Henning Mankell: "Die fünfte Frau"

3. Februar 2006, 17:30
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Hinter den Romanen um Wallander steht ein Autor, der sagt: "In Wirklichkeit ist vielleicht alles noch viel schlimmer." ...

Die Wucht, mit der das Verbrechen immer wieder in derselben flachen, bäuerlichen Gegend eines für seine Ruhe und Friedlichkeit bekannten Landes niedergeht, hat etwas von einer kapitalen Heimsuchung. Da ist Ystad, die kleine Fachwerkstadt, der vergessene Fährhafen für die Reise auf den europäischen Kontinent. Da sind die Dünen von Kåseberga und die endlosen Rübenfelder von Löderup und die Buchenwälder von Kronovall, und mitten hindurch stapft, vom ewigen Regen durchnässt und von Kummer beschwert, der gutmütige, ein wenig dickliche, ein wenig ältliche Kommissar Wallander. Dann geschieht ein Verbrechen. Es fährt wie ein Blitz durch die grauen, niedrigen Wolken und schlägt einen rauchenden Krater, der für das kriminelle Potenzial einer internationalen Großstadt ausgereicht hätte.

Alle Romane, die Henning Mankell diesem Polizeibeamten in der südschwedischen Provinz widmete, funktionieren nach diesem Muster. Sie alle werden getragen von der schieren Kühnheit dieses Autors, der mit nicht nachlassender Akribie und offensichtlicher Liebe zu Land und Leuten immer wieder Bögen schlägt, die aus der Kleinheit dieser Verhältnisse hinausschießen in die größtmöglichen Verhängnisse. Auch Die fünfte Frau ist ein solches Buch, und eines der spannendsten zumal: Es beginnt mit einem zurückgezogen lebenden Dichter und Vogelbeobachter, der plötzlich verschwindet. Als die Polizisten aus Ystad ihn finden, liegt er aufgespießt in einer Pfahlgrube, und dann rast ein mörderisches Schicksal los, schlägt Kreise, reißt Menschen auf anderen Kontinenten mit, wird von globalen politischen Bewegungen erfasst, und am Ende stapft wieder ein Kommissar durch den Regen von Schonen. Spannend ist diese Geschichte, und virtuos ist es, wie Henning Mankell diese schnellen Wechsel vom Kleinen zum Großen und zurück zusammenhält.

Der überwältigende Erfolg, den diese Romane vor allem in Deutschland haben, geht auf dieses Wechselspiel zurück Die Geschichten, die Henning Mankell in der schwedischen Provinz stattfinden lässt, sind gewaltige Belastungsproben einer vermeintlichen Idylle, Materialprüfungen für scheinbar geordnete Verhältnisse. Und hinter ihnen steht ein Autor, der sagt: "In Wirklichkeit ist vielleicht alles noch viel schlimmer." Das mag so sein, aber so spannend ist die Wirklichkeit bestimmt nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2006)

Von
Thomas Steinfeld
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche kriminalbibliothek
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