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Durch den Urwald führt der Weg zum Wasserfall do Patí
Ein wuchtiges Felsentor führt in die Halle, die sich nach schier endlosen Metern in stockdüsterer Finsternis zur anderen Seite hin zu einem Balkon mit grandiosem Panorama öffnet: Hellgraue und bläuliche Felsstumpen ragen aus der grünen Ebene wie Hocker, die sich ein paar Riesen hingestellt haben, um einen Schwatz zu halten, und dazwischen schlängelt sich an der tiefsten Linie wie ein extra grünes Band das Tal Vale do Patí.
Eben hat der Hausherr seine Spezialität serviert, "Spaghetti mit Tomatensoße und Soja", jetzt reicht er den süßlichen Zuckerrohrschnaps herüber. Der Weg hier herauf war, zugegeben, eine Tortur: 500 schweißtreibende Höhenmeter durch steil ansteigenden Wald, während die Hitze auf 40 Grad steigt. Wie herrlich, jetzt die Erschöpfung zu genießen. Das Feuer brennt nieder, die Augen fallen zu, nur ab und zu dringt aus dem Dschungel noch ein verschlafenes Keckern.
Die Höhle des Monte Castelo
Die Nacht in der Höhle des Monte Castelo ist einer der Höhepunkte der fünftägigen Wanderung durch das Vale do Patí. 4000 Menschen lebten einst in der fruchtbaren, dicht mit Zuckerrohr, Kaffee, Bananen und Ananas bewachsenen Niederung. Heute sind es noch 70. Das 30 Kilometer lange Tal schneidet sich in die Chapada Diamantina, eine Hochebene, die ein Drittel der Fläche der Provinz Bahia im Osten Brasiliens einnimmt. Benannt ist sie nach den begehrten Steinen, die man dort während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Boden holte.
Es dauert, bis man im Vale ist: 27 Kilometer Fußmarsch über weite Ebenen, auf denen sich silbriges Gras wiegt wie Wellen im Wind, und drei schroffe Anstiege, die den Wanderer auf Höhe bringen. Michel ist dafür der ideale Begleiter: Der 29-Jährige kam mit 19 als Aussteiger aus Sao Paulo in die Chapada, lebte lange in einer Kommune und verdient heute sein Geld als Fremdenführer und Imker.
Das bedeutet, dass er eine Menge über Bromelien, Mimosen und die 204 vorkommenden Arten von Orchideen weiß und jede Menge Pflanzen kennt, die als Klopapier, Schlafmittel oder Aphrodisiakum taugen und so klangvolle Namen tragen wie Kehrbesenblume, Vogelkartoffel und Nackte Neger. Übernachtet wird während der Wanderung in den Häusern der Dorfbewohner.
500 Besucher im Jahr
Michels Agentur hat mit einem Anschubdarlehen dafür gesorgt, dass sie Töpfe, Geschirr und Bettwäsche kaufen konnten. Die etwa 500 Besucher, die pro Jahr das Tal durchstreifen, haben den Bauern das Überleben leichter gemacht, einigen sogar bescheidenen Wohlstand gebracht. Don Wilson stampft Pitanga-Früchte zu Saft und kommt ins Erzählen: Wie sie den Nachbarn mit dem gebrochenen Fuß zu viert auf seinem Bett ins 18 Kilometer entfernte Guiné bugsiert haben, durch Regen und Schlamm und steile Maultierpfade hinauf. Denn wenn hier etwas passiert, heißt es, sich selbst zu helfen, ein Arzt verirrte sich zum letzten Mal vor 14 Jahren ins Tal. "Porém eu gosto do vivir aqui!" - trotzdem möchte er nirgendwo anders leben.
Elektrizität gibt es keine. Und also keinen Kühlschrank, kein Telefon, keine Mikrowelle. Auf dem Holzofen aber zaubert Dona Maria ein perfektes Mahl mit Kürbisgemüse, Paradeissalat, Reis mit Bohnen und sogar Rindsbraten: Eingesalzen hält das Fleisch ein paar Tage. Sanft zischt die Gaslampe, die Männer unterhalten sich leise über das anstehende Referendum zum Waffenbesitz in Brasilien, dann wartet schon das Bett im Anbau mit den geweißten Lehmwänden: Man geht früh schlafen im Vale.
Der Jaguar-Pfad
Zwischen großen Felsblöcken führt anderntags der "Jaguar-Pfad" in ein Seitental. Armdicke Lianen hängen von den Bäumen, Bromelien zieren die Äste, Quina-Bäume, die Chininlieferanten, streben wie gotische Pfeilerbündel nach oben. Plötzlich steht angepflockt ein Maultier am Weg, wütend kläffen Hunde davor. "Ah, Tonho schlägt wieder Patí-Palmen", sagt Michel. Das Herz der Palme ist eine begehrte Spezialität - weshalb sie mittlerweile fast ausgerottet ist. Tatsächlich ist die Region Teil eines Nationalparks, in dem alle Eingriffe verboten sind, aber Salvador, die Provinzhauptstadt, ist weit. Und wo kein Kontrolleur, da gelten eigene Gesetze.
Weiter geht es über raschelndes Blätterzeug und verrottende Stämme, mannshoch steht der Farn, Wurzeln angeln nach den Füßen - rundum dies wundervolle Chaos namens Dschungel. Grünmetallic blitzen Kolibris in der Sonne, und von fern klingt es, als hämmere jemand unverdrossen auf ein kleines, silbernes Hufeisen: Araponga, der Schmiedevogel, ruft.
Ganz hinten aber öffnet sich ein Kessel, und aus 240 Metern Höhe stürzt ein Wasserfall herab; wie Reptilienhaut genarbt, liegt der grünbemooste Fels dahinter. Wasserfälle finden sich an vielen Stellen in der Chapada, am schönsten ist der von Buracao, weit im Süden: Als hätte jemand in versteinerten Blätterteig einen Gang geschnitten, schlängelt sich ein Canyon in den Fels.
Coco-cola-farbenes Wasser
An seinem Ende tost das Wasser in Kaskaden herunter, schäumt in einen natürlichen Swimmingpool mit coca-cola-farbenem Wasser, ein irisierender Regenbogen rundum. Am Abend erwartet Don Massur die Wanderer. "Viel fanden wir nie." Der 88-jährige Graukopf war lange Garimpeiro, Diamantenschürfer. Um 1840 begann der Run auf die Fundstellen in der Chapada, fünf Jahre später wieselten schon 30.000 Menschen durch die Ödnis, kratzten Stollen in die Erde und höhlten das Konglomeratgestein aus wie Schweizer Käse.
Wer eine Pflanze ausriss, sah sich die Wurzeln genau an, und selbst die Kröpfe geschlachteter Hühner wurden aufgeschnitten: Es hätte ja etwas glitzern können . . . Kam einer ums Leben, wurde er unter Steinen begraben - noch heute säumen einige der länglichen Haufen den Weg aus dem Tal.
Reich wurden eher die Händler und die "Colonels", die die Patente vergaben und denen die Schürfer 20 Prozent alles Gefundenen schuldeten. "Wenn in Andaraí Markt war, zogen wir feinstes Leinen an und tupften französisches Parfüm auf", sagt Don Massur grinsend.
Bunt und föhlich
So festlich geht es heute dort nicht mehr zu, aber bunt und fröhlich allemal: Im blanken Blech neuer Waschschüsseln spiegeln sich lila Röcke und gelbe Fußballtrikots. Dazwischen das Grün der Bananen, das mürbe Rotbraun eingesalzener Fleischseiten, das Weiß der Zähne in dunklen Gesichtern. Und aus den Bars stapfen schon am Vormittag Männer, denen der Schnaps sichtlich zugesetzt hat - nicht anders als damals vermutlich.
Anfang des 20. Jahrhunderts aber fand man Diamanten in Südafrika, die Chapada verlor an Bedeutung, der große Wirbel war vorbei, nur Einzelne gruben noch weiter. "Das ist so lange her, dass es allmählich in Vergessenheit gerät", sagt Marcos Zacaraides, "aber noch nicht lange genug, dass es den Menschen geschichtswürdig erschiene." Der Künstler aus Sao Paulo hat in Igatu inmitten der verfallenden Mauern einstiger Garimpeiro-Häuser ein kleines Museum aufgebaut: Grubenlampen, Waschschüsseln und Diamantwaagen strahlen bedeutungsvoll in ausgeleuchteten Vitrinen.
Tatsächlich steigen auch heute noch an manchen Tagen ein paar alte Männer mit Hacke und Schaufel in die Berge und beginnen zu buddeln. Das ist zwar im Nationalpark verboten, aber Salvador ist weit. "Und irgendwie juckt es einen doch immer noch in den Fingern", bemerkt Don Massur lachend. Irgendetwas leuchtet dabei in seinen Augen - Diamantenfieber vielleicht. (Der Standard/rondo/27/1/2006)
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