"EU-Bashing ist hier erstaunlich legitim"

7. Februar 2006, 15:20
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Verena Ringler kämpft sich halbjährlich durch einen Datenberg aus tausenden Einzelergebnissen - Am Ende steht der Eurobarometerbericht für Österreich

Wenn die Analystin Verena Ringler mit ihrer Arbeit beginnt, sind alle Daten für den aktuellen Eurobarometer erhoben. Ein repräsentativer Querschnitt der ÖsterreicherInnen hat längst Fragen über Ratsvorsitz, Vertrauen in die EU, Vorteile und Auswirkungen der Mitgliedschaft, EU-Verfassung etc. beantwortet. In teilweise einstündigen persönlichen Befragungen mit den MitarbeiterInnen des Gallup-Institutes Österreich konnten sie ihrer Meinung über die EU im Befragungszeitraum Oktober/November freien Lauf lassen.

Exceldateien aus Brüssel

Ende November langen die Ergebnisse all dieser Befragungen bei Verena Ringler ein. "Vier große Exceldateien aus Brüssel, das ist die Ausgangsbasis meiner Arbeit," erinnert sich die 29-Jährige mit leichtem Schaudern. 1010 Österreicherinnen und Österreicher wurden zu unzähligen Fragen befragt. Die daraus resultierenden Datenberge versucht Ringler in lesbare Analysen zu verwandeln - und muss erstmal die Gewichtungen setzen. "Diesmal ist in der Publikation zum Beispiel nichts zu Außenpolitik und der Relation Europa-USA enthalten." Die Daten sind jedoch "irgendwo tief in den Excelbergen vergraben" und werden erst zum Besuch von Präsident Bush im Juni ans Licht geholt.

Aspekte im Hintergrund

Seit 1973 gibt das Eurobarometer halbjährlich einen Überblick über die selben Kernthemen, nationale Zusatzbereiche werden ebenfalls abgefragt. "Ich weiß zum Beispiel, wieviele Fernseher ein österreichischer Haushalt durchschnittlich hat, welche Sendungen gesehen werden, habe etliche Tools des Marketing vorliegen." Auch zur politischen Orientierung der ÖsterreicherInnen hat der Datenberg einiges an Info zu bieten: Bei den kommenden Nationalratswahlen finden die jungen ÖsterreicherInnen beispielsweise keine Partei, die ihrem Weltbild gerecht würde.

Verknüpfungen und Interpretationen

Die Verknüpfung solcher und ähnlicher Informationen ist die große Herausforderung für Ringler. Auch die Relativierung ist ihr wichtig. So weist sie darauf hin, dass der Befragungszeitraum (10. Oktober und 5. November 2005) in die teils aggressiven Landtagswahlkämpfen (Wien, Steiermark, Burgenland) und in eine allgemeine Krise der Union fiel. "Das wirkt sich natürlich aus."

Paradeeuropäerin

Ringler selbst könnte man als Paradeeuropäerin bezeichnen. Schließlich hat sie in Bologna, in Uppsala und am Balkan gelebt, auf ihrer Visitenkarte sind die Firmenstandpunkte Berlin - Brüssel - Istanbul vermerkt. Dass sie selbst für die EU arbeiten möchte, hat sich für Ringler allerdigs erst außerhalb Europas - während eines vierjährigen USA-Intermezzos - herauskristallisiert.

Was Ringler nach ihrer Rückkehr aus Washington besonders ins Auge stach: "Es hat mich wirklich erstaunt, wie legitim EU-Bashing hier ist, und zwar von Seiten der politischen Elite. und solange ein Minister auftaucht uns so tut, als wäre Brüssel die Kampfzone, solange wird sich die Stimmung gegen die EU hier nicht wandeln." Langfristig sehe sie die Aufgabe ihrer Generation "einfach im Bau des ´Hauses Europa´". Was man Ringlers Meinung nach in Österreich noch nicht ganz verstanden hat: "Es geht nicht darum, was Österreich von Türkeibeitritt, EU oder Regelung auf EU-Ebene hat, sondern darum, was Europa davon hat. Denn Österreicher sind auch Europäer."

  • Verena Ringler, Globetrotterin und überzeugte Europäerin.

    Verena Ringler, Globetrotterin und überzeugte Europäerin.

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