In Wolferls Glashaus

6. Juni 2006, 18:32
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Mögen Mozarts Töne Leichtigkeit ausstrahlen, selbst für große Interpreten sind sie eine Herausforderung, die sie zu den Grenzen ihrer Möglichkeiten treibt

Das Gerücht, nur heuer sei das Jahr eines von Mozart, ist unrichtig. Es ist immer Mozartjahr, seine Klänge sind dauerpräsent - zwischen Konzertsaal und Handyklingelei. Doch erstaunlich: Mozart beschäftigt Interpreten auf eine Art und Weise, die zeigt, dass das Einfache und Zugängliche seiner Musik eine Oberfläche darstellt, die tiefer Liegendes zu verstecken scheint, dessen Erschließung mühsam ist.

Nicht zufällig machen junge Klavierstars wie Technikwunder Lang Lang einen Bogen um ihn, bauen ihre Karriere eher über Romantiker auf. Wagt sich einer ran, wie etwa Pianist Martin Stadtfeld, dann im Bewusstsein der heiklen Aufgabe: "Man muss bei Mozart etwas riskieren. Viel mehr als bei Beethoven. Bei Mozart ist alles viel zerbrechlicher."

Mezzosopranistin Cecilia Bartoli hält Mozart gar für "richtig gefährlich". Technisch sei seine Musik nicht wirklich schwer, "aber emotional ist er ungeheuer anspruchsvoll! Mozart trifft mich oft so tief, dass ich versucht bin, die Kontrolle über mein Singen zu verlieren."

Was Wunder: Auch Musiker, denen selbst eine Prise Genialität nicht abzusprechen ist, haben sich ein Leben lang an Mozart abgearbeitet und waren selbst als reife Pianisten gefordert. Euphorisch notiert Friedrich Gulda 1954: "Die Großen des Jazz sowie Bach und Mozart sollen meine Vorbilder sein!" Doch auch Gulda, dessen Poesie bei Mozart als magisch gelten kann, meint 1995:

"Wenn man diesem Herren Auge in Auge gegenübersteht, kann man Angst haben." Und 1998: "Vor zwei Jahren ist mir bewusst geworden, dass ich mit meiner ganzen Mozart-Spielerei nicht zufrieden bin. So habe ich mich in meinen Maulwurfskeller zurückgezogen, und den ganzen Winter lang angestrengste Gewissensforschung betreiben, also intensivst gearbeitet."

Eine skurrile Ausnahme blieb Glenn Gould. Er schätzte nur Mozarts Klavierfrühwerk, hielt ihn ansonsten für zu theatralisch. Aufgenommen hat er manches, doch es klingt wie eine Verulkung. Grotesk, wie eine gemeine Karikatur. So leicht macht es sich ein Alfred Brendl nicht. Nur aus seinen sprachschönen Mozart-Grübeleien ist zu erahnen, welche Kopfzerbrechen ihm der Klavier spielende Kollege phasenweise macht:

"Mozart ist weder aus Porzellan, noch aus Marmor, noch aus Zucker. Der putzige Mozart, der parfümierte Mozart, der verzückte Mozart, der Rühr-mich-nicht-an-Mozart, der empfindsam verquollene Mozart seien vorsichtig gemieden; auch dem pausenlos poetischen Mozart gebührt leiser Zweifel. Wer poetisch spielt, sitzt allzu leicht in einem Glashaus, in das keine frische Luft dringt; man möchte kommen und die Fenster öffnen. Poesie sei die Würze, nicht das Hauptgericht."

Eine Altersfrage

Bei Maurizio Pollini spielte Mozart bis dato vergleichsweise eine geringe Rolle, vielleicht eine Frage des Alters: "Ich glaube, man kommt Mozart eher mit zunehmendem Alter näher. Vielleicht, weil man seine Subtilität erst richtig zu schätzen weiß, wenn man ein erwachsender Mensch ist. Wer genau hinhört, merkt, dass er alles auszudrücken vermag. Je erfahrener man wird, desto mehr nimmt man davon wahr."

Die Gelegenheit ist also für den 63-Jährigen nun günstig, und sie wird auch genutzt: Beim am Samstag im Konzerthaus beginnenden Projekt Pollini Perspektiven lässt der Italiener in insgesamt acht auf das Mozartjahr verteilten Konzerten häuserübergreifend (Musikverein, Konzerthaus, Theater an der Wien) Mozart und Moderne zusammenschmelzen (mit Schönberg, Berg, Boulez, Ligeti, Nono, Stockhausen).

Mit dabei das Hagen Quartett, dem Alban Berg Quartett und das Klangforum Wien. Pollini findet den Zusammenprall der weit auseinender liegenden Musikepochen reiz-und auch sinnvoll: "Mozarts Kunst steht im Zentrum dessen, was die Idee von Musik überhaupt ist. In gewisser Weise hat jeder Komponist eine Verbindung zu ihm. Es geht gar nicht anders." (DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2006)

Von Ljubisa Tosic
  • Pianist Maurizio Pollini kombiniert im Mozartjahr 
in acht Konzerten 
die Musik des Wiener Klassikers mit der moderner Kollegen.
    foto: dg

    Pianist Maurizio Pollini kombiniert im Mozartjahr in acht Konzerten die Musik des Wiener Klassikers mit der moderner Kollegen.

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