"Das alles ist eine riesige Frechheit"

5. Februar 2006, 19:08
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Hubertus Czernin, der die Causa ins Rollen brachte im STANDARD-Interview: Am Umgang der Regierung mit der Rückstellung lässt er kein gutes Haar

... Warum, und was seine Familie mit all dem zu tun hat, erzählte er Renate Graber


STANDARD: Mit der Veröffentlichung der Geschichte über die Klimt-Gemälde der Familie Bloch-Bauer haben Sie 1998, im Standard, die Causa ins Rollen gebracht. Jetzt muss die Republik die Bilder an die Erben um Maria Altmann zurückgeben. Stolz auf den Sieg?

Czernin: Ich fühle mich nicht als Sieger, es geht ja nicht um Rechthaberei. Es freut mich einfach extrem zu sehen, dass es nach sehr sehr langer Zeit Gerechtigkeit gibt. Beruflich gesprochen ist das meine erste Geschichte mit Happyend: Kurt Waldheim, über dessen NS-Vergangenheit ich im‑ profil publiziert habe, wurde 1986 trotzdem Bundespräsident, und Jörg Haider war auch nicht zu stoppen. Im Fall Bloch-Bauer freue mich doppelt, weil ich so Maria Altmann kennen gelernt habe.

STANDARD: Was fasziniert Sie an ihr so?

Czernin: Sie hat sich mit ihrem Mann nach ihrer abenteuerlichen Flucht aus Österreich ein völlig neues Leben in Kalifornien aufgebaut, ihren Modesalon führte sie bis ins hohe Alter. Sie hatte wirklich wenig Geld, in den 50ern hatte sie zwar einen Waldmüller bekommen, aber den hat sie um etwa 5000 Dollar verkauft, weil sie Geld für sich und die vier Kinder gebraucht hat. Diese Frau ist unglaublich bescheiden und nett. Sie ist Vertreterin einer Welt, die es in Wien nicht mehr gibt, mit Ausnahme von Ex-CA-Chef Heinrich Treichl: Wiener Großbürgertum vom Ende der Monarchie und der Zwischenkriegszeit. Ganz in ihrer Nähe 2. Spalte wohnt auch der Enkel von Julius Tandler und Emile Zuckerkandl, Enkel der berühmten Berta, und die sind eng befreundet mit Anwalt Randol E. Schoenberg, der ja der Enkel von Arnold Schönberg ist. Dort hört man Anekdoten, die alle, um in unserem Jargon zu bleiben, fit to print sind.

STANDARD: Zurück in die Gegenwart: Ministerin Elisabeth Gehrer sagt, der Staat habe kein Geld für den Kauf der Bilder, und sie sucht nach Sponsoren, damit sie nicht in den USA landen. Gute Idee?

Czernin: Ich würde die Bilder viel lieber in New York hängen sehen. Da würden sie wahrscheinlich sogar mehr Österreicher anschauen als hier in Wien. Die Behauptung, der Staat könne sich die Bilder nicht leisten, ist dumm und dreist. Da geht es um eine politische Entscheidung: Wenn die Regierung will, dann hat Finanzminister Karl-Heinz Grasser auch das Geld dafür. Das alles ist eine Frechheit, mehr als Chuzpe; besonders zu glauben, dass die Erben die Bilder als Leihgabe in Österreichs Museen lassen.

STANDARD: Hätte doch Charme, wenn "Krone"-Chef und Kunstsammler Hans Dichand etwas für die Bilder springen ließe.

Czernin: Ich halte von all dem gar nichts. Zurzeit habe ich eher den Eindruck, dass die verantwortlichen Politiker mit ihren Äußerungen für ihre eigenen Fehler Maria Altmann und Randy Schoenberg den schwarzen Peter zuspielen wollen. Am Schluss wird es dann wieder heißen: "Die Jüdin ist schuld." Dabei zeigt Maria wesentlich mehr Klugheit und Anstand als Gehrer und der Rest der Regierung. Ich frage mich auch: Wo ist eigentlich der Bundeskanzler?

STANDARD: Wahrscheinlich in Brüssel. Sie müssten ihm und seiner Koalitionsregierung doch Respekt zollen: Sie hat den NS-Entschädigungsfonds und Zwangsarbeiterentschädigung bewerkstelligt.

Czernin: Das sehe ich nicht so. Die Regierung hatte keine Alternative, die Vorbereitungen hatte ja schon die große Koalition getroffen. Nach den Debatten in Deutschland und der Schweiz wäre Schüssel der Frage nicht mehr entkommen. Das hätte jede Regierung tun müssen, diese Feder soll sich niemand an den Hut stecken.

STANDARD: Die SPÖ hätte das viel früher tun können.

Czernin: Ja, aber eine selbstkritische Aufarbeitung der österreichischen Geschichte hat erst mit der Kurt-Waldheim- Debatte 1986 begonnen.

STANDARD: Die SPÖ darf daher jetzt auch in der Klimt-Debatte gegen die ÖVP wettern?

Czernin: Ganz und gar nicht. Die SPÖ hat 1998 noch den Bundeskanzler gestellt und hatte die Mehrheit im Parlament. Die Sozialdemokratie ist an dieser Kacke genauso schuld wie die ÖVP, soll in der Bloch-Bauer-Causa daher bloß den Mund halten.

STANDARD: Wo stehen Sie denn selbst politisch?

Czernin: Ich bin einem relativ sehr konservativen Haushalt aufgewachsen und hätte ein Konservativer werden sollen, aber das wurde ich nicht. Mein Vater war ein konservativer Legitimist. Ich kann mich noch an seinen Spruch erinnern: "Die Sozis stehlen." Als Bub habe ich das wörtlich genommen. Jedenfalls habe ich den Antisozialismus sehr früh in mir aufgenommen, und in einem Punkt hat er sich erhalten: in meiner Ablehnung des Realsozialismus.

In meiner Familie habe ich immer als Linker gegolten, obwohl ich dem formal nie gerecht wurde: Ich habe, bis auf die Bundespräsidentenwahlen 1986, nie rot gewählt. Ich wähle grün – und stehe daher jetzt vor dem Problem, dass die Grünen inhaltlich so parterre sind, dass ich nicht weiß, wen ich wählen soll. Abseits der Farbenlehre würde ich mich heute als liberalen Europäer bezeichnen. Der nationalstaatliche Patriotismus liegt hinter uns, ich hätte wahnsinnig gern einen EU-Pass.

STANDARD: Unter Ihrer Ägide hat "profil" die Causa Gro¨er aufgedeckt. Das war das erste Puzzlesteinchen zu Ihrem Raus^wurf, Eigentümervertreter und Raiffeisen-Chef Christian Konrad ist sehr katholisch. Auch Sie selbst sind Katholik und gelten als sehr gläubig . . .

Czernin: . . . Gott sei Dank bin ich imstande, mich weiterzuentwickeln. Ich befinde mich auf dem wunderbaren Weg zum Atheismus. Aus intellektueller Warte gibt es für mich nur noch eine Alternative dazu: den jüdischen Glauben. Der ist unverwässert und rein. So schrecklich barbarisch der Gott der jüdischen Bibel oft ist, könnte mich einzig die jüdische Religion dazu bringen, an Gott zu glauben. Jetzt tue ich es nämlich nicht. Mein Traum wäre übrigens, Judaistik zu studieren, meine Krankheit erlaubt mir das leider nicht. Aber dafür kann ich sehr viel Zeit mit meiner Familie verbringen, es verbindet uns eine äußerst innige Beziehung.

STANDARD: Blasphemisch gesagt, haben Ihnen die "profil"- Eigentümer 1996 gezeigt, wo Gott wohnt: Als Sie gefeuert wurden, weil Sie Kanzler Franz Vranitzky per Fotomontage nackt aufs Cover hoben.

Czernin: Der Cover war richtig. Aber es ging bei meinem Rauswurf um mehr, auch um Kaufmännisches.

STANDARD: Ihr Verhältnis zu Christian Konrad?

Czernin: Heute keines, damals ein professionelles. Es war und ist ihm lustig, in seiner Medienmenagerie so eine – wie er das wohl sieht – linke Brut wie das profil zu haben. Er hat sich so gut wie nie eingemischt. Aufgeregt hat er sich nur, wenn sein ÖVP-Blut in Wallungen geraten ist oder als Reinhard Tramontana anlässlich der Präsentation eines Paris-Buches von Dichand schrieb: "Hans Dichand ist neuerdings ein alter Pariser." Ich sollte "Tram" damals kündigen, was nicht geschah.

STANDARD: Sie haben 1999 einen Verlag gegründet, den die NZZ angesichts der Zeitgeschichte-Buchreihen "Bibliothek des Raubes" und "Bibliothek des Vergessens" einen "Antiheimatverlag" nannte, im positiven Sinn. Trifft es das?

Czernin: Das Programm des Verlags stellt meine eigenen Widersprüchlichkeiten dar, auch wenn ich nicht mehr operativ tätig bin. Ich träume davon, die Geschichte meiner Familie zu schreiben, die mütterlicherseits, also von Mayer- Gunthofs, aus einem jüdischen Stetl bei Königgrätz kam, sich in Wien assimilierte und später konvertierte. Mein Großvater Franz-Joseph, dem unter den Nazis der Hochverratsprozess drohte und der später Industriellen-Präsident wurde, war der Erste, der nicht nach jüdischem Brauch erzogen wurde. Geboren wurde er an des Kaisers Geburtstag, weshalb er als Kind am‑ 18. August immer glaubte, die Musik draußen spiele für ihn.

STANDARD: War Ihre eigene Familiengeschichte Motor für‑ Ihre Restitutionsrecherchen?

Czernin: Nein. Ich verstehe das alles höchstens ein bisschen besser. Es liegt jedenfalls private Ironie darin: Ich bin im Hause meines Großvaters aufgewachsen und damit in einem assimilierten großbürgerlichen Milieu. Seltsamerweise waren die erpresserischen Rückstellungspraktiken nach dem Jahr 1945 dort nie ein Thema, obwohl ich inzwischen weiß, dass viele unserer Gäste, Verwandten und Freunde selbst Opfer davon gewesen sind. Das Thema war offenbar ein Tabu. (DER STANDARD, Printausgabe vom 21./22.1.2006)

Zur Person Hubertus Czernin (50) entstammt einer einst adeligen Industriellenfamilie, fühlt sich selbst aber "politisch von Prag und Paris 1968" geprägt. "Der Linke meiner Familie" studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften und arbeitete ab 1979 als Journalist. 1992 wurde er Herausgeber des profil, 1996 ebendort wegen eines Covers mit der Fotomontage des nackten Kanzlers Vranitzky entfernt – was für gehörigen Wirbel in der Branche sorgte. 1999 gründete der verheiratete Vater dreier Töchter seinen eigenen Verlag, in dem er heute krankheitshalber (Czernin leidet leider an einer ebenso seltenen wie aggressiven Zellerkrankung) nicht mehr operativ arbeitet.
  • Hubertus Czernin brachte die Causa Klimt-Bilder ins Rollen
    foto: regine hendrich

    Hubertus Czernin brachte die Causa Klimt-Bilder ins Rollen

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