Mathieu Boogaerts: "Michel"

    12. Februar 2006, 19:17
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    Er lebt in Paris und lässt sich in Berlin/Barcelona inspirieren: Genauso klingt Boogaerts' jüngstes Album

    Von den vielen, wenigen französischen Exportprodukten, die über Sampler, allen voran von Le Pop, in den deutschsprachigen Raum gedrungen sind, hebt sich Mathieu Boogaerts deutlich ab. Sein viertes Album "Michel", das er wieder zur Gänze selbst arrangiert (wofür er sich in Berlin und Barcelona inspirieren ließ), getextet und eingespielt hat, ist so schlicht gehalten, dass es sich den Ohren auch noch nach der Konsumation mehrerer Dutzend musikalischer Neuerscheinungen erschließt. Musik für überspannte Nerven sozusagen.

    Naiv-weise

    Nun ist Boogaerts musikkritisch gesehen aber kein Pflegeleichter. Minimalistisch will man ihn gern nennen, passt aber nicht: zu viele Schnörkel ab und zu, wenn auch winzige. Bewusst dilettantisch passt auch nicht, trotz Hintergrundchor, der kurz vorher aus dem Aufnahmestudio-Staff rekrutiert wurde. Dafür ist das Album wieder zu perfekt abgestimmt. Süß ist die Stimme, aber oft nicht der Text, naiv sind die Reime (L’eau de la pluie je la boie/ Quoi de plus beau/ Qu’un haricot/ Tout ça c’est fait pour moi), weise die Essenz.

    Die Idee hinter "Michel": Alle Instrumente sind gedämpft, die hohe Stimme Boogaerts’ hebt sich weniger im Volumen als durch die Akzentuierung der Worte ab. Die Texte, oft Ausflüge ins Absurde, wirken beiläufig gesungen, das Album scheint aus einem Guss aufgenommen worden zu sein. Dennoch wirkt der Gesang in seiner Unbeholfenheit perfektioniert: Die Klangmelodie der Worte fügt sich sanft in die Tonfolge der Musik ein, nie wird ganz klar, ob der Text vertont wurde, oder die Musik vertext. Oft entstehen daraus wirkungsvolle Kontraste. So sagt die dünne, brechende Stimme des Kindes in "Appelez les pompiers": "Je n’veux pas mourir idiot" (Ich will nicht sterben, Idiot!).

    Fulltybeau

    "Siliguri", eine Reise der Erinnerungen an ihren Arsch in Honolulu, ihre Möse in Ouagadougu und den Penis von Siliguri, stellt im lieblichen Rahmen dar, dass Nein gar nicht so ein unbrauchbares Wort ist, während Michel in "Keyornew" (Tipp: Silben vertauschen, ein "e" weg, voilà) nur davon träumt, einmal in jener großen Stadt zu sein: "Comme c'est fulltybeau".

    "Michel" ist Mathieu Boogaerts bisher gelungenstes Album. (mas)

    • Artikelbild
      foto: mathieu boogaerts
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