Die afrikanische Nacht

3. Februar 2006, 14:23
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V.S. Naipauls Essaysammlung über den Schwarzen Kontinent: "Die letzte Kolonie. Streifzüge durch die afrikanische Welt"

Für den Uneingeweihten scheint es, als ob die Geschichte Afrikas in erster Linie Kolonialgeschichte ist, "fremder Import", eine Geschichte der Zerstörung von Kultur und Lebensräumen, gewachsenen Traditionen und Lebensformen, eine Zerstörung, die in einem gewissen Sinne irreparabel ist und auch durch Übernahme "europäischer Konzepte", etwa in der Regierung oder Wirtschaft, nicht heilbar ist. Nicht zufällig, und wie oft an die Segnungen des Fortschritts geknüpft, stellt sich hier, spätestens nach dem Abzug der Kolonialherren, die Frage nach der Identität.

V.S. Naipaul, Romancier und Reiseschriftsteller, der 2001 den Nobelpreis erhielt, ist ein profunder Afrikakenner und hat den Kontinent über Jahrzehnte bereist. Das Buch Die letzte Kolonie. Streifzüge durch die afrikanische Welt versammelt acht Essays, die in den Jahren 1969 bis 1983 entstanden sind. Es führt entlang der Bruchlinien des kolonialen Erbes, aus dem das "moderne" Afrika entsteht. In den ersten beiden Essays beschreibt Naipaul die politische Realität des in der Karibik gelegenen Dreiinselstaates St.-Kitts-Nevis-Anguilla. Auch wenn die Essays aus dem Jahr 1969 stammen und die Verhältnisse heute ganz andere sind, ist er doch lesenswert, weil er sehr detailliert die Absurdität aufzeigt, die, bei dem Versuch afrikanische Staaten nach westlichem Vorbild zu regieren, entstehen kann.

Ein wahres Lehrstück für Identitätsvorspiegelung ist der Essay "Michael X und die Black-Power-Morde auf Trinidad". Es ist die Geschichte des Michael Abdul Malik, auch bekannt als Michael, der vierzehn Jahre in England gelebt hatte und dort in den 60er-Jahren von der Presse zum "Führer" der Black-Power-Bewegung, zum schwarzen Untergrund-"Poeten" hochstilisiert wurde. Wegen einer Brandrede gegen die Weißen kam er für ein Jahr ins Gefängnis, gründete 1969 "das schwarze Haus", kam, als das Projekt scheiterte, erneut mit dem Gesetz in Konflikt und setzte sich 1971 - inzwischen ein Mitglied der Black Muslim - nach Trinidad ab, wo er in Christina Gardens eine Landkommune errichtete. Schonungslos rechnet Naipaul hier mit allen Klischees der "schwarzen Identität" ab und zeigt auf, wie diese Projektionsflächen vor allen von "Weißen" zur Verfügung gestellt werden. Malik, der sich ganz in diese Projektionsflächen verliert, ist eine tragische Figur, immer nur von außen bewegt, realitätsfern und gehaltlos. Am Ende ist er ein Mörder geworden, kein Underground-Poet, kein Führer der Schwarzen, kein Befreiungskrieger, keine Erlösergestalt.

Ein Ausblick in mehrerlei Hinsicht ist der letzte Text in dem Buch: "Die Krokodile von Yamoussoukro". Yamoussoukro, so schreibt Naipaul, zählt zu den Wundern Westafrikas. Einst war es ein Dorf, das sich nicht groß von anderen Buschdörfern Westafrikas unterschied, aber es war auch Sitz eines Stammeshäuptlings der Region, der, heute (1983) ein uralter Mann, die Elfenbeinküste regiert. Gut regiert. Die Elfenbeinküste importiert Arbeitskräfte aus den Nachbarstaaten, die Einwohnerzahl ist seit 1960 von drei Millionen auf neun Millionen angewachsen. Die Hauptstadt Abidjan hat sich zu einer der größten Hafenstädte Westafrikas entwickelt. Und gut zweihundert Kilometer landeinwärts, am Ende einer Autostraße, "die selbst Frankreich Ehre machen würde", liegt das verwandelte Heimatdorf des Präsidenten, Yamoussoukro. Innerhalb der Palastmauern gibt es einen künstlich angelegten See, in dem Schildkröten und menschenfressende Krokodile ausgesetzt wurden. Es sind totemistische Geschöpfe, und sie gehören dem Präsidenten. Krokodile gab es vorher in Yamoussoukro nicht. Niemand weiß genau, was sie bedeuten sollen, aber für alle Afrikaner künden sie von "dem in Zauberkraft gründenden Bewusstsein" des Präsidenten.

Der Präsident möchte aus dem Ort eine der großen Metropolen Afrikas und der Welt machen. Der Urwald wurde gerodet, Alleen, so breit wie Landungspisten, ziehen sich um das künftige Ballungszentrum. Es gibt einen Golfplatz und für Besucher das zwölfstöckige Hotel Président. "Entdecken Sie den ultramodernen Vorgriff auf das Afrika von morgen", steht in dem in Frankreich gedruckten Prospekt zu lesen. Das Projekt, so Naipaul, ist pharaonisch. Aber bei seiner Reise durch die Elfenbeinküste stößt er zunehmend auf Anzeichen eines höchst lebendigen "magischen Afrikas", Rituale, die weiterhin praktiziert werden, Totemkulte und Beschwörungen, die in nächster Nähe zu dem "ultramodernen Afrika von morgen" statt- haben.

Er erkennt, dass sich beides nicht ausschließt. Dieses andere Afrika war die ganze Zeit über da. Auf seine Frage an einen Kenner des Landes, ob die westliche technische Zivilisation der afrikanischen überlegen sei, antwortet dieser, nach einigem Zögern: "Am Tage ja." Denn dieses andere, magische Afrika, so erkennt Naipaul, hatte seine Wurzeln in der Nacht, wo Hexenmeister in Sekundenschnelle Entfernungen überwinden können, für die ein Flugzeug Tage bräuchte, und in der Menschen, die tagsüber Sklaven waren (oder heute Büroangestellte), Könige sind. In dieser Nacht, der afrikanischen Nacht, ist jede Identität nur eine weitere Maske. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.1.2006)

Von Alfred Goubran
  • V.S. Naipaul: Die letzte Kolonie. Streifzüge durch die afrikanische WeltAus dem Englischen von U. Enderwitz. € 22,70/320 Seiten. Claassen, München 2005
    buchcover: claassen

    V.S. Naipaul:
    Die letzte Kolonie. Streifzüge durch die afrikanische Welt
    Aus dem Englischen von U. Enderwitz. € 22,70/320 Seiten. Claassen, München 2005

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