Ein gefundenes Fressen

22. Mai 2006, 17:32
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Weil mexikanische Konzertpianisten auch Sehnsucht nach Home-Food haben, holten sich zwei davon jetzt eine Köchin aus der Heimat nach Wien

In der Praterstraße 55 hält seit wenigen Wochen eine mexikanische "Taqueria" geöffnet, für die man uns auch in richtigen Großstädten beneiden darf. Das liegt sicher nicht am Interieur, das in schlichter Pflichterfüllung keine Fragen offen lässt. Als Restaurant kann man die offene Küche mit ein paar Holztischen, Hockern und zwei Bänken, die an einen Shop für mittelamerikanische Lebensmittel angeschlossen ist, nicht wirklich bezeichnen. Dennoch misst die Speisekarte satte fünf Druckseiten, auf ihr erschließt sich die Welt mexikanischer Straßenküche, wie man das hierorts noch gar nicht kennt. Schon klar: Auch hier sind die Hauptrollen mit Tacos, Enchiladas, Fajitas und anderem Fladen-Food besetzt, die Musik dazu aber spielen mutig gewürzte Saucen, Salate, Dips und Pasten, die ausnahmslos selbst gerührt und gemixt werden.

Der Geschmack überzeugt

Der mit sauerfruchtiger Tamarinde und Limetten roh marinierte Fisch etwa, Ceviche de Pescado, mag für alt-weltliche Begriffe ziemlich unansehnlich wirken - zerfitzelter Fisch mit gehacktem Gemüse - der Geschmack überzeugt aber völlig: So frisch kann Naturgewalt schmecken. "Frijoles Charros", optisch auch eher heftig, ist mühelos die beste Bohnensuppe der Stadt - so dick und weich und lebhaft gewürzt, dass man gar nicht aufhören will. Tacos de Tinga sind weiche Maistortillas mit bis zum Zerfall geschmortem Rindfleisch in einer scharfaromatischen Sauce, dazu ein Bohnenpüree mit geschmolzenem Käse, das sich da wunderbar ausgleichend anschmiegt. Die blanchierten Kaktusblätter für den gleichnamigen Salat kommen zwar aus der Dose, trotzdem ist die elastisch-saftige Konsistenz der fleischigen Blätter in der Kombo mit einem handfesten Dill-Dressing sehr gelungen. Nur die Fajitas Mixtas machen wenig Freude, die mit Käse gratinierte Mixtur aus Fleisch, Speck, Paprika und Zwiebeln erinnert zu sehr an längst vergessen geglaubtes Studentenfutter - da helfen die im herzigen Strohkörbchen mit Deckel servierten Weizentortillas auch nicht weiter. Schade auch, dass "Pozole estilo Jalisco", ein geheimnisvoller Eintopf aus vielerlei Gemüsen und Fleisch, darunter auch Schweinsfüße, gerade aus war: So ein Essen hilft doch sicher durch bleiche Winter.

Ofelia Krues-Costes kochte bis November in Mexico City, dann las sie ein Inserat, in dem eine Köchin in Wien gesucht wurde. Ofelia liebt den Schnee, vielleicht war sie deshalb mal mit einem Schweizer verheiratet und spricht Deutsch: "Wenn es schneit, bin ich glücklich", sagt sie, da kam das Angebot gerade zur rechten Zeit. Aufgegeben haben es Diana und Alfonso Lopez, Mexikaner in Wien, klassische Konzertpianisten, miteinander verheiratet, denen die seelenvolle Küche ihrer Heimat abging. Alfonso leitet nebenbei die Wiener Mariachi-Combo "Los Sombreros" , da ergab sich die Bekanntschaft mit Wiens Pionier in Sachen mexikanischer Lebensmittel, Abraham Olivares ("Casa Mexico", vor Kurzem nach Böheimkirchen übersiedelt), fast automatisch. "Wir machen eine klassische Taqueria, wie man sie in Mexiko überall findet", sagt Diana. Die Küchenbar ist zwar seit dem ersten Tag dauernd voll, dennoch machen Köchin und Betreiber sich Sorgen, ob die unbehübschte Originalküche, die richtig scharfen Saucen, die Liebe zu schwarzen Bohnen nicht etwas zu original für das Wiener Publikum sind. Nichts sollte leichter zu widerlegen sein. (Severin Corti/Der Standard/rondo/5/1/2006)

Fotos: Gerhard Wasserbauer

Taqueria Casa Mexico, Praterstr. 55, 1020 Wien,
Tel.: 0699/125 89 266. Mo-Sa 11.30-22 Uhr, So 11.30-15 und 18-22 Uhr. VS € 2,90-5,90; HS € 5,20-12,40
  • Das Essen ist optisch heftig, geschmacklich aber ganz super.
    g. wasserbauer

    Das Essen ist optisch heftig, geschmacklich aber ganz super.

  • Chefin Diana und Köchin Ofelia strahlen um die Wette.
    g. wasserbauer

    Chefin Diana und Köchin Ofelia strahlen um die Wette.

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