Erst an seinem Krankenbett erkennt Europas Politik, was sie mit Sharon verlieren wird - Kommentar der anderen von Tobias Kaufmann
Erst an Sharons
Krankenbett erkennt
Europas Politik, was
sie mit Israels Premier
verlieren wird – einen
Politiker mit der Gabe,
Visionen zu begrenzen
und sie in Wirklichkeit
zu verwandeln.
***Als die Nachrichten aus
Jerusalem dramatisch
wurden, wünschte sogar Frankreichs Präsident Chirac dem israelischen Ministerpräsidenten baldige Genesung. Chirac versprach Übergangsnachfolger Ehud Olmert
Frankreichs "Unterstützung,
Freundschaft und Solidarität". Die EU-Kommission zeigte sich um Sharon "besorgt",
Großbritanniens Außenminister Jack Straw lobte Sharons
"politischen Mut".
Unterstützung, Solidarität
oder Freundschaft hat Sharon
aus Europa in seiner Amtszeit
selten erfahren – die Genesungsadressen, die zugleich
politische Nachrufe sind, erreichten ihn nicht bei Bewusstsein. Beinahe die gesamte europäische Politik hat sich
an diesem Schwergewicht abgearbeitet, stets lustvoll, oft
hemmungslos, manchmal geradezu obszön: wie 2002, als
Sharon für einen "Vernichtungskrieg" in Dschenin gebrandmarkt wurde, den es laut
UN-Untersuchungsbericht
nie gegeben hat.
Der "Bulldozer" war ein
willkommenes Feindbild.
Selbst als er mit dem Abzug
aus dem Gazastreifen etwas
vollbrachte, woran alle seine
Vorgänger gescheitert waren,
hat man ihm dies noch als Taschenspielertrick auf Kosten
der Palästinenser ausgelegt.
Wäre Sharon über das Meer
gewandelt – aus Paris wäre die
hämische Bemerkung gekommen: "Seht ihr, nicht mal
schwimmen kann er!" Was die
Europäer am meisten ärgerte:
Sharon hat das nicht im Geringsten beeindruckt.
Der niederländische
Schriftsteller Leon de Winter
schrieb diese Woche in der
Welt: "Ihm war gleichgültig,
was der Westen über ihn denken würde. Ihm ging es nur
darum, was seine arabischen
Feinde denken würden." Diese Feinde haben ihn gehasst
und gefürchtet. Und sie haben
ihn respektiert, weil er keine
Schwäche zeigte. Seine politische und militärische Karriere
enthält Fehler, sogar Verbrechen. Aber auf welchen Politiker im Nahen Osten aus seiner
Generation hätte dies nicht
zugetroffen? Die Regeln der
Region sind andere als im ruhigen, sicheren Europa. Sharon kannte diese Regeln.
Ein Katalysator ...
Es ist nicht verwunderlich,
dass europäische Kommentatoren und Politiker bis zuletzt
in diesem Mann nur Israels
dunkle Seite der Macht sehen
konnten, während er sich im
Nahen Osten unter pragmatischen Kollegen und Beobachtern Anerkennung verschafft
hatte, gerade wegen seines
Sturkopfs.
Nicht in Berlin
oder Wien, sondern in Amman sagte ein Politikwissenschafter über Sharon: "Trotz
seiner Fehler, was die Rechte
der Araber angeht, war Sharon
ein wirklicher Katalysator für
den Frieden, und offen gesagt, es gibt keinen anderen israelischen Politiker, der jetzt oder
in absehbarer Zukunft weitere
Rückzüge aus den besetzten
arabischen Gebieten durchsetzen kann."
Auch wenn diese Prognose
angesichts der friedenswilligen Mehrheit in Israel vielleicht zu pessimistisch ist –
fest steht, dass der Friedensprozess schon tot war, als Sharon 2001 an die Macht kam.
Nicht der "Hardliner" war
schuld daran, sondern die
hehren Visionen der israelischen Linken, der zu selten
Taten folgten, und die Lügen
des Yassir Arafat und seiner
Entourage.
Ehud Barak hatte
den Palästinensern in Camp
David 2000 das beste Angebot
gemacht, das sie je kriegen
werden. Yassir Arafat hat die
historische Chance verpasst
und die palästinensische
Autonomiebehörde in einen
mörderischen Konkurrenzkampf mit den Islamisten um
die Terrorkrone geführt.
Ohne Arafat hätte Sharon
nie im Triumph von seiner
Farm zurückkehren können.
Deshalb erzählt man sich in
Europa mit Vorliebe die Fabel
von den beiden alten, halsstarrigen Männern Arafat und
Sharon, die ihr Volk ins Unglück stürzten. Die Fabel ist
hübsch, aber falsch, denn im
Gegensatz zum destruktiv-selbstsüchtigen Arafat hinterlässt Sharon ein konstruktives
politisches Vermächtnis: die
realistische Option auf einen
erträglichen Status quo auch
ohne arabische Partner.
Wer die Regierungszeit Sharons fair bilanziert, kann dem
alten Haudegen wenig vorwerfen. Der Trennzaun, den die
europäische Linke entlarvenderweise mehr hasst als die
Berliner Mauer, hat die Zahl
der Anschläge reduziert. Nebenbei gewöhnt er – so eine
Studie des Zentrums für Strategische Studien in Tel Aviv –
beide Völker an die Existenz
zweier Staaten. Die israelische
Wirtschaft hat das Niveau von
vor der Terrorintifada erreicht
und wird es 2006 deutlich
übertreffen. Beides trifft übrigens auch auf den israelisch-
palästinensischen Handel zu.
... für den Frieden
Die Militäraktionen zu Beginn und der Abzug aus Gaza
am Ende von Sharons Amtszeit haben gezeigt, dass Israel
handeln kann und will. Beides
muss die Palästinensische
Autonomiebehörde erst noch
nachweisen. Politiker mit Visionen haben Israel nie gefehlt. Aber die Fähigkeit, Visionen zu begrenzen und in
Wirklichkeit zu verwandeln,
hat nur Sharon in jüngster Zeit
entwickelt. Sein Traum war
ein Israel als jüdische Demokratie in biblischen Grenzen.
Erst in seinem letzten Amt realisierte er, dass die demografische Entwicklung gegen diese
Vision arbeitet.
Ein Großisrael würde in absehbarer Zeit von einer arabischen Mehrheit bewohnt. Dadurch wäre es zwangsläufig
entweder ein Apartheidstaat
geworden oder hätte (ganz demokratisch) seinen jüdischen
Charakter verloren. Gestützt
auf eine Mehrheit im Volk hat
Sharon sich in dieser Situation gegen die biblische Verheißung entschieden – und für
die jüdische Demokratie.
"Es ist angebracht, Ariel
Sharon zu danken für den Mut
und die Stärke, mit denen er
den Rückzug durchsetzt", sagte Angela Merkel im April
2005. Die Bundeskanzlerin gehört damit zu den wenigen europäischen Politikern, die Israels Premier bereits ausdrücklich öffentlich würdigten, bevor er mit dem Tod
rang. Erst jetzt, wo die politische Karriere des Ariel Sharon
zu Ende ist, wird sich Europa
bewusst, was es hatte an ihm –
und was es verlieren wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2006)
Tobias Kaufmann ist Redakteur der Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine" in Berlin.