Biobauern wollen mit Gentechnik null zu tun haben

22. März 2006, 11:07
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EU-Vorschlag zur Veränderung der Bio-Verordnung erhitzt Gemüter der Biobauern - In Österreich wollen die meisten an der derzeitigen "Nulltoleranz" festhalten

Wien - "Da gibt es derzeit heiße Diskussionen", sagt Johannes Tomic, Bundesobmann der Interessengemeinschaft Bio Austria. "Die meisten wollen, dass es so bleibt wie bisher. Es gibt aber auch einige, die sagen, was können wir dafür, wenn andere gentechnisch veränderte Teile zumischen."

Es geht um den ominösen Schwellenwert von 0,9 Prozent, ab dem laut EU-Regeln überhaupt erst Futtermittel und Saatgut (und die daraus folgenden Produkte) als gentechnisch (GVO) verändert gekennzeichnet werden müssen; unter dem Schwellenwert bedürfen sie keiner GVO- Kennzeichnung. In Österreich legen die Biobauern diese Regel streng aus und beziehen nur Produkte ganz ohne GVO; in anderen EU-Staaten wird die 0,9-Grenze von der Biolandwirtschaft ausgenutzt.

Noch Verhandlungsbedarf

"Ich glaube nicht, dass der Kommissionsvorschlag so angenommen wird", sagt der zuständige Sektionschef im Landwirtschaftsministerium, Andrä Rupprechter. "Bei Bioprodukten muss man strenger sein als bei anderen Lebensmitteln. Das muss man noch verhandeln."

Die Vorgaben aus Brüssel in Sachen Gentechnik sprechen allerdings eine andere Sprache, streicht der Grünen- Agrarsprecher Wolfgang Pirklhuber hervor. Das grundsätzliche Problem bei der Entscheidungsfindung in Brüssel bleibe. "Zuerst findet sich im EU- Agrarministerrat keine Mehrheit, dann geht es an die Kommission und die entscheidet für die Gentechnik." Der Grund dafür ist, dass die Kommission, teilweise auf Basis von Untersuchungen der European Food & Safety Agency in Parma, die Risiken als überbewertet erachtet. Pirklhuber spricht sich dafür aus, dass der EU-Agrarministerrat schon mit einfacher Mehrheit Entscheidungen treffen kann.

Koexistenz

Denn, darin sind sich alle Beteiligten einig: Ein Nebeneinander von konventionellem und auf Gentechnik basierendem Anbau wird bei der immer größer werdenden Palette von Gentechnikprodukten schwieriger. Nicht nur, weil die Kontrollprogramme zur Einhaltung der Regeln aufwändig sind, auch weil der Aufwand bei getrennter Lagerung und Logistik immens ist.

Ein Auseinanderhalten wird auch deshalb immer schwieriger, weil beispielsweise bei Energiepflanzen, etwa für Biosprit (Grundstoff Mais, Raps) schon aus Kostengründen eher zur GVO-Variante gegriffen wird und der dabei überbleibende "Presskuchen" als Futtermittel dient. Erst im Vorjahr hat eine Untersuchung der Universität für Bodenkultur - wie der Standard berichtete - nachgewiesen, dass die 500.000 Tonnen Importsoja in Österreich, die jährlich zur Verfütterung an Tiere im konventionellen Betrieb (also nicht Biobetriebe) gelangen, bereits in hohem Maße Gensoja sind.

Mangel an legistischer Basis

Es mangle an allen Ecken und Enden an einer legistischen Basis, moniert Pirklhuber: "Nur auf Basis von Freiwilligkeit wird es nicht funktionieren." Auch die gentechnikfreien Zonen beruhen auf Freiwilligkeit ohne Mitspracherechte. 36 Landesregierungen aus derzeit acht Ländern der EU sind dabei zusammengeschlossen. Sie verlangen unabhängige wissenschaftliche Risikobewertung und den Erhalt garantiert gentechnikfreien Saatgutes. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.1.2006)

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