Abschied vom liebsten Feind

von Redaktion  |  11. Jänner 2006, 17:24

Erst an seinem Krankenbett erkennt Europas Politik, was sie mit Sharon verlieren wird - Kommentar der anderen von Tobias Kaufmann

Erst an Sharons Krankenbett erkennt Europas Politik, was sie mit Israels Premier verlieren wird – einen Politiker mit der Gabe, Visionen zu begrenzen und sie in Wirklichkeit zu verwandeln.

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Als die Nachrichten aus Jerusalem dramatisch wurden, wünschte sogar Frankreichs Präsident Chirac dem israelischen Ministerpräsidenten baldige Genesung. Chirac versprach Übergangsnachfolger Ehud Olmert Frankreichs "Unterstützung, Freundschaft und Solidarität". Die EU-Kommission zeigte sich um Sharon "besorgt", Großbritanniens Außenminister Jack Straw lobte Sharons "politischen Mut".

Unterstützung, Solidarität oder Freundschaft hat Sharon aus Europa in seiner Amtszeit selten erfahren – die Genesungsadressen, die zugleich politische Nachrufe sind, erreichten ihn nicht bei Bewusstsein. Beinahe die gesamte europäische Politik hat sich an diesem Schwergewicht abgearbeitet, stets lustvoll, oft hemmungslos, manchmal geradezu obszön: wie 2002, als Sharon für einen "Vernichtungskrieg" in Dschenin gebrandmarkt wurde, den es laut UN-Untersuchungsbericht nie gegeben hat.

Der "Bulldozer" war ein willkommenes Feindbild. Selbst als er mit dem Abzug aus dem Gazastreifen etwas vollbrachte, woran alle seine Vorgänger gescheitert waren, hat man ihm dies noch als Taschenspielertrick auf Kosten der Palästinenser ausgelegt. Wäre Sharon über das Meer gewandelt – aus Paris wäre die hämische Bemerkung gekommen: "Seht ihr, nicht mal schwimmen kann er!" Was die Europäer am meisten ärgerte: Sharon hat das nicht im Geringsten beeindruckt.

Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter schrieb diese Woche in der Welt: "Ihm war gleichgültig, was der Westen über ihn denken würde. Ihm ging es nur darum, was seine arabischen Feinde denken würden." Diese Feinde haben ihn gehasst und gefürchtet. Und sie haben ihn respektiert, weil er keine Schwäche zeigte. Seine politische und militärische Karriere enthält Fehler, sogar Verbrechen. Aber auf welchen Politiker im Nahen Osten aus seiner Generation hätte dies nicht zugetroffen? Die Regeln der Region sind andere als im ruhigen, sicheren Europa. Sharon kannte diese Regeln.

Ein Katalysator ... Es ist nicht verwunderlich, dass europäische Kommentatoren und Politiker bis zuletzt in diesem Mann nur Israels dunkle Seite der Macht sehen konnten, während er sich im Nahen Osten unter pragmatischen Kollegen und Beobachtern Anerkennung verschafft hatte, gerade wegen seines Sturkopfs.

Nicht in Berlin oder Wien, sondern in Amman sagte ein Politikwissenschafter über Sharon: "Trotz seiner Fehler, was die Rechte der Araber angeht, war Sharon ein wirklicher Katalysator für den Frieden, und offen gesagt, es gibt keinen anderen israelischen Politiker, der jetzt oder in absehbarer Zukunft weitere Rückzüge aus den besetzten arabischen Gebieten durchsetzen kann."

Auch wenn diese Prognose angesichts der friedenswilligen Mehrheit in Israel vielleicht zu pessimistisch ist – fest steht, dass der Friedensprozess schon tot war, als Sharon 2001 an die Macht kam. Nicht der "Hardliner" war schuld daran, sondern die hehren Visionen der israelischen Linken, der zu selten Taten folgten, und die Lügen des Yassir Arafat und seiner Entourage.

Ehud Barak hatte den Palästinensern in Camp David 2000 das beste Angebot gemacht, das sie je kriegen werden. Yassir Arafat hat die historische Chance verpasst und die palästinensische Autonomiebehörde in einen mörderischen Konkurrenzkampf mit den Islamisten um die Terrorkrone geführt.

Ohne Arafat hätte Sharon nie im Triumph von seiner Farm zurückkehren können. Deshalb erzählt man sich in Europa mit Vorliebe die Fabel von den beiden alten, halsstarrigen Männern Arafat und Sharon, die ihr Volk ins Unglück stürzten. Die Fabel ist hübsch, aber falsch, denn im Gegensatz zum destruktiv-selbstsüchtigen Arafat hinterlässt Sharon ein konstruktives politisches Vermächtnis: die realistische Option auf einen erträglichen Status quo auch ohne arabische Partner.

Wer die Regierungszeit Sharons fair bilanziert, kann dem alten Haudegen wenig vorwerfen. Der Trennzaun, den die europäische Linke entlarvenderweise mehr hasst als die Berliner Mauer, hat die Zahl der Anschläge reduziert. Nebenbei gewöhnt er – so eine Studie des Zentrums für Strategische Studien in Tel Aviv – beide Völker an die Existenz zweier Staaten. Die israelische Wirtschaft hat das Niveau von vor der Terrorintifada erreicht und wird es 2006 deutlich übertreffen. Beides trifft übrigens auch auf den israelisch- palästinensischen Handel zu.

... für den Frieden

Die Militäraktionen zu Beginn und der Abzug aus Gaza am Ende von Sharons Amtszeit haben gezeigt, dass Israel handeln kann und will. Beides muss die Palästinensische Autonomiebehörde erst noch nachweisen. Politiker mit Visionen haben Israel nie gefehlt. Aber die Fähigkeit, Visionen zu begrenzen und in Wirklichkeit zu verwandeln, hat nur Sharon in jüngster Zeit entwickelt. Sein Traum war ein Israel als jüdische Demokratie in biblischen Grenzen. Erst in seinem letzten Amt realisierte er, dass die demografische Entwicklung gegen diese Vision arbeitet.

Ein Großisrael würde in absehbarer Zeit von einer arabischen Mehrheit bewohnt. Dadurch wäre es zwangsläufig entweder ein Apartheidstaat geworden oder hätte (ganz demokratisch) seinen jüdischen Charakter verloren. Gestützt auf eine Mehrheit im Volk hat Sharon sich in dieser Situation gegen die biblische Verheißung entschieden – und für die jüdische Demokratie.

"Es ist angebracht, Ariel Sharon zu danken für den Mut und die Stärke, mit denen er den Rückzug durchsetzt", sagte Angela Merkel im April 2005. Die Bundeskanzlerin gehört damit zu den wenigen europäischen Politikern, die Israels Premier bereits ausdrücklich öffentlich würdigten, bevor er mit dem Tod rang. Erst jetzt, wo die politische Karriere des Ariel Sharon zu Ende ist, wird sich Europa bewusst, was es hatte an ihm – und was es verlieren wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2006)

Tobias Kaufmann ist Redakteur der Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine" in Berlin.
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12 Postings
Bluesman25 
14.01.2006 15:08
Sharon watet

genau wie seine pal. gegner knöcheltief im blut.
hier darf keine überhebung der person stattfinden.

omar chamra
13.01.2006 18:50
Wenn es Sharon nicht mehr gibt in der Politik, dann geht

den Palästinensern wirklich ihr Lieblingsfeind verloren, aber sie werden schon neue erfinden und vor allem werden sie sich bemühen, wie sie das schon ein paarmal getan haben, den Rechten in Israel vor den Wahlen tatkräftige Hilfe zu geben. Denn ihre Theorie, desto schlechter, umso besser für die Korruption und die persönliche Machtausübung.
Aber für alle ihre Fehler werden sie natürlich Israel verantwortlich machen. Selbstkritik ist bei ihnen äußerst rar, bei Israel aber weit verbreitet

Nachdenklicher 
11.01.2006 23:25
Sharon, der große visionäre Staatsmann...

bei Licht betrachtet, wird man zugeben müssen, dass die Räumung des Gazastreifens ursprünglich nicht Scharon zu verdanken ist, sondern den Amerikanern, die sich irgendwann nicht mehr die Patronage für eine Politik der Unterdrückung über Millionen von Palästinensern übernehmen wollten. Nachdem sich Bush überdeutlich für einen Palästinenserstaat ausgesprochen hatte, blieben Scharon zwei Optionen. Entweder die offene Konfrontation mit dem großen Freund, Waffenbruder und Hauptsponsor zu wagen oder den USA entgegen kommen.

Scharon hat sich für zweitere Option entschieden, weil er nicht als Extremist in die Geschichte seines Landes eingehen wollte.

Scharon aber als großen Helden zu stilisieren geht voll an der Realität vorbei!

Walter KURTZ
12.01.2006 13:38

Und das beste ist, daß Sharon mit "Frieden" assoziiert wird: Was das Lager um Sharon will ist nicht Frieden, sondern - wie man auf gut Wienerisch sagt - a Ruah.
Da werden die Palästinenser als räudiger Straßenköter gesehen, der einem die Bude vollpinkelt, vollsabbert und dessen Bellen stört. Und dann wirft man diesen Köter eben vor die Tür und hofft seine Ruhe zu haben.
Aber so genial wie Sharon in Konfrontationen agiert hat, so schlimm sind seine Fehleinschätzungen bei Konfliktlösungen: selbst wenn man die Palästinenser vor die Tür setzt, werden sie keine Ruhe geben, v.a. bei den Vorstellungen für einen "Staat" den man besser als das bezeichnen sollte, was er wäre: ein Reservat für die "Eingeborenen".

Walter KURTZ
11.01.2006 18:50

Ehud Barak hatte den Palästinensern in Camp David 2000 das beste Angebot gemacht, das sie je kriegen werden.

Offenbar hat der Herr Kaufmann gewisse Gedächtnislücken - Taba war um einiges besser und das wär vielleicht ansatzweise eine Lösung gewesen - aber da war doch noch der Wahlkampf mit einem gewissen Sharon.
Wieder mal ein äußerst einseitiger und polemischer Kommentar, lesenswert dagegen: http://www.lemonde.fr/web/artic... 735,0.html

d_parker
12.01.2006 15:41
Die Verhandlungen in Taba hatten ja auch "gar nichts" mit Camp David zu tun...

Taba war der Versuch Camp David zu retten (i.e. noch vor den Wahlen ein Abkommen zu erzielen), es ist also nicht völlig abwegig davon auszugehen, dass Herr Kaufmann mit seiner Erwähnung des Camp David-Angebots sehr wohl auch Taba meint.

Dieser Kommentar läuft bei Ihnen unter polemisch????!!? Da ist Ihre Schmerzgrenze aber sehr niedrig, ich hoffe auch in anderen Konstellationen als wenn - in Ihren Aufen - "pro-israelisch" geschrieben wird. Ich finde Herrn Kaufmanns Kommentar erfrischend nüchtern und unaufgeregt, man könnte auch sagen, der Mann redet Tachles...


Walter KURTZ
12.01.2006 18:38

Polemisch deshalb, weil mMn leider wieder nur historische Mythenbildung kultiviert und zum x-ten Mal wiederholt wird (der böse Arafat hat das gute Angebot vom netten Barak ausgeschlagen). Wahrer wird's deshalb auch nicht.
Wenn sie sich das auf http://gush-shalom.org/media/barak_eng.swf ansehen - der Unterschied zwischen Camp David und Taba ist enorm.
Ist Ihrer Meinung nach ein palästinensischer Staat in drei tief zerklüfteten Kantonen (ohne Jordantal) + Gaza, de facto 4 seperate räumlich getrennte Einheiten, 3 davon komplett vom Goodwill Israels abhängig, eine Option, der irgendein Palästinenserführer zustimmen kann?

Tobias Kaufmann
12.01.2006 17:25
Camp David

Ich habe Taba, was vielleicht missverständlich war, tatsächlich aus diesem Grund nicht gesondert erwähnt. Richtig, das Angebot war besser, aber es war eben auch "nur" die Fortsetzung von Camp David an einem anderen Ort. Gruß, TK

omar chamra
11.01.2006 20:57
Und warum haben die Palästinenser keinen Gegenvorschlag gemacht

und die Terrorkampagne gegen Zivilisten in Israel ausgelöst?
Natürlich ist "hätte" keine Kategorie der Politik. Aber was hat die Intifada den meisten Palästinenser gebracht?

Nachdenklicher 
12.01.2006 14:38
Da stimme ich Ihnen zu...

Arafat hat sich in Camp David nicht gerade beweglich gezeigt. Auch waren die Erwartungen der palästinensischen Straße unrealistisch hoch und er hatte wohl Angst mit einer Kugel im Kopf zu enden, wenn er sich zu kompromissbereit zeigt.

Die Umstände der Verhandlungen waren allerdings sehr ungünstig und die Verhandlungstaktik Baraks ist von Zeitzeugen auch nicht gerade gelobt worden.

Es ist wie so oft im Leben: Beide Seiten haben Fehler gemacht!

Zustimmung auch zur Ablehnung der Intifada. Keine Frage. Aber auch hier muss man sagen, dass Jahre des Stillstands und gar der weiteren Besiedlung der Westbank durch hunderttausende russische Juden auch nicht gerade Ausfluss einer verantwortungsvollen Politik Israels waren.

omar chamra
12.01.2006 20:19
Ich hätte Ihnen auch darauf zum Teil zustimmend geantwortet, aber

die Zensur läßt meinen Beitrag nicht zu. Oder ist man sehr langsam, mit der Publikation einer Zuschrift. Man wird sehen

pepitant
11.01.2006 19:54
Nun, Herr Kaufmann bestreitet ja nicht

seinen Blickwinkel auf das Thema, dass er z. B. Dschenin nicht eingehend kommentieren möchte, werfe ich ihm daher auch nicht vor.
Der Artikel ist eben als das zu sehen was er ist: Ein Kommentar einer Seite.

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