"Wir sehen das Vorgehen des ORF als Wortbruch"

13. Juli 2006, 11:08
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Die "Artikel 7 - Unser Recht!"-RegisseurInnen Thomas Korschil und Eva Simmler im derStandard.at-
Interview

Den geschichtlichen Hintergründen der Kärntner Ortstafelblockade spüren die heimischen Filmemacher Thomas Korschil und Eva Simmler in ihrer Dokumentation "Artikel 7 - Unser Recht!" nach. Der ORF und das slowenische RTV haben das 83-Minuten-Werk mit produziert.

In Slowenien lief der Film im Abendprogramm, in Österreich jedoch verschwand "Artikel 7 - Unser Recht!" überraschend vom geplanten Programmplatz Sonntagabend, 4. Dezember 2005. Simmler und Korschil erzählten derStandard.at, was sie dazu bewegte, den Film zu drehen, was sie bei der Vorführung des Dokumentarfilms in Kärnten erlebten und was sie als Nächstes vorhaben.

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derStandard.at: Was war Ihre Motivation, den Dokumentarfilm "Artikel 7 – Unser Recht!" zu drehen? Sind Sie von der Ortstafelproblematik persönlich betroffen?

Thomas Korschil: Nach dem VfGH-Erkenntnis 2001 und den Reaktionen darauf stellten wir uns die Frage, woher in Kärnten dieser erbitterte Widerstand gegen die Aufstellung dieser Blechtafeln kommt. Deswegen haben wir zuerst nur für uns selbst die Hintergründe recherchiert und entdeckten die Kontinuität der Verweigerung von Rechten, die auf die Erste Republik zurückgeht.

Über die Ereignisse der Nazizeit – Verfolgung, Deportation, Planung der vollständigen Germanisierung nicht nur im Gebiet des heutigen Österreich, sondern auch weiter hinunter auf dem Balkan – setzt sich das in der Zweiten Republik unter anderen Vorzeichen fort: Die Verweigerung von Rechten, Diskriminierung, Nichtanerkennung und Nichtintegration des Slowenischen in die österreichische Nation/die Gesellschaft in Kärnten.

Der konkrete Anlass für den Film waren dann die Aktionen junger Kärntner Slowenen (hauptsächlich Studenten und Studentinnen) in den 70er Jahren, die sich 15 Jahre nach Unterzeichnung des Staatsvertrags, der im Artikel 7 ja den Schutz von Minderheiten garantiert, nicht darauf beschränken wollten, ihre Altvorderen mit Politikern verhandeln zu lassen. Sie ergriffen selbst die Initiative und ergänzten eigenhändig in zweisprachigen Gemeinden die slowenischsprachigen Aufschriften auf den Ortstafeln, wie es im Staatsvertrag ja eigentlich vorgesehen ist.

Dadurch kam das Thema überhaupt erst in die Öffentlichkeit, unter der Regierung Kreisky wurde dann 1972 die Aufstellung zweisprachiger Tafeln per Gesetz angeordnet und es kam zum berüchtigten Ortstafelsturm.

Wir wollten ausgehend von den offenen Fragen, die es heute noch gibt, Gründe für diese Ablehnung der Zweisprachigkeit ermitteln. Dabei konnten wir abseits der Ortstafelthematik auch allgemeinere Zusammenhänge behandeln – den Umgang mit der österreichischen Geschichte, der Nazizeit, die Frage der österreichischen Identität und der Ausgrenzung slawischer Einflüsse und in neuerer Zeit der Aufstieg der Rechten. Es ist kein Zufall, dass Haider in Kärnten groß geworden ist.

Eva Simmler: Wir haben keine Kärntner oder slowenischen Wurzeln, aber diese Angelegenheit geht uns alle an – daher auch der Filmtitel "Artikel 7 – Unser Recht!" Der Slogan kommt aus den 70er Jahren, ist aber heute aktueller denn je. Kanzler Schüssels Aussage, VfGH-Erkenntnisse "seien zwar zu respektieren", die Umsetzung des Staatsvertrages könne jedoch nur im Konsens mit der Bevölkerung erfolgen, ist ein Witz: Es ist nirgends festgeschrieben, dass eine Mehrheit über Minderheitenrechte bestimmen soll.

Uns interessierten die Hintergründe: Warum wird die Ablehnung zweisprachiger Ortstafeln nicht hinterfragt? Schließlich gibt es auf der ganzen Welt zweisprachige Topografien. Noch um die Jahrhundertwende bekannten sich an die hunderttausend Kärntner zur slowenischen Sprache – was ist aus dieser Bevölkerungsgruppe geworden? Der Film versucht, diese Hintergründe aufzuarbeiten.

derStandard.at: Wie waren die Publikumsreaktionen bei der Vorführung des Filmes in Kärnten?

Eva Simmler: Mit den Besucherzahlen sind wir nicht besonders zufrieden: obwohl "Artikel 7 – Unser Recht!" in allen Bundesländern außer dem Burgenland gezeigt wurde, haben bisher nicht mehr als 2500 Menschen den Film gesehen. Im Vergleich zur Reichweite bei der zugesagten Ausstrahlung im ORF-Abendprogramm ist das fast nichts. In Kärnten und in Wien war das Publikumsinteresse etwas größer, in den anderen Bundesländern jedoch enttäuschend.

Bei unserer Tour durch Südkärnten im Mai 2005 kam es zu angeregten Diskussionen. Ältere Filmbesucher berichteten über ihre eigenen Erfahrungen: So erfuhren wir zum Beispiel, dass ein im Film gezeigter sozialdemokratischer Bürgermeister, der eine minderheitenfeindliche Politik betreibt, selbst aus einer slowenischen Familie stammt und als Kind ausschließlich Slowenisch sprach. Im Gegensatz dazu wussten jüngere Besucher praktisch nichts über ihre Geschichte.

derStandard.at: Mitte Dezember gab es eine Aussprache mit dem ORF. Wurden dabei Gründe für die Nichtausstrahlung genannt oder ist vielleicht sogar damit zu rechnen, dass das österreichische Fernsehpublikum "Artikel 7 – Unser Recht!" doch noch zu sehen bekommt?

Korschil: Der ORF hat bisher keine näheren Belege geliefert, warum unser Film nicht objektiv sei. Unserem Produzenten wurde mitgeteilt, dass sich Navigator Film einen Anwalt nehmen solle, über den die Verhandlungen mit der Rechtsabteilung des ORF laufen sollen. Wir sind zuversichtlich, dass es bei näherer Prüfung des Filmes nichts zu beanstanden geben wird und er also ausgestrahlt werden kann.

Simmler: Der ORF war von Anfang an an der Produktion beteiligt. Das Konzept wurde von den zuständigen Redakteuren abgesegnet. Wir haben uns also darauf verlassen, dass der Film noch im "Gedankenjahr" 2005 ausgestrahlt wird, weil gerade Filme wie unserer dem ORF helfen, sein Objektivitätsgebot einzuhalten. Dort kommen nämlich die Betroffenen selbst zu Wort, die sonst niemand befragt.

Wir sehen das Vorgehen des ORF als Wortbruch, weil wir sogar die Kinosperrfrist verkürzt haben, um "Artikel 7 – Unser Recht! " noch 2005 in Fernsehen zu bringen. Normalerweise sind nämlich Filme geschützt, um die Einnahmen der Kinos sicherzustellen. "Operation Spring" zum Beispiel läuft derzeit noch in den Kinos und wird erst zu einem späteren Zeitpunkt im ORF ausgestrahlt – das hoffe ich zumindest.

Der ORF hat außerdem ein Exklusivrecht auf die Ausstrahlung von "Artikel 7 - Unser Recht!" in Österreich, weil der Film über das Film- und Fernsehabkommen finanziert wurde. Eine Ausstrahlung auf anderen TV-Sendern ist also ausgeschlossen.

derStandard.at: Die Generation, die den "Kärntner Abwehrkampf" miterlebte, stirbt langsam aus. Haben Sie den Eindruck, dass sich dadurch etwas ändern könnte?

Korschil: Dieses "biologische Argument" ist leider nicht besonders tragfähig. Wir haben beobachtet, dass sich diese Angst durch die ständige Ausnutzung dieses Themas in der Politik, um eine Gruppe zu haben, die "draußen ist", vererbt. Es gibt immer noch Stigmatisierte, auf die man mit dem Finger zeigen kann.

Bei den symbolischen Ortstafelaufstellungen im Frühjahr 2005 konnten wir beobachten, dass die Bevölkerung immer noch fanatisch dagegen ist, was manchmal sogar Jörg Haider selbst zuviel wird. Er hat dann das Problem, dass die Bevölkerung, der diese Ablehnung jahrzehntelang vermittelt wurde, sich nicht so schnell ändern kann wie ein Politiker, der eben ein paar Tafeln aufstellt, wenn es gerade opportun ist.

Ein zentraler Begriff in Kärnten ist die Urangst vor möglichen Gebietsansprüchen Jugoslawiens, von der ein paar Fundamentalisten immer noch als reale Bedrohung sprechen. Das Minderheitenthema ist in Kärnten so beladen, weil die "nationale Frage" mit der "sozialen Frage" verbunden ist. Die Slowenen waren immer die niedrigste soziale Schicht, also Arbeiter und Bauern. Das Bürgertum war deutschsprachig, ein Aufstieg war also nur durch Germanisierung möglich. Die Assimilierten wollen nicht auf ihre slowenischen Großeltern hingewiesen werden. Sie haben Angst vor einem Rückfall in die soziale Machtlosigkeit.

Simmler: Im Sinne einer nachhaltigen Veränderung könnte ich mir den Einsatz von Mediatoren nach dem Vorbild der südafrikanischen "Reconciliation"-Prozesse vorstellen. Diese könnten die Leute ins Gespräch miteinander bringen, so dass alte Ängste angesprochen werden. Dies mag in einem so schönen, harmonisch lebenden Land wie Österreich extrem klingen, aber diese historischen Verdrängungen schwingen überall mit. Solange man nicht zu seiner eigenen Vergangenheit findet, wird sich nicht viel ändern im Land.

Korschil: Solange jemand Landeshauptmann sein kann, der ein affirmatives Verhältnis zu Begriffen wie "Volksgemeinschaft" hat, wird sich nichts ändern. Das Minderheitenthema wird außerdem vorgeschoben, um von anderen Sachverhalten abzulenken. Kärnten steht wirtschaftlich weiterhin sehr schlecht da und die Landesregierung hat ständig Probleme mit ihrem Haushalt.

derStandard.at: Planen Sie aufgrund der Publikumsreaktionen ein Nachfolgeprojekt?

Korschil: Eigentlich reicht es uns mittlerweile. Ich habe allerdings ein kurzes Video zum Umgang der SPÖ mit den Nazis produziert. Der Film "Kreisky 1972", der im März 2006 auf der Diagonale in Graz laufen wird, besteht ebenfalls aus Archivmaterial und behandelt die Integration ehemaliger Nationalsozialisten in die Regierung Kreisky. Die Zustände in Kärnten sind nämlich sehr wohl auch auf den Umgang der SPÖ mit der Geschichte und Minderheitenthemen zurückzuführen, die SPÖ hielt ja bis 1989 die absolute Mehrheit dort. Haider ist insofern auch ein Produkt der sozialdemokratischen Politik in Kärnten.

Simmler: Wir planen, unsere Dokumentation an Schulen zu zeigen. Es hat uns sehr betroffen gemacht, dass junge Kärntner in der Schule praktisch nichts über den Partisanenkampf oder die Geschichte der slowenischen Minderheit lernen. Mehrere Landes- und Stadtschulräte haben bereits Interesse bekundet, was sehr positiv ist. Dennoch werden wir den ORF nicht aus der Verantwortung entlassen und fordern weiterhin die TV-Ausstrahlung."

Das Gespräch führte Berthold Eder

Zur Person:

Eva Simmler: Geboren 1969 in Wien. Studien in Wien, Graz und Dublin (Biochemie, Kunstgeschichte, Women studies u.a.). Foto- und Kunsthistorikerin. Gründungsmitglied von kinoki.

Thomas Korschil: Geboren 1968 in Salzburg. Studien in San Francisco und Wien (Film, Philosophie). 1992 Preis der Viennale "Neues Kino" für die experimentellen Filme "Spring" und "Sunset Boulevard". Seit 1998 Mitarbeit an Dokumentarfilmen. Seit 2001 Lehrauftrag an der Kunstuniversität Linz.

  • Eva Simmler: "Es hat uns sehr betroffen gemacht, dass junge Kärntner in der Schule praktisch nichts über den Partisanenkampf oder die Geschichte der slowenischen Minderheit lernen."
    foto: berthold eder

    Eva Simmler: "Es hat uns sehr betroffen gemacht, dass junge Kärntner in der Schule praktisch nichts über den Partisanenkampf oder die Geschichte der slowenischen Minderheit lernen."

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