Falsche Bilder und Wiederholungstäter

20. Februar 2006, 18:55
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Eigentlich wollte er nie mehr nach Wien kommen: Teil 2 des STANDARD-Interviews mit John Irving

Die Stadt Wien verteilt heuer Die Bären sind los! als Gratisbuch; das Burgtheater, wo er am 19. Februar seinen jüngsten Roman Bis ich dich finde präsentieren wird, ist längst ausverkauft: Dennoch scheint es US-Schriftsteller John Irving einige Überwindung gekostet zu haben, nach Wien zu reisen - in jene Stadt, in der er als Student einige Monate gelebt hat und die er gerade in seinen frühen Werken (auch im Hotel New Hampshire) immer wieder zum Schauplatz grotesker Verwicklungen machte.

Der Grund: 1986 war Irving nach einer Lesung und Stellungnahmen zur Waldheim-Affäre auf heftige Ablehnung heimischer Medien gestoßen. So kreiste das Gespräch, das er dem STANDARD jüngst in Toronto gewährte, nicht nur um lebenslange Vatersuche, Kindesmissbrauch und andere private Traumata, die Hauptthemen von Bis ich dich finde (siehe Teil 1 in der gestrigen Ausgabe), sondern auch rund um den kommenden Wien-Besuch - und um den zunehmenden Unwillen des Autors, zu tagespolitischen Fragen Stellung zu beziehen.

STANDARD: Was verbinden Sie heute mit Wien?

Irving: Nun, einerseits das Donnerwetter, das über mich hereinbrach, als ich damals in den 80ern wagte, die österreichische Öffentlichkeit wegen ihres laxen Umgangs mit der Vergangenheit zu kritisieren. Andererseits sind bereits meine Erinnerungen an die Zeit, die ich 1963 als Student am Institut für Europäische Studien hier verbrachte, eher zwiespältig.

Waldheim hatte ja nur den dumpfen Antisemitismus zum Vorschein gebracht, den ich bereits damals am eigenen Leibe erlebt hatte. Mein jüdischer Zimmerkollege aus Chicago zum Beispiel, der war groß gewachsen, blond, blauäugig. Und ich, kein Jude, war der gedrungene Dunkelhaarige, der Irving hieß - was eigentlich nur als Vorname jüdische Abstammung bedeutet. Also konnte gerade ich mir einiges anhören. Israelischen Freunden und Ringkampftrainingspartnern ging es nicht anders. Insofern ging mir die defensive Haltung der Österreicher in Sachen Waldheim ziemlich nahe.

STANDARD: Was halten Sie daher von der defensiven Haltung vieler Amerikaner in Sachen Irakkrieg heute?

Irving: Sie berühren da schon einen wunden Punkt. Wenn ich jetzt zum Beispiel nach Wien kommen werde, werden verständlicherweise viele Journalisten fragen, was ich an Bush und der aktuellen Haltung der USA zu kritisieren habe. Dass ich einiges kritisiere, ist ja bereits ausführlich dokumentiert. Ich fühle mich aber eigentlich wohler, das im eigenen Land zu tun, als in Europa den simplen Antiamerikanismus zu bedienen. Keine Frage: Auch im Februar wird Bush mit Sicherheit einen Blödsinn machen, über den ich mich auslassen könnte . . .

STANDARD: Werden Sie denn in den USA viel zu etwaigem "Blödsinn" befragt?

Irving: Nein. Und wenn ich etwas in diese Richtung sage, dann wird es kaum jemals abgedruckt. Es herrscht da die weit verbreitete Ansicht, dass Schauspieler nur etwas vom Schauspiel verstehen und dass auch Schriftsteller besser bei ihrem Leisten bleiben sollten - davon abgesehen, das Schriftsteller ohnehin keine besonders geachtete Spezies sind, verglichen etwa mit Filmstars. Und die Medien unterstützen noch die Haltung, dass Politiker über allen, nicht zuletzt über meinereins stehen. Leider hat man die Lektionen aus dem Vietnamkrieg nie gelernt. Und Typen wie ich sollten, so die Medien, besser die Klappe halten.

Als ich bei meiner Dankesrede für den Oscar für Gottes Werk und Teufels Beitrag den Wahnwitz der Abtreibungsgegner kritisierte, knapp 35 Sekunden lang - selbst die New York Times bezeichnete das als "überflüssig", obwohl sowohl mein Buch wie auch der Film Fragen der Abtreibung verhandeln!

STANDARD: In Europa ist man für Ihre kritischen Einwände wiederum zu "dankbar"?

Irving: Ich glaube, ja. Da tritt das umgekehrte Phänomen ein. Ich habe mit Bis ich dich finde ein Buch geschrieben, in dem ich sehr persönliche Beschädigungen aufarbeite. Ich habe härter als jemals zuvor, gut sieben Jahre lang daran gearbeitet. Und was fragen mich die Journalisten? "Sind Sie gegen Bush?" In diesen Tagen ist das vielleicht verständlich, und tatsächlich werde ich es wohl nicht mehr erleben, dass der beschädigte Ruf der USA besser wird - aber es berührt mich schon unangenehm, wenn ich dann rein gar nicht über das Buch befragt werde.

STANDARD: In "Bis ich dich finde" erzählen Sie nicht zuletzt die Geschichte eines "falschen" Feindbilds: Ein Sohn sucht einen Vater, den seine Mutter über Gebühr dämonisiert hat. Haben Sie dabei die US-Feindbilder nach 9/11 in keinster Weise "inspiriert"?

Irving: Interessant, dass ich das bis dato weder in den USA noch in Europa gefragt worden bin . . . Tatsächlich geht es darum, wie sich jemand seine Sicht auf sich zurechtlegt und wie er manipuliert wurde.

Mein Ziel war es im Prinzip, allen Hauptfiguren des Buches ein Ereignis zuzuschreiben, das sie für den Rest ihres Lebens und in ihrer Haltung beschädigt hat. Das mache ich im Prinzip immer so. Der verschwundene Vater und "Feind" in diesem Roman repräsentiert insofern eine eher leichtfüßige Variante: ein fanatischer Organist mit einer Leidenschaft für Tätowierungen. Irgendwann ist er am ganzen Körper gezeichnet, aber das berührt nur die Oberfläche. Und sein Sohn, Jack Burns, in der Kindheit sexuell missbraucht, er wird immer mehr zum "hollow man" - bezeichnenderweise kann er das in Hollywood und als Medienstar sehr gut ausleben.

Sein Erfolg: exzessiv immer jemand anderer zu sein. Zu verschwinden - in Images und Rollen. Was ich nun weiter zu erzählen versuche: Der Schaden, der uns zugefügt wird, er wiederholt sich wieder und wieder, bis zu einem Grad, wo wir es auf perverse Weise genießen, dass und wie sich diese Beschädigung wiederholt. Und so geht der Selbstbetrug munter weiter.

Auch Geschichtenerzähler wie ich leiden unter dieser Krankheit: Wir arbeiten wie Pferde mit Scheuklappen. Wir kreieren eine lebendige fiktive Welt, ohne wahrzunehmen, was da eigentlich durch uns durchschreibt. Die Tagesaktualität hat mich also bestenfalls unbewusst beschäftigt. Auch wenn hier ein ähnlicher Prozess stattfindet: Auf ein falsches Bild reagieren wir in den USA falsch und dann wieder falsch und so weiter.

STANDARD: Also doch: ein politisches Buch?

Irving: Am ehesten in dem Sinne, als es darlegt, wie jemand mit einer Geschichte, die Hollywood mit seinem Remake-Zwang nie als Film akzeptieren würde, von ebendiesem Hollywood und den Medien absorbiert wird. So verschwinden der Mensch und die Wahrheit hinter erfolgreichen, trügerisch eindeutigen Nahaufnahmen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 1. 2006)

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Teil 1 des Interviews "Das eigene Leben, neu und frei erfunden"
Das Interview führte Claus Philipp

Teil 1 des Interviews

"Das eigene Leben, neu und frei erfunden"

Zur Person
John Irving
  • Artikelbild
    foto: diogenes/jane sobel klonsky
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