heimmarkt ist Wien, da kenn ich mich aus. Unser zweitwichtigster Markt ist Deutschland, das ist der einzige in ganz Europa, der aus einem Hype kam und wo man heute Immobilien um die Hälfte der Preise vor zehn Jahren kaufen kann. Aber das Pendel wird wieder in die andere Richtung ausschlagen. Ich gehe nur ins Ausland, wenn ich dort um einiges mehr lukrieren kann als in Österreich. Es ist ja einfach: Wenn ich in Wien mit einem Haus ein Problem habe, fahr ich hin. Nach Berlin oder Prag muss ich fliegen, also muss ich dort mehr verdienen.

STANDARD: Stichwort verdienen. Sie haben eine Bank gekauft, rechnet sich die schon?

Kerbler: Die Bank gehört der Kerbler & Kowar Holding. Für Betreuung und Kapitalerhöhungen der Conwert und sonstiger Emittenten ist das ideal. Und: Ja, die Bank hat 2005 ein bisserl Geld verdient.

STANDARD: Sie sagen immer, Sie spüren, welches Haus etwas bringt und welches nicht. Geben Sie mir einen Tipp, wie Sie das genau anstellen?

Kerbler: Der Stil ist mir wichtig, und ich schaue mir an, ob ein Haus für hundert Jahre gebaut ist oder für mehr, mich interessieren nur Häuser, auf die letzteres zutrifft. Ich schau mir die Fassade an; das Entree; wo die Mistkübel stehen. Ich zähle die Fenster, schätze die Trakttiefe, dann weiß ich wie groß das Ganze ist. Das ist Erfahrungssache und für mich alles einfach.

STANDARD: Apropos einfach. Ihre neue Firmenzentrale, in der wir hier sitzen, ist nicht einfach, jedenfalls nicht schlicht: ein aufwändig modernisiertes, Palais, mit denkmalgeschütztem Theatersaal. Schätzen die Aktionäre solch teuren Pomp?

Kerbler: Pompös ist das nicht, das war auch kein Palais, sondern der Sitz einer Gewerkschaft. Wir präsentieren hier unsere Denke, wie wir mit so einer Bausubstanz umgehen. Und wir hatten Glück, das Haus war günstig zu haben.

STANDARD: Sie geben sich ganz gern den Touch des sozialen Unternehmers: Früher haben Sie versucht, das eine oder andere Medium zu retten, Stichwort "AZ". Heute lassen Sie auf Ihrer rumänischen Farm ehemalige Straßenkinder leben, lernen und arbeiten. Immobilienhai mit Gewissen oder Helfersyndrom?

Kerbler: Pflanzen Sie mich nicht. Ich will nicht der Reichste am Friedhof sein, es wird mir auch keiner etwas nachwerfen ins Grab. Es gibt einfach Situationen, da will ich helfen.

STANDARD: Wie empfinden Sie eigentlich Ihre eigene Entwicklung? Sie kommen aus einer einfachen Familie im Waldviertel und sind heute ziemlich reich . . .

Kerbler: . . . was ist reich?

STANDARD: Michael Köhlmeier beschreibt sein Wohlhabend-Sein so: "Ich muss nicht mehr auf die rechte Seite der Speisekarte schauen."

Kerbler: Mich interessiert die rechte Seite schon auch, aber ich lass mich nicht mehr schrecken davon. Reich sind für mich Leute, die dutzende Millionen Euro besitzen, und das habe ich nicht. Ich bin wohlhabend, habe ein ordentliches Einkommen und ein ordentliches Auskommen.

STANDARD: Sammeln Sie etwas, Bilder, Kunst, Schmuck?

Kerbler: Ich sammle Häuser. Früher für mich, heute für die Aktionäre. Sie dürfen mich jetzt ruhig nach meiner Idee von Luxus fragen.

STANDARD: Gern. Welchen Luxus leisten Sie sich?

Kerbler: Mein Auto?

STANDARD: Ein Porsche. Dessentwegen Sie Ihre Enkelkinder den "Porsche-Opa" nennen.

Kerbler: Ja. Fünf Jahre alt; der Porsche. Aber warum soll ich einen neuen kaufen, viel schneller darf ich eh nicht fahren, der Bodenkontakt ist wunderbar, ich spüre jedes Steinchen im Kreuz.

STANDARD: Jetzt verschweigen Sie Ihr Luxushaus, das Sie in Währing bauen. Und das ebenerdig wird, "für die alten Tag", wie Sie kokett sagen.

Kerbler: Machen Sie mir keinen Stress, wir planen erst. Und um ganz ehrlich zu sein: Ganz ebenerdig ist es nicht, es gibt einen Weinkeller.

STANDARD: Trotzdem passen Sie nicht so richtig zur Luxusfraktion. Stört Sie das?

Kerbler: Ich flehe Sie an. Mein Prinzip heißt: Liberté, Egalité, Fraternité. Übrigens war ich unlängst am Philharmoniker-Ball, wie die Leute da überkandidelt durch die Welt stolzieren, das ist nicht mein Thema.

STANDARD: Warum gehen Sie dann auf so einen Ball?

Kerbler: Um meine drei Tänze zu absolvieren, um den Walzer, die Polka und den Marsch zu tanzen. Der Tango ist nicht so meins, obwohl er so ein erotischer Tanz ist.

STANDARD: Sicher haben Sie vorher private Tanzstunden genommen. Richtig?

Kerbler: Nein. Aber wir haben künftig einmal pro Woche, hier in unserem Saal, eine private abendliche Tanzstunde. Ich wurde zwei Jahre lang bearbeitet, jetzt bin ich weich. Wollen Sie auch kommen? Sie brauchen aber einen Partner.

STANDARD: Eben. Das alles passt nicht so recht in mein Klischee von Ihnen, Sie gelten als Förderer der Grünen . . .

Kerbler: Eines sage ich Ihnen gleich, politisch lass ich mich nicht vereinnahmen. Ich bin Wechsel-, manchmal auch Nichtwähler. Derzeit gefällt mir sogar, was die ÖVP macht, insbesondere die Gruppenbesteuerung des Herrn Finanzministers ist eine gute Sache.

STANDARD: Da fällt mir Orange ein, und die Frage, was Ihnen denn an der Urreligion Tibets, Bön-Po, so gefällt? Sie haben ja öfter deren orange-gewandete Mönche zu Gast.

Kerbler: Wir sind ab und zu in einem ihrer Klöster, in Indien, am Fuße des Himalaya. Dort komme ich zu den wesentlichen Dingen des Lebens zurück. Dort meditiere ich, werde daran erinnert, dass wir da sind, um zu lernen. Man kann nicht immer nur Geld scheffeln und Reichtümer anhäufen, sondern wir haben Verantwortung zu übernehmen, wo immer uns Armut entgegen kommt. Gemäß dieser Religion kann man alles tun, was man will, aber man muss damit rechnen, dass alles zurückkommt. Ich versuche, niemandem etwas anzutun, was ich selbst nicht angetan bekommen will.

STANDARD: Wie schlägt sich das aufs Geschäft nieder, woran merkt das Ihr Aktionär?

Kerbler: Wir agieren nach dem Motto "Leben und leben lassen", sekkieren unsere Mieter nicht und haben kaum gerichtliche Auseinandersetzungen mit ihnen. Das schlägt sich positiv auf unseren Ruf und unsere Bilanzen nieder.

STANDARD: Sie glauben ja auch an Reinkarnation. Waren Sie früher schon einmal jemand?

Kerbler: Ich glaube, mich an eine Zeitepoche rund um die Französische Revolution zu erinnern. Das könnte genetisch weitergegebenes Wissen sein oder eben Reinkarnation. Ich weiß es nicht genau.

STANDARD: Etwas später, nach 1990, haben Sie rund sieben Millionen Euro versenkt, für Ihre Ausflüge in Medien und Gastronomie. Was könnte Sie heute noch zu solchen Engagements verleiten?

Kerbler: Nichts, Geld habe ich genug versenkt. Mir ist nur wichtig, mich spirituell fortzubilden und mehr zu sehen als das, was man sieht. Ich will weise werden, ein weiser alter Mann.

Zur Person Günter Kerbler (50) kommt aus Zwettl im Waldviertel und hat als Versicherungsvertreter bei der Wiener Städtischen begonnen. Danach sattelte er auf Immobilien um und baute die heutige Conwert AG auf. Sie zählt zu den größten Immogesellschaften Österreichs, Kerbler brachte sie 2002 an die Börse. Seit dem Vorjahr ist der Conwert-Chef Bankier, seine Holding hat die Bank Samesch gekauft.

Was seinen Zugang zum Leben betrifft, kann man den vierfachen Vater und Großvater getrost als unorthodox bezeichnen. Der Turbo-Porsche-Fahrer hängt der tibetischen Urreligion an, hat zur Zeit der Französischen Revolution schon einmal gelebt und lässt seine Manager nach Dienstschluss tanzen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.1.2006)

Warum es ihn geschäftlich nach Berlin und privat nach Indien zieht, und wieso er jetzt einmal in der Woche im Büro tanzt, erfragte Renate Graber.
  • In "Anders gefragt", eine lose Serie von Interviews, in denen Wirtschaftsbosse einmal über Themen abseits ihres Geschäfts laut nachdenken, gibt Conwert-Chef Günter Kerbler Auskunft.

    In "Anders gefragt", eine lose Serie von Interviews, in denen Wirtschaftsbosse einmal über Themen abseits ihres Geschäfts laut nachdenken, gibt Conwert-Chef Günter Kerbler Auskunft.

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