Die Sonnenanbeter

17. August 2006, 17:43
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Was macht man in der Arktis im Winter? Ganz einfach: Wer nicht sehen kann, muss hören - Jazz im Winter und Blues im Herbst

Vier Monate lang liegt Svalbard in stummer Dunkelheit, und es herrscht kalte finstere Polarnacht. In dieser Winterzeit ist man sozial, sitzt im Kaffeehaus und tobt sich beim Indoorsport in der Schwimm-oder Kletterhalle aus. Es ist zu dunkel, um auf Tour zu gehen. Geduldiges Warten auf das Licht und den Frühling. Roger Daniloff, der einen Teil seiner Kindheit auf Svalbard verbracht hat, erinnert sich: "Ich war jedes Jahr einfach nur glücklich, wenn ich im Spätwinter das erste blaue Licht hinterm Gletscher im Süden sah und nicht mehr alles so kohlrabenschwarz aussah!"

Noch liegt der Ort Longyearbyen auf der Hauptinsel Spitzbergen im Schatten der um- liegenden Berge - nur die schneebedeckten Gipfel auf der anderen Seite des Fjordes sind bereits in orange-gelbliches warmes Licht getaucht. Überwältigend schöne Schneelandschaft und klirrend-kalte knusprige Luft. Darüber zieren rosa Wolken den zartblauen Himmel. Alle warten auf den Tag, den 8. März, wenn die Sonne endlich zurück in den Ort kommt. Dann wird gefeiert, es ist Tradition, dass sich Groß und Klein bei der alten Krankenhaustreppe versammeln. Die Treppe des abgetragenen Krankenhauses wurde wieder aufgebaut. Denn es heißt, dass "die Sonne erst dann zurückgekehrt ist, wenn die ersten Strahlen auf diese Treppe fallen".

Auf Svalbard, nur 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt, leben 3000 Menschen, 1800 davon wohnen in Longyearbyen. Alle sind sie zur Stelle, um die Sonne zu begrüßen: Kohlebergarbeiter, Universitätsprofessor, Fremdenführer, Trapper und Kellner. Vergeblich jedoch sucht man heute die Sonne am Himmel. Es ist grau, bewölkt, und Schneeflocken tänzeln unschuldig um großen Tag herum. Nicht ohne Sinn für Theatralik braut sich ein Schneesturm zusammen.

"O sole mio!"

Und dennoch wird das Sonnenfest stattfinden, die Kinder des Ortes kommen aus der Schule und dem Kindergarten ins Freie zur besagten Treppe. Die Stimmung ist fröhlich, und Sonnenlieder werden gesungen. Hört man richtig hin, so haben sich da ein paar amerikanische Weihnachtslieder druntergeschummelt. Ein von der Kälte ganz rotwangiges Mädchen trägt ein Gedicht über die Sonne vor, danach tanzt die Kindergartengruppe im knirschenden Schnee. Außerdem werden Urkunden für die schönsten Sonnenzeichnungen verteilt. Viele Kinder sind in gelbe Sonnenschals gewickelt oder tragen stolz ausgepolsterte Plüschsonnenstrahlen am Kopf. Obwohl es heiße Limonade gibt, macht sich die Kälte - es hat minus 25° C - nach einer Weile bemerkbar. Die mitgebrachten Sonnenbrillen werden enttäuscht weggesteckt. Angetrieben durch den Wind und weil niemand gern friert, löst sich die Feier auf, man geht zurück in die Häuser. Der Ort muss wohl noch ein paar Tage auf die Sonne warten.

Das Sonnenfest hat eine lange Tradition auf Svalbard. Zuerst feierte man nur dn 8. März, später hat sich daraus ein Wochenende entwickelt, und heute erstreckt sich das Fest über acht Tage mit vielen Veranstaltungen. Das Programm der Sonnenfestwoche ist voll gestopft mit Arrangements für Kinder und Erwachsene. Es finden Konzerte statt, Ausstellungen zum Thema Sonne werden eröffnet und Gottesdienste gefeiert. T-Shirts - bemalt mit dem jährlich wechselnden Sonnenlogo - werden überall verkauft. Sie gehen weg wie warme Semmeln. Der Sportverein lädt ins Schwimmbad zum "Sonnenbaden mit Frühstück". Abends zieht die Wasserdisco vor allem junges Publikum an.

Besonders beliebt ist das Schlittenrennen, das jedes Jahr von den Studierenden der nördlichsten Universität der Welt organisiert wird. Voraussetzung bei der Teilnahme am Wettbewerb ist ein selbst gebastelter Schlitten. So tüftelt der eine oder andere Dorfbewohner wochenlang an einem Gewinner-Gefährt. Auf den lustigsten Basteleien rutscht man schließlich den Hügel hinunter in die Zielgerade.

Halb-Fahrrad-halb-Schlitten

Ein etwas klobiges, kistenartiges Teil legt sich auf die Seite und rammt sich im Schnee fest. Doch da drüben saust ein Halb-Fahrrad-halb-Schlitten direkt auf die Schaulustigen zu! Rasch zur Seite gesprungen und die Unglückspiloten kräftig ausgelacht. Elegant hingegen gleitet mit winkender Besatzung ein grüner Pappdrache schnurgerade ins Ziel. Preise gibt es für den schönsten und den lustigsten Schlitten, ebenso für die schnellsten und langsamsten Fahrer.

Neben der Rennstrecke ein Grillfest und dampfend heiße Getränke - und dann doch noch der faszinierende Moment, von dem viele das ganze Jahr über zehren: Die Sonne zeigt sich, das Schlittenrennen wird zur Nebensache. Zum ersten Mal seit über vier Monaten kann man direkt in die leuchtende Kugel gucken. Strahlende Gesichter blinzeln in die Sonne. Spontaner Jubel, Freude, ein tolles Gefühl! Die schönsten Augenblicke sind eben nicht planbar. Endlich kann man auch seinem Schatten wieder guten Tag sagen. Einige Bewohner der hocharktischen Inselgruppe wollten nicht so lange warten und hatten schon in den letzten Tagen Touren unternommen - der Sonne entgegen. Mit Motorschlitten oder auf Skiern ging es auf die Berge für ein paar Sonnenstrahlen auf blasser Winterhaut.

Vergessen sind die eiskalten Finger und die etwas gefühllosen Zehen. Im Huset, dem Kulturhaus und Restaurant, wird weitergefeiert: Modeschau, Kabarett. Vor den Fenstern glitzern die Eisskulpturen, die Kinder heute Nachmittag geschnitzt haben. Beim Dinner erzählt Karin Jusnes (wie jedes Jahr) ihren Freundinnen, dass sie ihren Mann Per beim Sonnenfest vor 26 Jahren kennen gelernt hat. "Und seitdem scheint für mich immer die Sonne", schmeichelt sie ihm. Eines steht fest: Die Rückkehr der goldenen Himmelsscheibe wird in Longyearbyen außerordentlich zelebriert, ja fast übermäßig verehrt. Man weiß eben, dass der Sommer nur kurz ist, der Winter bald wieder über den Ort hereinbrechen wird und die Bewohner wieder im Dunkeln sitzen. Die Finsternis wird jeden Tag dichter und das Warten beginnt von Neuem. (Der Standard, Printausgabe 28./29.1.2006)

Von Valeska Seifert

Svalbard
  • Die 1800-Seelengemeinde Svalbard in der Antarktis
    foto: der standard

    Die 1800-Seelengemeinde Svalbard in der Antarktis

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