Vor dem Ruf nach dem großen Bruder

13. Februar 2007, 14:02
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Ein Versuch, die Motive des Iran zu verstehen - von Caspar Einem

Sanktionen müssen her, so hört und liest man’s nun zunehmend auch in Österreich und mancher Kommentator zieht schon mal vorbeugend die Krafthosen an. Offen bleibt derzeit meist noch, wer denn dann und wie all die geliehene Kraft ausspielen soll, um den Iran, die iranische Führung dazu zu bringen, auf das Atomprogramm zu verzichten. Da fehlt nur noch, dass wir uns zugleich klar neutral erklären und die USA auffordern nötigenfalls zuzuschlagen ...

Wenn es allerdings darum ginge, auszuloten, ob nicht auch eine andere, eine friedlichere, eine Verhandlungslösung möglich wäre, dann müssen wir auch versuchen, die Gegenseite zu verstehen. Ohne diesen Versuch ist eine Verhandlungslösung nicht möglich. Betrachten wir also die Frage, deren Komplexität ich keineswegs unterschätze, einmal von der Gegenseite:

Als vor einigen Jahren Indien daran ging, ein Atomprogramm umzusetzen, dessen Ziel die Entwicklung einer eigenständigen indischen Atombombe war, war auch die Aufregung groß. Für Indien sprach lediglich der Verdacht, dass auch Pakistan die Bombe zu entwickeln im Begriffe sein könnte (war). Und im indisch-pakistanischen Konflikt ging es um zumindest ein starkes Symbol – hier durchaus auch defensiv verstehbar. Inzwischen haben beide die Bombe. Geschehen ist sonst nichts. Oder doch: Plötzlich werden die Regierungen dieser beiden schon etwas fortgeschrittenen Entwicklungsländer ernst genommen. Mit der Bombe dürfen sie auch am Tisch der Großen sitzen und haben nicht nur an Selbstbewusstsein, sondern vor allem an internationaler Anerkennung gewonnen. Das war, glaubt man entsprechenden Zeitzeugen der indischen Atompolitik, auch das Ziel der indischen Politik. Und sie war erfolgreich. Das wissen auch andere – auch die Mullah’s im Iran.

Ist es im Lichte der Erfahrungen, die sie nun als Nachbarn des Iraks machen und als regionale Macht in einer Region, in der Israel vermutlich auch über die Bombe verfügt, gänzlich abwegig, diesen ‚Emanzipationsschritt’ nach indischem Vorbild zu versuchen? Es ist schlimmer: Es ist nicht nur allzu gut verständlich. Jede Drohung, mag sie nun kommen woher immer, verstärkt die Überzeugung Teherans, dass es dringend notwendig ist, die Bombe in die Hand zu bekommen, um den Iran vor Abenteuern anderer Mächte zu schützen.

Was also soll geschehen? Ein rascher und wirkungsvoller Militärschlag gegen das iranische Atomprogramm? Wer soll ihn führen? Und welche weiteren Folgen wird das haben? Und wer soll für die zivilen und die militärischen Opfer verantwortlich sein? Und soll der Militärschlag auch deshalb geführt werden, weil der iranische Präsident vollkommen unakzeptable Äußerungen gegen Israel erhoben hat?

Ich denke, gerade in Ländern wie Österreich sollte man auch darüber nachdenken, ob es nicht andere Lösungen gibt, mögen sie auch auf den ersten Blick wenig einladend erscheinen: Man könnte im Verhandlungswege den Versuch unternehmen, der iranischen Führung, dem Iran Sicherheit vor Angriffen zu bieten und zwar zunächst ohne Bedingungen. Also auch ohne die Bedingung, die Atom-Option aufzugeben. Und was, wenn dann die Bombe in der Hand der Mullah’s ist? Bloß: Haben Indien und Pakistan sie eingesetzt?

Letztlich bleibt die Frage, ob wir mit höherer Moral und mit dem Recht ausgestattet sind, anderen ihre Souveränität zu nehmen – und warum. Vielleicht kämen auch wir auf die Idee, uns zu bewaffnen, wenn wir uns massiv bedroht fühlten. Wie Israel. Und vielleicht ist friedlicheres Verhalten erst dann zu erwarten, wenn die Sorge um die eigene Sicherheit nachlässt. Ist es den (europäischen) Versuch nicht wert?

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