Design ist eine Reise

6. Juni 2006, 14:04
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Die Arbeit des Topgestalters Konstantin Grcic ist ein Paradebeispiel für eine neue kulturelle Dimension des Designs

Zwei große Ausstellungen in Amsterdam und München sowie ein prächtiges Buch nehmen sich des deutschen Formgebers an.

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Lange bevor Konstantin Grcic erste wichtigere Aufträge der Möbel-und Leuchtenindustrie bekam, war er schon Liebling der Journalisten. Ein Grund dürfte seine gelassen-optimistische Ausstrahlung sein, mit der man im dauerbetrübten Deutschland angenehm auffällt. Wie kaum einer seiner Kollegen steht Grcic für einen Wechsel in der Entwicklung des Produktdesigns. In den Achtzigerjahren pflegten junge deutsche Designer ihre Objekte selbst herzustellen, sie selbst zu vermarkten, und im Zweifelsfall lieferten sie ihre Stücke sogar noch beim Kunden an. Teils aus Mangel an ernstlichen Aufträgen, teils aus Verachtung der Industrie lehnten sie eine Serienfertigung ab (siehe Interview nächste Seite).

Ganz anders Grcic, der das Ziel, ein Industrieprodukt zu schaffen, nie aus dem Auge verliert, dafür aber stets ein Höchstmaß an Individualität aufbietet. Die spezifisch deutschen Tugenden des Designs wie Sachlichkeit und Klarheit bereichert der Münchner um Selbstironie, Offenheit und Charme. Seine Fähigkeit, anderen die eigene Arbeit zu erklären, ohne Standardfloskeln abzusondern, überrascht.

Wie er selbst nach der Tischlerlehre im englischen Parnham und dem Designstudium in London zunächst als Assistent bei Jasper Morrison arbeitete, genauso beschäftigt er heute Assistenten, bis diese sich selbstständig machen. Seine ehemaligen Mitarbeiter Clemens Weisshaar und Stefan Diez erfreuen sich bereits großer Bekanntheit.

Was war und was sein soll

Seine Entwürfe nennt er Projekte, was den prinzipiell offenen Ausgang deutlich macht, der erst noch zu finden und zu erfinden ist. Grcic fragt sich, was war und was sein soll, bevor er loslegt. Sieht man sich in seinem umfangreichen Werk um, was ein gerade erschienenes Buch "KGID Konstantin Grcic Industrial Design" auf eindringlich informative Art ermöglicht, dann gibt es darin keinen gestalterischen Flop, keinen halb garen Kompromiss. Ganz gleich, ob es sich um die wenig komplexe, aber vielfach einsetzbare Arbeitsleuchte "Mayday" handelt, die er 1998 für Flos entwarf, oder die additiv zusammengesetzten Möbel seiner Frühphase, die er heute als "seltsam zweidimensional" empfindet, oder ein leicht zerlegbares Regal aus grün lackiertem Stahlrohr für Driade von 1996, von dem Grcic einen großen Markterfolg erwartete und das sich doch nur wenige Male verkaufte: Zu jedem der für das Buch ausgewählten Projekte gibt es nicht nur eindrückliche Bilder und Zeichnungen, sondern stets knapp gehaltene, präzise Informationen von Grcic selbst.

Design sei eine Reise, heißt es immer wieder in dem Band, man bewege sich auf ein Ziel zu, ohne sicher zu sein, ob man auch wirklich dort ankommt. Gegenüber den frühen Neunzigerjahren, als Grcic mit seinen Entwürfen geradezu meditative Objekte schuf, haben sich seine Projekte weiterentwickelt. Ihr technologischer Anteil ist größer geworden, ohne dass sie deshalb weniger zauberhaft wären.

Grenzen verschieben

Seine Auftraggeber sind heute nicht mehr Individualisten wie Giulio Cappellini, Sheridan Coakley (SCP) und Hansjerg Maier-Aichen (ehemals Authentics), sondern Unternehmen wie Krups, Lamy oder Rosenthal, die mit weit größeren Stückzahlen und Produktionsmethoden operieren. Mit seinen Projekten pflegt der Designer Grenzen zu verschieben - etwa bei "ChairOne", einem Stuhl aus Druckgussaluminium, dessen Sitz und Lehne in der Entwurfsphase wie ein Fußball aus verschiedenen geometrischen Elementen zusammenfügt wurden. Grcic wollte am liebsten den ganzen Stuhl, oder wenigstens ein großes Stück davon aus Alu-Guss herstellen. "In der Rückschau kommt mir mein Ansatz wie eine Mischung aus Naivität und Blindheit vor", schreibt der Designer. Doch die scheinbare Verirrung führte zu einem bequemen Stuhl, der in hoher Stückzahl produziert wird. Seine korbähnliche Struktur sieht einfach aus, ist wegen ihrer technologischen Komplexität aber schwer zu kopieren.

Grcic' Arbeitsweise wird auch im Modellbau und in den ausgedehnten Werkstattphasen jedes Projektes deutlich. Dabei haben sich Modelle aus Wellpappe als besonders geeignet erwiesen, denn sie erlauben es, schnell zu Ergebnissen zu kommen. Schnell viele Möglichkeiten durchzuspielen, das erhöht bei allen Beteiligten die Begeisterung für ein Projekt. Das lässt sich anhand der Haushaltsgeräte für Krups ebenso gut nachvollziehen wie bei den Sesseln für Classicon. Zwei kluge Texte, die Grcic' Denken und Werk einordnen und seinen spezifischen Romantizismus wie seine gestalterische Ökonomie beleuchten, runden den erwähnten Band ab. Herausgeber, Gestalter und wichtigster Fotograf des Buches ist der kongeniale Designer Florian Böhm, mit dem Grcic seit Längerem zusammenarbeitet. Das Ganze wirkt wie ein außerordentlich gut gemachter Ausstellungskatalog, der unaufdringlich die kulturelle Dimension des Designs kommuniziert. ( Thomas Edelmann/Der Standard/rondo/20/01/2006)

Die passende Ausstellung zu Grcic' Gesamtschaffen zeigt das Museum Boijmans van Beuningen in Amsterdam ab 21. Jänner, von 16. März bis 9. Juli ist sie im Haus der Kunst in München zu sehen.

Produkte u. a. erhältlich bei www.designfunktion.at

Infos zum Buch: "KGID" Konstantin Grcic Industrial Design, edited by Florian Böhm, Phaidon Press, London, 69,95 Euro, ISBN 0-7148-4431-4
  • Konstantin Grcic
    foto: der standard

    Konstantin Grcic

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