Lufthoheit

6. Juli 2006, 17:23
posten

Luft ist das zentrale Thema einer Publikation, die unter anderem zeigt, wie sehr sich das lebenswichtige Element auch als Werkstoff eignet

Geschichtsträchtig ist das Element allemal. "Seit rund 1,5 Milliarden Jahren durchläuft Luft den globalen Kreislauf - und täglich uns." Die Luft ist allgegenwärtig, wir nehmen sie noch selbstverständlicher hin als das tägliche Wasser, wir sehen und bemerken sie nicht.

Doch wir wissen, kaum dass uns zu kalt oder zu warm ist oder wir auch nur in geringe Atemnot kommen, dass wir sie ununterbrochen brauchen. Das macht sie zu einem faszinierenden Objekt der Betrachtung, so im Wortsinn unfassbar sie sein mag.

Das Leben ist nichts anderes als der Atem der Götter: Dort irgendwo begannen die Gedanken der Menschen zu dem Gas, dessen sie sich bewusst wurden. Heute hält die Menschheit bei hoch technisierten Air Castles, pneumatischen Gefäßerweiterungshilfen, Luftkissen als Transportbahnen und Modeaccessoires. Dazwischen liegt die lange und spannende Geschichte der Eroberung des Luftraums, nachzulesen in einem Buch, das standesgemäß in einem aufgepumpten Plastikpolster angeliefert wird: Air / Luft.

Fundiertes Wissen

Die beiden Autoren versammeln in ihren Lebensläufen allerdings auch die nötige Breite und Tiefe, um das Thema sozusagen in den Griff zu bekommen. Oliver Herwig hat Literatur und Kunstgeschichte studiert und über Wortdesign und visuelle Kunst gearbeitet, er schreibt heute vor allem über Kreativthemen. Axel Thalemer hat nach dem Studium von Wissenschaftstheorie, Logik und Linguistik als unternehmerischer Designer gearbeitet, vor allem bei der Firma Festo, die sich auf die industrielle Anwendung pneumatischer Phänomene spezialisiert. Heute leitet er die Studienrichtung Industrial Design an der Linzer Kunstuniversität und berät unter dem markengeschützten Namen "Airena".

Gemeinsam ist ihnen ein ein großer Wurf gelungen, ein schon am holografischen Cover das Flüchtige betonendes, dabei enzyklopädisches Werk. Inhaltlich wie formal holt es weit aus, komprimiert Mythologie bis Wetterkunde, atomare und chemische Eigenheiten bis Architektenprotest der Sechzigerjahre zu einem kompakten, wunderbar gestalteten Buch.

Egal, wo man es aufschlägt, man bleibt picken. Selten war das scheinbare Nichts als Thema so voller Details. Wenn sich Yves Kleins Maler "ins Nichts wirft", dann ist er in Wirklichkeit mitten in Luft ebenso wie der Mann auf Alexander Rodtschenkos "Sprung ins Wasser". Die Autoren belassen es aber nicht bei gefälligen Vergleichen, sondern erkunden die weiterführende Bedeutung solcher gestischer Szenen zu einem Zeitpunkt, der "Aufbruch" (in die Moderne, ins Unbekannte, letztlich doch nur in Luft?) auf seine Fahnen geschrieben hatte.

Wobei die Fahnen natürlich auch nur flattern konnten, wenn ein entsprechender Lufthauch wehte. Und so kommt der Leser bald von selbst ins freie Assoziieren, was noch alles zum Thema passen würde - nur um ein paar Seiten danach von Herwig / Thalemer eingeholt, überholt zu werden. Womit waren denn Warhols Silberwolken gefüllt, was ist das Hauptelement auf Gerhard Richters "Seestück (Gegenlicht)", woher kommt die Energie, die sich ständig in de Marias "Lightning Field" in New Mexico entlädt? Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Teil des Buches, der sich der Luft in der Kunst annimmt.

Luftschlösser

Wie wörtlich übrigens "Luftschlösser" zu nehmen sind, belegen Entwürfe des frühen 20. Jahrhunderts wie Bruno Tauts "Alpine Architekturen" (1919) oder auch, 40 Jahre später, Buckminster Fullers Traum vom Glassturz über halb Manhattan, illustriert durch ein doppelseitiges Foto aus der Zeit, als das Empire State noch - wie jetzt wieder - die Insel dominierte.

Zum Schluss entmaterialisiert sich der Inhalt, als wollte die Form ihm folgen, zu einem Foto von schemenhaften Gestalten in nebeliger Luft, begleitet von dem Satz "Haltet sie irgendwie rein!" Und ganz zum Schluss gibt es erfreulich präzise Hinweise zum Gezeigten samt Personen- und Sach-Register (da sollten sich viele deutsche Sachbuchverlage endlich ein Beispiel nehmen). Was soll man noch viel sagen? "Air / Luft" kann man immer brauchen. Oder schenken.
(Michael Freund/Der Standard/rondo/13/01/2006)

Air / Luft. Unity of Art and Science / Einheit von Kunst und Wissenschaft
Arnoldsche, Stuttgart 2005
€ 51,20
ISBN 3-89790-214-1
  • Luftige Installation "Lucky Storm (2)" von Lee Boroson (2005)
    foto aus dem buch

    Luftige Installation "Lucky Storm (2)" von Lee Boroson (2005)

Share if you care.