Drei Deppen im Schnee

18. Juli 2006, 21:16
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Der ultimative Kick (für Rudolfs Bein) und andere höhere Einsichten des Motorradtestens im Winter - derStandard.at auf Abwegen

Motorrad-Klinik in Gralla bei Leibnitz: Ankunft der drei Deppen. Herr Fidler, der Rudolf und eh klar, ich. Der Schnee war schon vor uns da.

"Wer ist der Wahnsinnige?" Der Chef kommt aus seinem Büro und sucht den Oberdeppen mit der Idee, im Schnee Motorräder zu testen. Ich strecke dem Klinikvorstand schüchtern die Hand entgegen: "Ich", und stelle noch die beiden anderen Herren vor, mit denen ich mir in den nächsten Stunden eine Husqvarna, eine Yamaha und eine Gehirnzelle zu teilen gedenke.

Der Chef mustert uns, sagt trocken: "Wir haben heute schon versucht, eine Runde zu fahren. Kannst vergessen. Da geht nichts." Gut, deswegen sind wir da. Deswegen werden der Herr Fidler und ich in der Redaktion schief angeschaut. Deswegen ist der Rudolf von Linz über Wien angereist. Wo sind die Radln? Der Chef resigniert, geht ab und murmelt etwas von Kühler abdecken.

Bis wir das weitgehend ungedämpfte Knattern der Husky vor der Tür hören, beschäftigen wir uns mit dem stattlich gefüllten Showroom der Motorrad-Klinik. Benellis und die erst kürzlich umschwärmten Retro-Ducs für mich, die restlichen Ducatis für den Herrn Fidler und der Rudolf ist seit Stunden das erste Mal ruhig.

Wir sind fertig angedirndlt, da kutschiert der Klinikvorstand auch schon die blaue Yamaha WR 250 F mit quer kommendem Heck vors Geschäft. Des Chefs Abschiedsworte: "Die braucht’s eh nicht!". Er befreit die Husqvarna TE 450 von ihrer Nummerntafel. Die Yamaha hat nicht einmal eine Halterung dafür.

Los geht es! Wir gurken auf schneebedeckter Fahrbahn bis zum uns zugewiesenen Platz. Keine zehn Minuten bibbernde Anfahrt und weder Herr Fidler noch ich spüren unsere Finger. Dafür kann sich Rudolf kaum noch halten, der uns mit dem Auto samt Equipment nachfuhr: Wie kann man nur so herumeiern wegen ein bisschen Schnee auf der Straße? Ehrlich: 30 Stundenkilometer können ganz schön schnell sein, wenn man zum ersten Mal auf einer MX sitzt, und das bei Schneefahrbahn. Wäre mir nicht so kalt gewesen, ich hätte mich unterwegs zu Tode gefürchtet.

"Da muss ich runter"

Herr Fidler und ich nehmen uns den Feldweg vor, der sich am Rande des Waldes entlang schlängelt, Rudolf raucht. Meine Fahrt auf die Anhöhe stockt nach einer Motorradlänge im dicken Schnee. Absteigen, fluchen, rauszerren. Herr Fidler meint, aus anderer Leute Schaden klug zu werden und zeigt auf den Traktorweg: "Da muss ich runter." OK, aber vorher holen wir Rudolf und das Begleitfahrzeug.

Angekommen reißt sich Rudolf reißt sofort die blaue Yamaha unter den Nagel, schmeißt sich über die Forststraße hinunter, als wäre es das Normalste auf der Welt. Was der Rudolf kann, kann ich schon lange. Ich dämpfe meine Zigarette aus, schwinge mich auf die Husqvarna TE 450 und steche den Forstweg runter. Keine fünf Meter weiter breite ich mich aus und rühre ich mit meiner Nase im Schnee, als wäre ich ein Gangsta-Rapper. Anfeuerungsgelächter von hinter mir.

Reicht denn die Demütigung nicht, dass ich meinem zweiten Vornamen Brezenbär wieder alle Ehre mache? Nein, die Husqvarna muss auch noch absaufen. Ihre kleine Batterie reicht gerade, um ein paar Mal den Motor umzurühren – von Anspringen keine Spur. Ich tobe wie ein Depp auf dem Kickstarter herum – nichts! Muss ich erwähnen, dass Rudolf genau ein Mal den Kickstarter bemühte um die Husky zum Laufen zu bringen?

Ich lass den Herrn Fidler an die Husky und klopf mir den wenigen noch nicht geschmolzenen Schnee aus dem Tourengewand. Der Rudolf wäre auch gerne einmal eine Runde mit "der Nähmaschine" gefahren, aber da gab es Komplikationen. Wie soll ich sagen?

Der Unterschied zwischen dem Herrn Fidler und dem Rudolf lässt sich in einem Meter ausdrücken. Um die 50 Zentimeter, die der Rudolf größer ist als der Durchschnittsösterreicher, ist der Herr Fidler kleiner. Grob geschätzt. Das bringt mit sich, dass der Herr Fidler bei der etwas niedrigeren Husqvarna schon fast mit den Zehenspitzen auf den Boden kommt, während der Rudolf auf der höheren Yamaha immer noch mit den Knien im Schnee schleift.

Im Endeffekt beschäftigt sich der Rudolf dann aber doch mehr mit der Husqvarna als mit der Yamaha, weil der Herr Fidler Weltmeister im Huskyabwürgen ist, beim Ankicken aber bisher nicht über seine 150-er Vespa hinauskommt.

>>>Resümee & Ausblick

Meine zwei Mitdeppen bringen es inzwischen zu großer Meisterschaft in ihren Disziplinen: Herr Fidler lässt die Husky schon äußerst souverän absterben (was bei deren Einstellung und aktuellem Zustand aber auch keine wirkliche Kunst ist), Rudolf kickt sie unter phantasievollen Flüchen wieder an (was bei deren Einstellung und aktuellem Zustand viel Können erfordert).

Ich reiße mir die Yamaha unter den Nagel. Herr Fidler fährt die Husqvarna. Kurz jedenfalls. Herr Fidler würgt ab, ich darf ankicken, Rudolf wartet. Nach ein paar Durchgängen krallt sich Rudolf die laute Husky und Herr Fidler fotografiert.

Rudolf lässt das Heck ausbrechen, die Husqvarna ständig quer kommen und fährt, als hätte er das Wort Vernunft noch nie gehört. Ich versuche, mich im Sattel zu halten. Das unfreiwillige Absteigen ist schließlich nicht mein Hobby, auch wenn man das hin und wieder hört.

Gezeichnet: Fidler, Rudolf, Gluschitsch

Für den Rückweg wählen wir eine schneegeräumte Straße. Das Ärzteteam der Motorrad-Klinik wirkt erleichtert. Während wir uns für das Abschlussfoto aufstellen, kommt mein tiefgekühltes Hirn langsam wieder in die Gänge: "Nächstes Jahr im Winter könnten wir ja ...". Rudolf unterbricht meinen Gedanken, weil sein völlig erschöpftes Starterhaxerl einen Muskelkater ankündigt: "Die Husky! Ein Wahnsinn!", röchelt er. "Das war der ultimative Kick!" (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 22.1.2006)

  • Motorrad, zur Weißglut getrieben.
    foto: derstandard.at

    Motorrad, zur Weißglut getrieben.

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