"Erdöl wird es immer geben"

7. Februar 2006, 15:53
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Trotz steigenden Energiehungers wird das Erdöl nicht ausgehen, ist BP-Austria-Chef Hans Strassl im STANDARD- Interview überzeugt

STANDARD: Sie wollen bis Herbst aus Kostengründen 100 Tankstellen verkaufen. Verdienen Sie zu wenig?

Hans Strassl: Standorte müssen auch weiterentwickelt werden. Bei unseren Investitionen konzentrieren wir uns auf solche, die ein entsprechendes Potenzial im Absatz haben. Jene Standorte, die den Anforderungen nicht mehr entsprechen, verkaufen wir an Partner, bleiben aber über Lieferverträge verbunden.

STANDARD: Was sind das für Anforderungen, die Sie stellen?

Strassl: Mindestens vier Millionen Liter Absatz pro Jahr, dazu die Möglichkeit, einen Shop zu errichten, eventuell auch eine Autowaschanlage und entsprechende Flächen für Parkplätze. Es geht immer mehr um Convenience.

STANDARD: Treibstoffe werden Nebensache, das Shop- und Waschgeschäft wichtiger?

Strassl: Da bin ich etwas vorsichtig. Wir als BP werden mit dem Verkauf von Treibstoffen assoziiert, daher bleibt das unser Hauptgeschäft. Weil wir damit aber wenig Geld verdienen, müssen wir schauen, zusätzlich starke Nebengeschäfte aufzubauen, wo die Kasse dann auch wirklich klingelt.

STANDARD: Dass Sie mit Treibstoff nichts verdienen, glaubt Ihnen doch kein Mensch. Irgendwoher müssen die Rekordgewinne der Mineralölindustrie ja kommen.

Strassl: Das lässt sich leicht erklären. Die Gewinne stammen aus dem Explorations- und Produktions- sowie Raffineriebereich, nicht aus dem Tankstellengeschäft. Wenn man wie BP Austria eine reine Marketinggesellschaft ist, hat man es verdammt schwer. Wegen der hohen Preise gehen die Absätze zurück, um jeden Kunden muss gerungen werden. Das führt zu ständigen Preisanpassungen und folglich dünneren Margen.

STANDARD: Wie viel Preisbewegungen hat es 2005 gegeben?

Strassl: Allein am BP-Standort Triester Straße im Süden von Wien 114. Davon gingen 46 nach oben und 68 nach unten.

STANDARD: Übers Jahr gesehen sind die Preise aber doch deutlich in die Höhe geschnellt.

Strassl:Vergaserkraftstoffe haben sich um zwölf Cent je Liter verteuert. Was man aber wissen sollte: Immer dann, wenn wir die Preise ein Stück erhöht haben, sind sie konkurrenzbedingt sofort wieder abgebröckelt.

STANDARD: Sie werden von ihrem Mutterkonzern BP den Sprit doch billiger bekommen?

Strassl: Davon kann keine Rede sein. Wir müssen zu Marktpreisen einkaufen. Das ginge anders auch gar nicht - weder steuer- noch kartellrechtlich. Es muss so sein, dass sich die Spieler am Markt an Regeln halten - und die Regeln sind nun einmal die Marktpreise.

STANDARD: Wie erklären Sie sich die Situation, dass zwar alle über die hohen Treibstoffpreise klagen, aber mehr denn je herumdüsen?

Strassl: Das ist nicht ganz so. Es wird weniger gefahren. Zumindest bei Vergaserkraftstoff haben wir 2005 das zweite Jahr in Folge einen Rückgang von rund fünf Prozent. Der Dieselverbrauch wächst noch immer. Das ist teilweise bedingt durch den Wechsel von benzin- zu dieselbetriebenen Fahrzeugen, teils auch durch die gar nicht so schlechte Wirtschaftslage: Der Lkw-Verkehr floriert.

STANDARD: Man hätte annehmen können, dass es wesentlich heftigere Reaktionen am Markt nach Überspringen der Ein-Euro-Marke bei Sprit gibt.

Strassl: Mobilität ist ein Grundbedürfnis, darauf können und wollen die Menschen nicht so ohne Weiteres verzichten.

STANDARD: Der jüngste Streit zwischen Russland und der Ukraine wegen des Gases hat uns wieder einmal deutlich vor Augen geführt, wie abhängig wir in der Energieversorgung sind. Wissen Sie einen Ausweg?

Strassl: Ein Portfolio von verschiedenen Energieformen ist grundsätzlich gut, auch eine Streuung der Herkunftsländer. Darüber hinaus sollten wir alle einem offenen Welthandel das Wort reden, der es ermöglicht, diese sensiblen Güter über die ganze Welt zu handeln. Und nicht zu vergessen: alternative Energien. Die Welt wird etwas unternehmen müssen gegen die Klimaerwärmung.

STANDARD: BP experimentiert schon lange Zeit mit alternativen Energien. Ist das mehr als ein Marketingschmäh?

Strassl: Definitiv ja. Sonst würden wir kaum 30 Jahre lang im Bereich Solarenergie forschen und entwickeln und auch Verluste hinnehmen, was uns weniger freut. Wir glauben an diese Energieform und haben den Ehrgeiz, da auch Marktführer zu sein.

STANDARD: Als Vorbereitung für die Zeit nach dem Erdöl?

Strassl: Als Vorbereitung auf eine Zeit, in der wir uns so viel CO2-Ausstoß einfach nicht mehr leisten können. Eine Zeit nach dem Erdöl wird es nicht geben, weil es Erdöl immer geben wird.

STANDARD: Das zu behaupten ist ganz schön kühn, die meisten Prognosen sagen ein Ende der Erdölreserven in 40, 50 Jahren vorher.

Strassl: Mit neuen Verfahren, die sich aufgrund des hohen Preises jetzt rechnen, lässt sich viel mehr Erdöl aus dem Boden holen als bisher möglich war. Plötzlich werden auch Ölsande attraktiv.

STANDARD: Das ändert nichts an der Tatsache, dass Erdöl nicht grenzenlos verfügbar ist.

Strassl: Ich glaube, man wird gar nicht so weit gehen und die letzten Lagerfelder entölen - schon aus Klimaschutzgründen nicht. Wir werden uns andere Konzepte überlegen müssen, etwa Gas-to-Liquid oder Biomass-to-Liquid, chemische Verfahren zur Herstellung von flüssigen Treibstoffen aus Gas oder Biomasse. Nur so können wir den Energiehunger stillen und gleichzeitig das Klima schützen.

ZUR PERSON: Hans Strassl (58) ist seit Juli 2003 Chef der BP Austria mit rund 430 Mitarbeitern und knapp 570 Tankstellen. BP Austria ist eine Tochter des größten europäischen Mineralölkonzerns. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.1.2006)

  • BP-Austria-Chef Strassl setzt bei der Energie- 
versorgung auf einen offenen Welthandel. Außerdem hält er ein Portfolio verschiedener Energie- 
formen für äußerst wichtig.
    foto: standard/hendrich

    BP-Austria-Chef Strassl setzt bei der Energie- versorgung auf einen offenen Welthandel. Außerdem hält er ein Portfolio verschiedener Energie- formen für äußerst wichtig.

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