Stil ist eine Frage der Nachfrage

1. Februar 2006, 22:53
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Starke Performance: 2005 zählte der Dadaismus zur am stärksten nachgefragten Stilrichtung. Im Zeitraum 1997-2005 ist dieser Titel dem amerikanische Minimalismus vorbehalten: eine Analyse im Vorfeld der Londoner Contemporary-Auktionen

London - Wenn die Londoner Auktionssäle von Christie's und Sotheby's vom 8. bis 10. Februar zum "Sit-in" mit Vertretern der zeitgenössischen Kunstszene locken, dann sind klingende Namen ebenso gewiss wie neue Künstlerrekorde. Lucian Freud, Roy Lichtenstein, Yves Klein, Francis Bacon und Gerhard Richter sind fraglos die hochdotiertesten und werden sich mit solch realisierten Taxen im siebenstelligen Pfund-Bereich im Ranking der zehn höchsten Auktionszuschläge wieder finden.

Zu den heißen Anwärtern zählen etwa die Porträts von Lucian Freud (Man in a string chair, Christie's 8. Februar; Bruce Bernard, Sotheby's 9. Februar) für die zwischen zwei und vier Millionen Pfund erwartet werden. In die Kategorie gefragtester Stil 2005 fallen die angepriesenen Highlights allerdings ebenso wenig wie in jene mit der besten Marktperformance seit 1997, wie vor kurzem von Artprice veröffentlichte Analysen dokumentieren.

Die am stärksten nachgefragte Kunstrichtung 2005 wurde, angeheizt durch eine große Retrospektive im Pompidou und die kurze Lebensdauer des Dadaismus, dessen Preisindex auf dem Auktionsmarkt im Laufe des vergangenen Jahres um satte 137 Prozent stieg. An die zweite und dritte Stelle katapultierten die Käufer zwei italienische Kunstrichtungen, den Futurismus mit 97,7 und die Arte Povera mit 93 Prozent, die im Vergleich mit den anderen vier beliebtesten Stilen seit 1990 die stärkste Marktentwicklung durchlaufen hat (170 Prozent). Die Plätze vier (Chinese New Wave, 83,4 Prozent) und fünf (Ancient Chinese Art, 80,4 Prozent verdeutlichen wiederum die steigende Präsenz des asiatischen Marktes.

Die beste Performance der vergangenen zehn Jahre bleibt allerdings einem Kapitel der amerikanischen Kunstgeschichte vorbehalten, dem Minimalismus. 1960 verursachte Frank Stellas mit seinen im MOMA präsentierten black paintings einen Skandal, heute zählen sie zu den gefragtesten Arbeiten. 1989 erzielte Tomlison Court Park (1954) den Rekord von 4,6 Millionen Dollar (Sotheby's) und für das im selben Jahr geschaffene Bethlehem's Hospital fiel der Hammer 2003 bei 3,9 Millionen Dollar (Christie's). Dabei hatten die Amerikaner mit diesem Stil anfangs ihre Not: "Wie von Außerirdischen zurückgelassen, aber ohne Gebrauchsanweisung", merkte Robert Hughes in seinem Standardwerk Bilder von Amerika zur Wirkung der minimalistischen Kunst an. Dieses Schicksal ereilte sogar der Doyen des "hohen" Minimalismus, Donald Judd.

"Es fällt nicht leicht, sein Werk zu mögen, weil die von ihm angestrebte Reduktion in der Bildhauerei den wenigsten Menschen gefällt." Der Markt zeigt mittlerweile ein anderes Bild. Allein von 2001 auf 2002 stieg der in Auktionssälen erzielte Umsatz mit seinem Werk um 261 Prozent auf umgerechnet mehr als zwölf Millionen Euro. Seine 1966 aus gelben Plexiglas Modulen geschaffene Komposition wechselte im Mai 2002 für umgerechnet 4,6 Millionen Euro und damit dem höchsten jemals für ein minimalistisches Kunstwerk erzielten Preis bei Christie's den Besitzer. Insgesamt zeichnet der amerikanische Markt (90 %) für diese Performance verantwortlich. Nur zu zehn Prozent ist der Marktplatz London beteiligt. Und entsprechend reduziert finden sich nur vier Arbeiten im aktuellen Angebot versteckt: Für die von Sotheby's offerierten, in den 80er-Jahren ausgeführten Judd-Werke liegen die Investitionskosten zwischen taxierten 60.000 und 150.000 Pfund - und einen besonderen Tipp verdient Agnes Martins 1977 gemaltes Double Dagger (50.000-70.000 Pfund). (DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2006)

Von Olga Kronsteiner
  • Donald Judd, Doyen und Rekordhalter in der Kategorie des amerikanischen Minimalismus. Sotheby's bietet aktuell diese auf 60.000 bis 80.000 Pfund taxierte Arbeit (9. Februar).
    foto: sotheby's

    Donald Judd, Doyen und Rekordhalter in der Kategorie des amerikanischen Minimalismus. Sotheby's bietet aktuell diese auf 60.000 bis 80.000 Pfund taxierte Arbeit (9. Februar).

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