Blut und Spiele

Redaktion, 14. Jänner 2006, 13:00
  • Bewaffnete Polizeibeamte im Trainingsanzug gingen am Dach der Conollystraße 31 in Stellung. Eine 
erste Befreiungsaktion im Olympischen Dorf scheiterte. Weinberg und Romano starben noch an Ort und Stelle.
    foto: apa/dpa/horst ossinger

    Bewaffnete Polizeibeamte im Trainingsanzug gingen am Dach der Conollystraße 31 in Stellung. Eine erste Befreiungsaktion im Olympischen Dorf scheiterte. Weinberg und Romano starben noch an Ort und Stelle.

Mit seinem neuen Film "Munich" schlägt Steven Spielberg eine Brücke zwischen zwischen dem "Schwarzen September" und "Al-Kaida"

Drei Männer sitzen in einem Straßencafé in Paris. Sie handeln mit Informationen. Der alte Mann mit dem Bart wird nur als Papa angesprochen. Er kann Avner, dem jungen Geheimagenten aus Israel, den Aufenthaltsort von prominenten palästinensischen Terroristen verraten. Für jede Adresse gibt es 200.000 Dollar. Dazwischen sitzt Louis, der junge Franzose, der in diesem Spiel gern eine große Nummer wäre, aber neben seinem übermächtigen Papa nur ein kleiner Wicht ist. "Seit Napoleon war Europa nicht mehr so interessant", sagt der mysteriöse Patriarch noch, bevor er in einen Wagen steigt und verschwindet. Diese Szene aus Steven Spielbergs neuem Film Munich ist aufschlussreich. Sie spielt in den 70er-Jahren, nach dem palästinensischen Anschlag auf die israelischen Teilnehmer bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972. Elf Opfer zählte Israel nach der dramatisch verunglückten Geiselbefreiung. Elf Schuldige zählte Israel später auf der Seite der Palästinenser. Spielberg hält die Bilder dieser 22 Personen in einer effektiven Montage gegeneinander: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Kopf um Kopf ist die Devise. Ein israelisches Geheimkommando wird ausgeschickt, um die elf inkriminierten Palästinenser zu töten – einen nach dem anderen, in einer Mission, die von Italien nach England, von Zypern in den Libanon und immer wieder nach Paris führt.

Der Film Munich ist "inspiriert von realen Ereignissen", heißt es im Vorspann. Es handelt sich aber um keinen Dokumentarfilm, sondern um einen Thesenfilm, zu dem der berühmte jüdische Dramatiker Tony Kushner das Drehbuch geschrieben hat. Es basiert vor allem auf einem Buch von George Jonas mit dem Titel Vengeance: The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team (in der deutschen Fassung: Die Rache ist unser), dessen Wahrheitsgehalt sehr umstritten ist.

Spielbergs trübe Quellen", betitelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Text der Journalisten Yossi Melman und Steven Hartov. Sie halten den Kronzeugen von George Jonas, ein angebliches ehemaliges Mitglied des israelischen Geheimdiensts namens Yuval Aviv-Abayov, für unglaubwürdig und unzuverlässig. Jede Kritik am historischen Detail müsste zuerst aber den Bauplan des Films Munich anerkennen, der allgemeine Fragen von Legitimität und Vergeltung vor dem Hintergrund des spezifischen Konflikts in Israel verhandelt.

Dass Europa "seit Napoleon" nicht mehr so interessant für Geheimagenten war, traf in den 70er-Jahren zu. In zahlreichen europäischen Ländern gab es terroristische Gruppen, die sich bei ihren Missionen häufig mit einer internationalen Sache "solidarisierten". Die Kontakte der RAF zur PLO sind nur ein Beispiel für die vielfältigen Verbindungen zwischen Gruppen, die ganz unterschiedliche Ziele verfolgten, durch ideologische Achsenbildungen aber eine unvermutete gemeinsame Basis bekamen. In Munich gibt es eine Szene, in der diese Unübersichtlichkeit ganz konkret wird: Die fünf Israelis kommen bei einem Einsatz in Athen in eine konspirative Wohnung, die später in der Nacht auch noch von einer anderen (palästinensischen!) Gruppe beansprucht wird. Wie in einem Stand-off bei Tarantino stehen sich die Männer gegenüber, Pistolen an den Schläfen, Schweiß auf der Stirn, bis Avner die rettende Idee hat: "Wir sind von der ETA!", ruft er aus. Die baskische Separatistenorganisation steht in der Logik des Terrorismus auf der Seite der PLO, deren Vertreter Ali die Lüge wenig später durchschaut - aber da hat er schon eine Kugel im Leib.

Munich ist ein Versuch, die Logik des Terrorismus mit der Legitimität staatlichen Handelns zu vermitteln. Dabei bilden zwei Ereignisse die historische Klammer, die im Film direkt nicht vorkommen: Die Gefangennahme von Adolf Eichmann durch israelische Agenten im Jahr 1960 und der Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 2001. Es war de facto eine Entführung, als der Mossad den untergetauchten Naziverbrecher Eichmann in Argentinien aufspürte und nach Israel brachte. Gleichwohl ist für den Spezialagenten Avner in Munich dieser Fall von staatlich sanktionierter Illegalität das Vorbild für die eigene Mission.

Eichmann wurde jedoch einem Gericht vorgeführt, während die hochrangigen Palästinenser nach 1972 vorwiegend durch Bombenanschläge umgebracht wurden. Die ganze erste Hälfte von Munich bezieht ihre Spannung vorwiegend aus dem Risiko von Kollateralschäden, das daraus erwächst - ein Liebespaar in Zypern, ein Mädchen in Paris, eine Killerin in den Niederlanden geraten in die Feuerlinie.

Spielberg und Kushner inszenieren den Rachefeldzug der fünf Vertreter Israels als symbolischen Dialog - immer wieder werden die Fernsehbilder von Flugzeugentführungen und Anschlägen durch Palästinenser zwischen die Mordanschläge von Avner, Steve, Carl, Robert und Hans geschnitten. Das Talionsgesetz einer direkten Vergeltung wird in Munich gebrochen durch die Schattenwelt der internationalen Geheimdienste, die undurchdringlich ist, aber überall hineinwirkt. Es ist diese Atmosphäre, die den idealistischen Avner seinen Auftraggebern entfremdet. Er bekommt Zweifel an einem Terrorismus im Namen des Staates Israel. Das Pathos seiner Mutter ("endlich haben wir einen Platz auf dieser Erde") wird durch das Pathos des Palästinensers Ali ("Heimat ist alles") egalisiert.

Der Schauplatz und das Motivgemenge des internationalen Terrorismus bekam in den 80er-Jahren einen neuen Schwerpunkt mit den Geisterkriegen (Steve Coll) der CIA in Afghanistan und im Irak. Spielberg und Kushner schlagen eine Brücke zwischen dem nationalistischen Terrorismus der 70er-Jahre und dem Fundamentalismus der 90er-Jahre. Munich endet mit einem Bild der Twin Towers in Manhattan. Die Verbindung zwischen dem "Schwarzen September" und "Al-Kaida" verläuft nicht direkt, sondern in den Grauzonen, die Staaten schaffen, wenn sie das Gesetz hintergehen. Diese Botschaft von Munich ist sicher nicht nur an Israel gerichtet, sondern mindestens so sehr an das Ursprungsland dieses Films, dessen deutlich von Tony Kushner gestaltete Geschichtspolitik ständig mit den Thrillerinstinkten des Regisseurs ringt. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2006)

Von Bert Rebhandl
Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2
Oscar

Spielberg weiss genau welche Themen er aufgreifen muss, damit man ihm einen Oscar als bester Regisseur, oder für den besten Film gar nicht erst vorenthalten kann.

langsam scheint sich der ableger der jerusalem post zu mausern...

geschichte = holschuld

das in einem spielfilm über politische angelegenheiten die dinge immer aus der einen oder anderen perspektive (= des/der produzenten und der financier) dargestellt werden liegt doch auf der hand und kann nicht wirklich überraschen.

liest sich nach einem pflichtfilm an.

Spielberg gehen die guten Ideen aus.

Und gibt es wirklich viele, denen die Neuauflage von Krieg der Welten gefallen hat?

was gibts denn an der grundidee auszusetzen?

was ist an der Idee des Filmes schlecht?

kriegspropaganda

braucht man ja wieder, gegen die bösen araber.

und an antisemiten reicht es nicht

wer ist hier warum ein antisemit?

mal nur so nachgefragt. wird ja oft recht voreilig rausgeschossen...

weil hier eine geschehen welches vor 33 jahren passiert ist filmisch dargestellt wird

und manche leute denken dass man kriegspropaganda machen will.
dann wollte spielberg in schindlers liste auch nur die "bösen nazis" schlecht daestellen?

no ja

wenns menschen umbringen wie in münchen und 9 11 dann sind sie wohl böse, die terroristen.

Die Information über die "Terroristen" werden aber immer vom Westen gebracht.

Man sollte immer jegliche Information aus der Ideenschmiede rund um Hollywood mit Vorsicht geniessen.

Na, logisch, daß die Glaubenshysteriker- und Minderwertigkeitskomplexlerschar,

die die ("arabische") Masse im Mittleren Osten ausmacht, diese Drecksäcke nicht als Terroristen, sondern als Helden und Heilige sieht.

Geht mir meilenweit am Arxxx vorbei.

Jawohl!
Genauso ist es.
Und der Arxxx wird auch langsam immer breiter, damit die Gesellen ihn auch treffen, wenn sie mir den Buckel runter rutschen.

ach, doch...

ich kann mich noch gut an die doku erinnern. war fesselnd, ergreifend, unfassbar.
kann mir nicht vorstellen, dass spielberg das zu stande bringt.
hoffe, dass er auf die wurzeln von "duell" zurückkehrt. sein erster, sein bester. ohne firlefanz.

das duell ..... grossartig! ... (und unerrreicht)

Nein, sein bester war mit Abstand "Der weisse Hai".
Sein zweiter sein bester voller firlefanz:-)

Ach, Spielberg hat ein paar sehr gute Filme gemacht. Ich denke sehr gerne an SUGARLAND EXPRESS. Den fand ich großartig. Natürlich auch DUEL und JAWS. Außerdem THIRD ENCOUNTER... (mit Francois Truffaut! geniale Besetzung) Und ich liebe 1941 - war ein Flop, aber ein köstlicher Film. Außerdem SCHINDLER'S LIST, A.I. und MINORITY REPORT - die werden sicher bleiben.

MINORITY REPORT fand ich eher schwach

MINORITY REPORT ist wirklich gut gelungen, obwohl einem die letzten 5 Minuten beinahe körperliche Schmerzen verursachen. Ein Paradebeispiel für unnötige happy end und Harmoniesucht.

A.I beginnt erstaunlich gut und ist am Ende meiner Meinung nach ein ganz schlechter beinahe unerträglicher Film.

Ich will jetzt keinesfalls den Spielberg schlecht machen. Das maße ich mir sicher nicht an und wäre auch in keinem Fall gerechtvertigt. Dass er für Saving Private Ryan alle Oscars bekam und The thin red line leer ausging kann er ja nichts. Aber A.I fand ich wirklich ganz übel.

vielleicht ist das jetzt auch nur ein semantisch bedingtes missverständniss aber thin red line ist nicht von spielberg ....

Das weiss ich wohl. Und somit handelt es sich nur um ein Missverständnis.
Um genau zu sein, ich wollte damit sagen, dass der Spielberg ja nichts dafür kann, dass er für Saving Private Ryan alle Oscars bekommen hat und die Academy Terrence Malick's The Thin Red Line leer ausgehen ließ. Obwohl es meiner bescheidenen Meinung nach genau umgekehrt oder zumindest ein wenig ausgeglichener sein hätte müssen.

ahhh, ja beim nochmaligen lesen hab ichs mir schon fast gedacht. Stimme übrigens 100% zu das "the thin red line" die Oscars von Saving Private Ryan bekommen hätte müssen. The thin red line ist sowas von überwältigend, packend und exzellent inszeniert. Der Film ist geradezu ein Paradebeispiel eines Anti-Kriegsfilms, warum es dafür keinen Oscar gegebn hat verstehe ich bis heute nicht. Ich bin ja so und so der Meinung das bei den Oscars auch viel der "öffentliche Erfolg" des Filmes ausschlag gebend ist.

nermd

oscar ist nicht gleich oscar

the thin red line ist der weitaus bessere film, keine frage! ryan bekam seine oscars in folgenden kategorien: regie, kamera, schnitt, tonschnitt und toneffekte. die fünf waren alleine für die landungssequenz zu beginn des films, als solche absolut gerechtfertigt und auch notwendig. malick drehte einen ganzen film über die psychologie des krieges, der in sich perfekt ist. spielberg drehte eine 20minütige, halbdikomentarische spielszene über die physische und psychische erfahrung eines gefechts, die noch lange unübertroffen sein wird. nur ist er halt spielber und nicht malick, folglich musste dann etwas konventionelles folgen. was nichts daran ändert, dass die 5 oscars für 20minuten gerechtfertigt sind.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.