Das eigene Leben, neu und frei erfunden

20. Februar 2006, 18:57
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Gerade ist Irvings neuer Roman "Bis ich dich finde" in deutscher Übersetzung erschienen - STANDARD-Interview Teil 1

Am 19. Februar wird der US-Schriftsteller "Bis ich dich finde" im Wiener Burgtheater präsentieren. Claus Philipp besuchte Irving vorab in Toronto.


Vielleicht ist Mr. Irving noch im Fitnessraum", meint der freundliche Pförtner: Die kurze Wartephase im Foyer eines dezent-luxuriösen Apartmenthauses im Zentrum von Toronto vermittelt erste Eindrücke davon, dass man im Begriff ist, einen der erfolgreichsten Schriftsteller dieser Tage zu treffen.

Nach Bestsellern wie Garp und wie er die Welt sah und spätestens seit seinem oscar-prämierten Drehbuch zu Gottes Werk und Teufels Beitrag ist Irvings weltweite Popularität am ehesten mit jener von Stephen King zu vergleichen. Entsprechendes Aufsehen erregten die raren Interviews, die sein jüngstes, bis dato umfänglichstes Buch Bis ich dich finde begleiteten: Irving gestand, ähnlich wie der Romanheld Jack Burns, seinen Vater jahrzehntelang nicht gekannt zu haben - und als Kind sexuell missbraucht worden zu sein. Insgesamt hätte sich diesmal der Prozess des Schreibens ungewöhnlich peinigend gestaltet - und offensichtlich befreiend:

Bis ich dich finde ist über 1100 Seiten hinweg eines seiner dichtesten und zugleich vielstimmigsten Werke geworden. Und der 63-jährige Schriftsteller, der mit seiner Familie abwechselnd in Toronto und Vermont lebt, stellt sich in der persönlichen Begegnung als ein von allerlei Verletztheiten Genesener dar, der weiß, was er wert ist, daraus also auch keine große Sache mehr machen muss.

STANDARD: Auf den ersten Blick scheinen Ihre jüngsten Bekenntnisse ziemlich untypisch. Wie kam es dazu? John
Irving: Von jeher werde ich oft gefragt, was meine Romane mit mir persönlich zu tun haben, weil meine Protagonisten oft meine Obsessionen teilen - für den Ringkampf zum Beispiel. Und tatsächlich gilt gerade für dieses Buch: Ich hätte in Memoiren gar nicht direkter beschreiben können, was mir widerfahren ist als hier in fiktiver Form.

Die Frau, die mich als Kind missbraucht hat, war um die 20 und völlig anders als die etwas monströse Mrs. Machado, die im Buch Jack Burns zusetzt. Und natürlich gestatte ich mir Erzähler groteske Details und Perversionen, die mir in Wirklichkeit nicht passiert sind. Das gestattete mir aber zugleich einen distanzierteren, klareren Blick auf die eigene Verunsicherung.

STANDARD: Kurz vor Drucklegung haben Sie die ursprüngliche Ich-Erzählung in die dritte Person übertragen.
Irving: Das geschah nicht zuletzt im Zuge des Bestrebens, Frieden mit meiner Mutter zu schließen. Zwar hatte sie mir jahrzehntelang verschwiegen, wer mein Vater war - was ich bis heute unfassbar finde -, aber sie tat es nicht mit der Niedertracht von Jack Burns' Mutter Alice im Buch. Es hätte sie verletzt, wenn "ich" in meinem Buch derart bittere Gefühle über "sie" beschreibe.

STANDARD: Sie fühlten sich von ihr betrogen?
Irving: Na klar. Und das ganze Buch ist voll mit Charakteren, die einander in aller Nähe und Liebe verraten und betrügen. Wie schon in früheren Romanen erzähle ich, wie man in seiner Kindheit für den Rest seines Lebens geprägt wird. Aber in Bis ich dich finde gehe ich einen Schritt weiter: Jack Burns, der Schauspieler, der als Mensch immer hohler wird, hat gewissermaßen zwei Kindheiten - die, die im Buch zuerst beschrieben wird, und die man zuerst für die wahre hält, und dann diejenige, die er tatsächlich durchlebt hat. Diese beiden Teile, so weit sie im Buch auch auseinander liegen, habe ich übrigens parallel geschrieben, um kleinste Details variieren zu können.

STANDARD: Sie planten von Beginn an die Struktur des Buchs?
Irving: So arbeite ich meistens. Oft habe ich zuerst den Schlusssatz im Kopf, von dem aus ich dann den Anfang vor mir sehe. Hier hatte ich längst das Finale geschrieben, als ich mich an den Auftakt wagte. Als ich drei Viertel dieser Vatersuche geschrieben hatte, rief plötzlich ein Mann an: Er sei mein Bruder . . .

STANDARD: Völlig zufällig?
Irving: Was heißt da schon Zufall? Ich glaube nicht an Koinzidenzen, auch nicht in meinen Büchern. Ich weiß ja, dass Wendepunkte eintreten werden, und sie ergeben sich nicht von selbst, sondern ich schreibe auf sie zu. Also fand ich das geradezu logisch. Ich schreibe diese Geschichte, also ruft mich mein unbekannter Stiefbruder an. Was wirklich interessant war: Wir redeten und redeten, darüber, was wir so machen und wie wir leben - und die ganze Zeit, zwei Stunden lang, fragte ich nicht, ob mein Vater noch lebt. Aber je länger wir redeten, desto klarer wurde: Er ist tot.

Ich bin überzeugt, dass ich mich auch zu diesem Moment, diesem Anruf hingeschrieben habe: Manisch, als hätte ich nur noch diese Geschichte zu erzählen - bis ich sah: Es ist meine eigene.

STANDARD: Weil Sie von Details sprechen: Nichtsdestotrotz wirken die Charaktere mehr wie Rollenmodelle, die sich der Leser selbst vervollständigen muss. Auch die Handlung scheint fast kühl konstruiert.
Irving: Diesem Eindruck kann ich einiges abgewinnen. Mir schwebte phasenweise Orgelmusik als Vorbild vor - die ja neben der Kunst des Tätowierens auch eines der Leitmotive von Bis ich dich finde ist. Es gibt kaum große Orgelkompositionen, die nicht mit Elementen der Wiederholung und Variation arbeiten.

STANDARD: Dazu kommt, dass - wie in Ihren früheren Büchern - phasenweise kaum auszumachen ist, wer nun Haupt-oder Nebenfigur ist.
Irving: Ja, oft hat man das Gefühl: Das ganze Ensemble würde gewissermaßen einen großen Charakter ergeben. Und auch deshalb eliminierte ich letztlich den Ich-Erzähler. Zuerst wirkte das ja ganz authentisch, aber irgendwann fiel mir auf, dass ich wirklich noch nie einen guten Roman in der Ich-Form gelesen hatte, in dem der Ich-Erzähler die Hauptfigur ist.

STANDARD: Siehe Sherlock Holmes und seinen Berichterstatter Dr. Watson . . .
Irving: Genau! Ich selbst habe es zum Beispiel im Hotel New Hampshire nicht anders praktiziert: Da erzählt ein Bruder über seine Schwester, und sie ist die Hauptfigur. Eigentlich ist die ganze Familie die Hauptfigur! Als ich die Landkarte für Bis ich dich finde skizzierte, wußte ich, dass das Ende um den Vater kreist und der Anfang um die Mutter. Ich hatte nur falsch eingeschätzt, dass im Mittelteil tatsächlich Jack Burns selbst die Beobachterrolle aufgeben und gleichsam in Aktion treten muss.

STANDARD: Jack ist Hollywoodstar mit einem Faible für Frauenrollen - was Ihnen die Gelegenheit gibt, auch eigene Erfahrungen mit der Filmindustrie einzubringen. Hat die Arbeit an Drehbüchern wie jenem zu "Gottes Werk und Teufels Beitrag" etwas an Ihrer Erzählhaltung geändert?
Irving: Nein. Ich sehe die Arbeit mit Regisseuren und Produzenten vor allem als sporadische, willkommene Abwechslung zum einsamen Tagwerk als Romancier. Eines hat sich vielleicht geändert: Heute schreibe ich bessere Dialoge. Eine Verfilmung von Bis ich dich finde scheint mir übrigens höchst wahrscheinlich. Meine Traumvorstellung wäre da, Jack mit einer weiblichen Darstellerin zu besetzen, die, wenn "er" Frauen spielt, besonders überzeugend wirken würde... (DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2006)

>>>Zur Person

Zur Person

John Irving, 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren, zählt mit Romanen wie Garp und wie er die Welt sah, Das Hotel New Hampshire oder Owen Meany zu den meistgelesenen US-Schriftstellern der letzten Jahrzehnte. Für das Drehbuch zur Verfilmung seines Buchs Gottes Werk und Teufels Beitrag wurde er mit dem Oscar prämiert.

"Bis ich dich finde", die epische Geschichte der Vatersuche eines Hollywood-Stars, ist sein bis dato elfter Roman. Im Zuge einer Lesetournee durch den deutschen Sprachraum wird Irving das Buch am 19. Februar im (bereits ausverkauften) Burgtheater präsentieren und mit Michael Kerbler (Ö1) und Claus Philipp (DER STANDARD) diskutieren. Am Tag davor wird sein Frühwerk Lasst die Bären los! als Gratisbuch der Stadt Wien verteilt. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2006)

  • "Ich hätte in Memoiren gar nicht direkter beschreiben können, was mir widerfahren ist, als hier in fiktiver Form." - US-Schriftsteller John Irving über sein jüngstes Romanepos "Bis ich dich finde".
Zur Person: John Irving
    foto: diogenes/ jane sobel klonsky

    "Ich hätte in Memoiren gar nicht direkter beschreiben können, was mir widerfahren ist, als hier in fiktiver Form." - US-Schriftsteller John Irving über sein jüngstes Romanepos "Bis ich dich finde".

    Zur Person: John Irving

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