Nach dem Zucker kommt jetzt der Wein

14. März 2006, 12:22
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Weil in der EU mehr Wein produziert als konsumiert wird, plant Agrarkommission nun einschneidende Reformen

"Nach zwei guten Weinernten haben wir jetzt ein besonders großes Problem", sagte EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel. Die Zuckermarktreform sei zumindest politisch durch und müsse nur noch umgesetzt werden; nun will sie sich verstärkt der Weinproduktion annehmen und Reformen setzen.

"Ich weigere mich, dass Qualitätsweine ständig zu Destillaten gebrannt werden", erklärte sie auf der weltgrößten Agrarmesse Grüne Woche in Berlin. Rund 30 Millionen Hektoliter sind in den zwei letzten guten Erntejahren an überschüssigem Wein in der EU zusammen gekommen. "Das ist rund zwölfmal die durchschnittliche österreichische Produktion von rund 2,5 Millionen Hektoliter", stellte Josef Pleil, Präsident des österreichischen Weinbauverbandes, die Dimension dar.

Überschüsse und "Krisendestillation"

Diese Überschussproduktion kommt vor allem aus dem Süden Europas - Österreichs Ernten werden entweder in Österreich getrunken oder exportiert. Vor allem Italien, Spanien, Portugal und Frankreich nutzen die Möglichkeit, mit dem EU-Instrument "Krisendestillation" Teile der Überschüsse, die nicht auf dem Weltmarkt verkauft werden konnten, zu verwerten. "Weil es dieses Kriseninstrument gibt, kam es bisher nie zu einer Reform des europäischen Weinbaus, sagte Pleil.

Bei dieser "Krisendestillation" wird Wein zu Industriealkohol destilliert. Die Weinbauern erhalten einen garantierten Preis von rund 19 Cent pro Liter aus dem EU-Topf; die Alkoholbrennereien bekommen für die Umwandlung in Industriealkohol knapp 24 Cent. Dieser wird dann etwa für Lacke verwendet. "In Summe verbrät die EU mit diesen Aktionen im Jahr zwischen 300 und 450 Millionen Euro", sagte Pleil. Österreich habe an dieser Art von Krisenintervention nie mitgemacht, sondern nach dem Weinskandal auf hochwertige Tropfen und dabei auch auf Exportmärkte gesetzt.

Fischer Boel wollte die Details einer Weinreform nicht nennen: "Wir müssen erst mit allen Beteiligten diskutieren. Ich hoffe aber, dass bis zum Wein-Wirtschaftsjahr 2007 ein Reformwerk steht". Begonnen werden sollen die Diskussionen darüber im Februar während Österreichs EU-Präsidentschaft. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13.1.2005)

Von
Johanna Ruzicka aus Berlin
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