Kniende Knaben warten auf Rückgabe

5. Februar 2006, 19:10
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Der Fall Bloch-Bauer ist noch lange nicht abgeschlossen - Palais und zwei Minne-Skulpturen könnten restituiert werden - Klimt-Rückkauf nun bereits konkreter

Der Fall Bloch-Bauer ist noch lange nicht abgeschlossen: Es ist anzunehmen, dass auch das Palais in der Elisabethstraße restituiert wird. Im Stiegenhaus standen zwei Minne-Skulpturen. Sie dürften sich nun im Belvedere befinden. Klimt-Rückkauf nun bereits konkreter.


Wien - Der Großindustrielle Ferdinand Bloch-Bauer bewohnte mit seiner Frau Adele, die er 1899 geheiratet hatte, ein repräsentatives Palais mit der Adresse Elisabethstraße 18. In diesem hingen, auch über Adeles Tod 1925 hinaus, unter anderem die Bilder von Gustav-Klimt, die nun, aufgrund einer schiedsgerichtlichen Entscheidung, an die Erben restituiert werden.

Vom Zürcher Exil aus versuchte Bloch-Bauer die Liegenschaft an die Deutsche Reichsbahn zu verkaufen. Geld bekam er aber keines: Sie war durch "die Judenvermögensabgabe weit überbelastet", stellte "also keinen Vermögenswert dar", so die Gestapo 1943, als das Palais in Besitz der Reichsbahn überging.

Restituierung des Palais Elisabethstraße 18

Nach dem Ende des NS-Regimes wurde die ÖBB Eigentümer des Palais. Und für viele Jahrzehnte sah der Staat keine Veranlassung, Immobilien zu restituieren. Doch Maria Altmann forderte nicht nur die Porträts Adele Bloch-Bauer I und II sowie drei Landschaften von Gustav Klimt zurück, sondern auch das Palais: Über ihren Anwalt Randol E. Schoenberg stellte sie beim Entschädigungsfonds den Antrag auf Rückgabe. Da zu diesem Zeitpunkt die ÖBB noch nicht privatisiert waren, ist gegenwärtig von einer Rückgabe der Immobilie auszugehen.

Im Stiegenhaus des Palais standen bis zu Hitlers Einmarsch zwei Kniende Knaben des belgischen Bildhauers Georges Minne. Die beiden Marmorskulpturen dürften als fixer Bestandteil der Einrichtung angesehen worden sein: Sie wurden nicht in das Inventar der Kunstwerke, im Jänner 1939 erstellt, aufgenommen.

Die Bilder kamen zum Großteil in Museen. Die umfangreiche Porzellansammlung wurde im Juni 1941 versteigert - vom "arisierten" Auktionshaus Kärntnerstraße. Einige Monate später, im Frühjahr 1942, wurden ebendort zwei Kniende Knaben veräußert: Die Österreichische Galerie erwarb sie um 6000 Reichsmark. Die Skulpturen sind im Oberen Belvedere ausgestellt.

Restitutionsbeirat auch betraut mit Skulpturen des Bildhauers Georges Minne

Mit diesem Fall wurde der Restitutionsbeirat betraut. Er gab am 25. November 2004 allerdings keine Rückgabeempfehlung: Nach den bisherigen Ergebnissen der Provenienzforschung könne nicht festgestellt werden, ob die Knienden Knaben tatsächlich aus der Sammlung Bloch-Bauer stammen, da der Künstler "eigenhändig eine große Anzahl identischer Plastiken angefertigt" habe. Und selbst wenn sie Bloch-Bauer gehört haben sollten, "so wäre es möglich, dass sie von ihm bereits vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten veräußert worden sind".

Eine Erklärung, warum das Auktionshaus zumindest vier Jahre zuwarten sollte, um die Knienden Knaben mitten im Zweiten Weltkrieg zu versteigern, wird allerdings nicht gegeben. Zudem hatte das Auktionshaus Zugang zum Palais in der Elisabethstraße. Die Indizien sprechen daher sehr wohl dafür, dass es sich bei den Knienden Knaben um Bloch-Bauer-Besitz handelt.

Der Beirat will sich aber demnächst noch einmal mit dem Fall auseinander setzen. Eva Blimlinger, Forschungskoordinatorin der Historikerkommission, meinte unlängst: "Hoffentlich dauert es nicht wieder sechs Jahre, bis eine Entscheidung getroffen wird."

Geld mit Diebsgut

André Heller kritisierte am Sonntag in der Ö1-Reihe Zeitgenossen im Gespräch (u. a. mit STANDARD-Kulturchef Claus Philipp) die Haltung Österreichs im Fall Bloch-Bauer: "Die Republik hat Diebgut gegen Eintritt hergezeigt." Die Klimts würden nur hergegeben, weil die Regierung dazu gezwungen sei - freiwillig hätte man das nie gemacht. "Das ist der Beweis für die österreichische Staatsräson."

Mittlerweile wurde der erste Schritt für einen möglichen Rückkauf eines oder mehrerer Bilder getätigt. Man wolle, so Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, auf ein Private Public Partnership-Modell (PPP) zurückgreifen. Den Bloch-Bauer-Erben wurde bereits offiziell mitgeteilt, dass man in Verhandlungen eintreten will. Der Preis der Bilder soll aus den Schätzgutachten von drei Kunstexperten oder Auktionshäusern ermittelt werden. Der öffentliche Anteil werde aus der steuerlichen Absetzbarkeit bestritten. Dadurch nehme das Finanzministerium weniger Geld ein, was eine Form der Zahlung sei.

Hans Dichand, Hälfteeigentümer der Kronen Zeitung und einer der wichtigsten Klimt-Sammler Österreichs, sieht allerdings keine Möglichkeit, sich einzubringen. Als Grund gibt er auf APA-Anfrage den Konflikt mit der WAZ an, die ebenfalls 50 Prozent an Österreichs größter Tageszeitung hält. Dichand benötige für den Streit möglicherweise "große Summen", wie er erklärt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 23.1.2006)

Von
Thomas Trenkler
  • Im Oberen Belvedere sind zwei "Kniende Knaben" (um 1898/1900) von Georges Minne ausgestellt. Die Marmor-skulpturen wurden 1942 über ein "arisiertes" Auktionshaus erworben; sie dürften Ferdinand Bloch-Bauer gehört haben.
    foto: newald

    Im Oberen Belvedere sind zwei "Kniende Knaben" (um 1898/1900) von Georges Minne ausgestellt. Die Marmor-skulpturen wurden 1942 über ein "arisiertes" Auktionshaus erworben; sie dürften Ferdinand Bloch-Bauer gehört haben.

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