Seltener Auftritt: Mayröcker las neuen Text im KHM

27. Jänner 2006, 22:59
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Gedanken zu Goyas "Der Sonnenschirm" - 800 Besucher in der Kuppelhalle

Wien - Äußerst Seltenes brachte die Kulturinitiative "Weltstadt Wien" Freitagabend zustande: Sie holte die Dichterin Friederike Mayröcker zu einer Lesung ins Kunsthistorische Museum - und das gleich mit einem neuen Text. In "Der Sonnenschirm" skizziert sie sprachlich jenes Gemälde von Francisco de Goya, das derzeit im Rahmen der großen Goya-Ausstellung dort zu sehen ist.

Das Museum war zum Bersten voll und das Publikum stand im Foyer Schlange, um zur begehrten, weil selten in der Öffentlichkeit auftretenden Autorin, zu gelangen. Diese befand sich in der Kuppelhalle und drohte, wie eine Ameise zwischen den annähernd 800 Besuchern und dem neoklassizistischen Pomp unterzugehen.

"Nein!"

Dementsprechend zurückgenommen der Vortrag: "Kann man das verstehen", brach sie bereits nach wenigen Sätzen ab. "Nein!", entgegnete die Menge. Die Technik war gefordert, und schließlich erreichte der "Sonnenschirm" doch noch alle im Publikum. Mit gebrochener Stimme brachte Mayröcker ihre Sicht des Gemäldes vor, eine gewohnt diffizile Betrachtung.

"Wollen Sie mit mir über Tränen sprechen", lautete immer wieder die literarische Frage. Mit Assoziationsketten und Wiederholungen malte sie das Bild Goyas Schritt für Schritt selbst, nach ungefähr zehn Minuten war das Kunstwerk vollendet. Das gut bürgerliche Publikum dankte der Autorin höflich und machte sich auf die Suche nach dem Original in die Ausstellung auf. (APA)

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