"Wenn der Dollar fällt, sinkt die Zuversicht"

15. Februar 2006, 10:08
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Ein schrumpfender Zinsabstand zwischen den USA und der Eurozone könnte den Dollar und damit die Konjunkturerholung in Europa unter Druck bringen, meint BNP-Chefökonom Paul Mortimer-Lee

Wien - Alan Greenspan, der scheidende Chef der US-Notenbank Federal Reserve, werde seinem Nachfolger Ben Bernanke zum Abschied am 31. Jänner eine viertelprozentige Zinserhöhung auf 4,50 Prozent mitgeben, und Bernanke dürfte im März noch einmal die Zinsen auf 4,75 Prozent erhöhen. "Dann aber ist es aus mit den Zinserhöhungen in den USA", meint der Chefökonom der französischen Großbank BNP Paribas, Paul Mortimer-Lee, im STANDARD-Gespräch. Denn die US-Wirtschaft werde sich auch aufgrund der bisherigen Zinserhöhungen in diesem Jahr leicht abschwächen und die Inflation nicht weiter steigen.

An sich kein bedrohliches Szenario, birgt es dennoch eine gewisse Gefahr für die EU. Ein schrumpfender Zinsabstand zwischen den USA und der Eurozone, wie ihn Mortimer-Lee erwartet, würde den Dollar unter Druck bringen und damit die gerade begonnene Konjunkturerholung in Europa wieder dämpfen.

"Deutschland steht jetzt viel besser da"

"Der schwächere Euro war im Vorjahr eine große Hilfe, vor allem Deutschland steht jetzt viel besser da", sagt Mortimer-Lee. "Wenn der Dollar fällt, dann sinkt die Zuversicht der Unternehmen und dann investieren sie weniger. Und das wirkt sich sofort auf die Konjunktur aus." Denn Europa gerate gegenüber den USA wegen seiner strukturellen Defizite und einem schwächeren Produktivitätswachstum ständig ins Hintertreffen. Ein Anstieg des Euro von 1,21 auf rund 1,32 Dollar bis Jahresende würde die heurige Wachstumsrate von rund zwei Prozent 2007 wieder verringern.

Deshalb rechnet Mortimer-Lee damit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen nur wenig anhebt. Zwar gebe es einige EZB-Direktoren, die ein Zinsniveau von über drei Prozent anstreben, aber wahrscheinlicher sei ein Plafond von 2,75 Prozent - ein geldpolitisch neutraler Kurs, der das Wachstum nicht abwürgen würde.

Kaum Inflationsgefahr

"Bisher hat die EZB mit ihrer Zinspolitik Recht gehabt, denn der Aufschwung ist sehr solide. Aber sie muss vorsichtig sein."

Insgesamt hat Mortimer-Lee wenig Angst vor einem globalen Abschwung. "Rezessionen sind immer nur dann entstanden, wenn die Notenbanken auf die Bremse gestiegen sind, um die Inflation zu bekämpfen. Aber es gibt kaum eine Inflationsgefahr." Selbst die hohen Ölpreise hätten die Kerninflation im Vorjahr nicht in die Höhe getrieben, sagt der Ökonom und macht dafür den "China-Effekt", also die günstigen Industrieprodukte, die China exportiert, verantwortlich. Gefährlich wäre hingegen ein massiver Produktionsausfall beim Erdöl, etwa durch ein Ölembargo gegen den Iran.

"Dann geht der Ölpreis über 100 Dollar und das würde die Weltwirtschaft hart treffen." Doch gerade deshalb hält Mortimer-Lee eine solche Eskalation für unwahrscheinlich.

Wenig Sorgen macht ihm das - auf sieben Prozent des BIP gestiegene - US-Leistungsbilanzdefizit: "Eigentlich ist ein solches Ungleichgewicht unhaltbar, aber in der Realität kann es sehr lange anhalten." Wegen des fehlenden sozialen Netzes in China würde der dortige Mittelstand exzessiv sparen und die Gelder vor allem in US-Staatsanleihen anlegen; einen Kurssturz des Dollar gegen den Yuan würde wiederum die chinesische Notenbank verhindern. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2006)

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