Gastkommentar: Wird die Post streiken?

5. Februar 2006, 09:44
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Karl Weidinger, Schriftsteller und Ex-Postler über die Zukunft der Post und die Wahrscheinlichkeit eines Streiks

Was für eine Frage. Natürlich nicht! Es wird ausgehen wie das Hornberger Schießen: Zuerst "Liebe Kolleginnen & Kollegen, wir werden niemals nie nachgeben" - wilder Honig ums Maul der Mitglieder. Und dann wird die Personalvertretung, die zu meiner aktiven Zeit noch Tür an Tür in der Generaldirektion mit den Manager-Bossen und Oberbossen friedlich gehaust hat, dann werden die wackeren Kämpfer von der traurigen Gestalt verlautbaren, wie sie das "optimalste Ergebnis für die Kollegen- & Kolleginnenschaft" eingefahren haben! Immerhin hat man dabei auch ein größeres Ziel vor Augen: die Nationalratswahlen im Herbst. Und mit dabei im Boot: der ÖGB als Vorfeldorganisation der SPÖ und als oppositioneller Motivationstrupp für Unzufriedene und Sympathisanten.

Also eher ein Geplänkel?

Absolut. Die Fehler sind bereits vor geraumer Zeit gemacht worden. Missmanagement, mehrere strategische Fehler, falsche Partnerwahl, mit Wechsel der Zielsetzung und Zurückrudern aufs gerade noch vertretbare Maß. Und viel Geld von Ratlosen für weltfremde Konzepte, die alle nicht funktioniert haben und aufs falsche Postpferd setzten. Und dabei hat die Postgewerkschaft auch eine unrühmliche Rolle gespielt und die Kollegenschaft - nicht erst seit gestern - verraten und verkauft.

Verraten & verkauft? Eine harte Ausdrucksweise. Oder spricht aus Ihnen nur die Häme?

Häme wofür? Dass die Post mir ihren Stempel aufgedrückt hat? (siehe Kasten unten). Nein! Aber es wird sich ein bisserl was an Zugeständnissen ergeben und das wird dann als "total toller Erfolg" hingestellt werden. Und dann wird sich selber in die eigenen Posttasche hineingelogen, wie "diese Regierung vor dieser Gewerkschaft in die Kniee gegangen ist…" Nach dem Motto: "Wenn dein starker Arm es will" und so, usw. Aber das reicht, hippolytisch/pferdetechnisch gesprochen, dass die Poströsser & Amtsschimmel bei der Stange gehalten werden, bevor dann die populistisch gewordene SPÖ im Wahlkampf verlauten wird: "Über uns kann man nicht mehr drüberfahren!"

Und der Börsegang?

Der ist natürlich – frei nach dem Wiener Bürgermeister Häupl – ein Schmarren. In den Ämtern kann man Kopierpapier kaufen um teures Geld, das erfordert einen unsinnigen Mehraufwand an Verwaltung und Standhaltung. Der ganze Schmafu hat schon den Libro reingerissen, wie soll er auf dem Postamt funktionieren? Und wie das mit Privatisierungen öffentlicher Güter funktioniert, hat uns schon die britische Eiserne Lady Maggie Thatcher demonstriert. Da erinnere ich mich gerne an Kaiser Franz Joseph…

Dem nix erspoart blieb?

Ja, nein: der die Eisenbahn verstaatlichte.

Zurück zum Thema: Streik oder nicht?

Natürlich nicht, das Stimmvieh ist verkauft worden. Die Bauch- und Würdenträger der Personalvertretung führen ihre Schaukämpfe auf. Wer weg konnte, ist weggegangen. Golden Handshake. Jeden Tag weine ich mich in den Schlaf deswegen, mit einer Frühpension könnte ich literarisch tätig sein bis ans Ende meiner Tage, ohne Druck. Ich habe auf alles verzichtet. Aber ich bin ja ursprünglich nur für die Dauer meiner Ferialpraxis zur Post gegangen und dann 9 Jahre geblieben. Nein es wird keine Kampfmaßnahmen mehr geben. Alles verraten und verkauft.

Und warum stört Sie das, könnte Ihnen ja egal auch sein!

Einer unserer Chefs hat gesagt, bevor er sich aufgehängt hat: "Einmal Postler, immer Postler" Und es tut mir leid, was durch Missmanagement und falsche Entscheidungen aus dieser stolzen Jahrhunderte alten Institution geworden ist. Ein Zettelverteiler mit angeschlossenen Ramschläden, in denen ich Moik-CDs und Lady-Diana-Kitsch erwerben kann - das kann’s ja nicht sein. Aber das könnte es schon gewesen sein. Da kommt die Post - mit diesen Vertretern - nicht mehr raus, das ist meine Meinung, ganz egal ob es Streik oder Nichtstreik geben wird. Das ist nur das populistische Geplänkel der übergeordneten Gewerkschaft, immerhin sinken die Zahlen und außerdem sind heuer im Herbst Wahlen. Aber die Post ist am Ende: verscherbelt, zerbrochen, erledigt - wie die privatisierten Verkehrsbetriebe in den US-Städten, die dann eingestellt werden mussten wie in Los Angeles.

Als Weidinger nach einem von der Postgewerkschaft angestrengten Disziplinarverfahren wegen "Klogehens während der Dienstzeit" verurteilt wurde, verzichtete er auf die Pragmatisierung und verfasste sowohl seine Kündigung wie auch einen autobiografischen Erlebnisroman: "kaweis Postreport: Der Missbrauch des aufrechten Ganges". Das Buch mit Vorwort von Herbert Hufnagl ("Posts-Tücke") ist in 4. Auflage erhältlich und gilt als "Kultwerk". Erschienen ist es in der UhudlaEdition. "kaweis Postreport: Der Missbrauch des aufrechten Ganges"
  • Der Autor war neun Jahre in Wien-Hietzing pragmatisierter Briefträger (u.a. von André Heller und Christoph Matznetter).
    foto: privat

    Der Autor war neun Jahre in Wien-Hietzing pragmatisierter Briefträger (u.a. von André Heller und Christoph Matznetter).

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