Quellcode-Veröffentlichung könnte Falle sein

9. Februar 2006, 10:24
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Offenlegung sei kein Verzicht auf Urheberrechte, sondern ein Vertrauensbeweis

Die Free Software Foundation (FSF) hat Befürchtungen geäußert, dass sich Microsofts Ankündigung, die Quellcodes für Konkurrenten offen zu legen, als Falle entpuppen könnte. Der Softwareriese hat angekündigt, er gewähre Unternehmen zukünftig Einblick in den kompletten Sourcecode der Windows-Systeme. "Wer von diesem Apfel isst, findet sich selbst mit einer Copyright-Vergiftung wieder", so der bissige Kommentar von Carlo Piana, Anwalt der FSF.

"Nicht neu"

Microsoft setzte den Schritt, um die Auflagen aus dem Wettbewerbsverfahren der EU-Kommission zu erfüllen. Den Sourcecode zur Verfügung zu stellen ist für Microsoft allerdings nicht ganz neu. "Aktuell haben bereits eine Million Entwickler und IT-Experten volle Einsicht in den Quellcode der Windows Betriebssysteme. Erst kürzlich wurde das Shared-Source-Projekt auf Office-Produkte ausgeweitet", erklärte Microsoft-Sprecher Thomas Lutz im Gespräch mit pressetext.

Wissenstransfer und Transparenz

"Die Offenlegung heißt natürlich nicht, dass der Konzern auf seine Urheberrechte verzichtet. Sie soll dem Wissenstransfer und der Transparenz dienen. Wir betrachten es als Vertrauensbeweis. IT-Experten sollen sich davon überzeugen können, dass mit unseren Systemen alles in Ordnung ist", so Lutz weiter. "Es ist eben Shared und nicht Open Source. Die Verwendung der Codes unterliegt Auflagen und bedarf einer Vereinbarung mit Microsoft. Man darf nicht vergessen, dass der Code auch Patente Dritter enthalten kann. Deren Rechte müssen ebenfalls gewahrt sein."

Keine Implementierungen möglich

"Entwickler, die sich den Sourcecode angesehen haben, können keine Implementierung in freier Software auf dieser Basis vornehmen, ohne den Vorwurf der Urheberrechtsverletzung erwarten zu müssen", meinte Piana. Es sei zu befürchten, dass Microsoft sein Shared-Source-Projekt nutzt, um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. "Sie werden argumentieren, dass die Entwickler den Code anschauen können", sagte der Anwalt. Das Verwenden dieser Erkenntnisse in ihren Applikationen, könne für Programmierer zu gravierenden Probleme führen. "Mit öffentlichen Windows-Codes muss jeder Entwickler ab sofort sehr aufpassen, dass sein Code keine Ähnlichkeit mit dem von Microsoft hat. Denn prinzipiell kann nun jeder abschreiben", erklärte Joachim Jakobs, Sprecher der FSF, gegenüber pressetext.

Alles offen

Ob der Streit mit der EU-Wettbewerbskommission nun beigelegt werden kann, ist noch offen. Der Sprecher der Kommission, Jonathan Todd, sagte, es wäre verfrüht anzunehmen, dass das Angebot des Quellcode-Zugangs für Wettbewerber bereits alle Auflagen der EU erfülle. Microsoft habe bisher keine Details zu dem Angebot verlautbart. Erst wenn diese vorliegen, werde man sie prüfen und sich anschließend zu möglichen Konsequenzen äußern, so Todd.

Marktposition missbraucht

Im März 2004 wurde Microsoft nach einem Kartellverfahren wegen missbräuchlicher Ausnutzung seiner Marktposition bei dem Betriebssystem Windows zu einer Strafzahlung von 497 Mio. Euro verurteilt. Zudem wurde Microsoft auferlegt, einige seiner Marktpraktiken zu ändern. Vergangenen November hat die Kommission dem Softwarekonzern vorgeworfen, die Anordnungen zu unterlaufen. Bis zum 15. Februar hat Microsoft Zeit, auf die Vorwürfe zu reagieren. Sollte sich an der Einschätzung der Kommission bis dahin nichts ändern, drohen Strafzahlungen in der Höhe von zwei Mio. Euro täglich.(pte)

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