Skurrile Spurenelemente Mozarts in Graz

6. Juni 2006, 18:32
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Ein versteckter Mozart-Tempel, süße Kugeln und das Grab von Nannerls Urenkelin

Wolfgang Amadeus Mozart war nie in seinem Leben in Graz. Doch Graz wäre nicht die ehemalige Kulturhauptstadt Europas, fänden sich nicht genügend skurrile Verbindungen mit dem großen Komponisten, um das Mozartjahr nicht sang- und klanglos vorüberziehen zu lassen.

Dabei war genau das Gegenteil geplant: Beim wichtigsten steirischen Klassikfestival, der styriarte, macht man sich diesen Sommer auf die Suche nach dem irdischen Glück und lässt dabei Bach, Händel, Haydn und Schubert gleichwertige Fährtenleger sein wie eben Mozart. Tourismus-Chef Dieter Hardt-Stremayr wollte sogar Graz 2006 zur "mozartfreien Zone" ausrufen.

Soweit der Plan. Doch einer, der Joachim Baur von der Werkstadt Graz überhaupt nicht gefiel, sah ihn der steirische Künstler und Galerist für zeitgenössische Kunst als Angriff: "Was heißt mozartfrei?", fragte sich Baur argwöhnisch, "Das heißt kunstfrei. Unsere Stadt als kunstfreie Zone, das lassen wir uns von den Touristikern nicht sagen!" Also holte Baur die professionellste Selbstdarstellerin der österreichischen Kunstszene, Irene Andessner, die schon 2003 als Wanda Sacher-Masoch die viel beachtete Peitsche in Graz schwang.


Mozart-Bild mit Dame

Diese war gerade dabei, in ihrem Salzburger Atelier unter die gepuderte Perücke zu schlüpfen, und sich nach vollzogener "innerer Wandlung" im Stil des Mozart-Porträts von Joseph Grassi fotografieren zu lassen.

Dabei entstand die Frage des gleichnamigen neuen Andessner-Projekts "I. A.(m) Mozart (?)" - samt Selbstporträts, Videoinstallation, und einer köstlichen Mozart(?)Kugel aus Bitterschokolade und einem Kern mit Pistaziensplittern. Das mit Andessners Portrait verzierte Konfekt wurde - wie schon die Sacher-Masoch-Torte - im Grazer Hotel Erzherzog Johann kreiert. Man kann es auch bei Baurs "Graz Kunst" in der Sporgasse und in der Salzburger Galerie Rudolf Budja kaufen. Baur stellt zudem eine lebensgroße handgenähte Mozartpuppe von Stefanie Erjautz und Andessner/ Mozart-Porträts aus.

Doch Graz hat mehr als diese Kugel: Immerhin lebte hier im 18. Jahrhundert ein Kaufmann namens Franz Deyerkauf, der schon zu Lebzeiten das Genie im sechs Jahre älteren Mozart erkannte und ihm 1792 das erste Denkmal, einen "Mozart-Tempel" erbauen ließ. Leider weiß das niemand, denn der Tempel steht im Hinterhof eines Wohnhauses in der Schubertstraße nahe der Grazer Uni und ist nicht öffentlich zugänglich.

Besuchen kann man dafür das Grab der letzten Mozart-Ahnin, wie die Kulturjournalistin Christa Höller recherchierte. Die Urenkelin von Mozarts Schwester Nannerl, Bertha Forschtner starb, wie ihre Mutter Henriette, verwirrt in der Grazer Nervenklinik "Am Feldhof". (DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2006)

Von Colette M. Schmidt
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