Sufjan Stevens: "Come on feel the Illinoise"

5. Februar 2006, 19:38
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Eines der besten Alben des Jahres 2005 ... und Teil 2 einer utopischen Serie über die amerikanischen Bundesstaaten

Überirdisch schön. Kaufen, nicht runtersaugen: der Mann ist sein Geld wert.

... damit ist die zentrale Botschaft diesmal gleich an den Anfang gepackt. An Worten über Sufjan Stevens hat es in den vergangenen zwei Jahren ohnehin nicht gefehlt: Dafür sorgte schon sein genialer PR-Einfall, das Erscheinen seines Albums "Greetings from Michigan" (2003) mit der Ankündigung zu verknüpfen, eine ganze Serie von Konzeptalben herauszubringen, für die nach und nach jeder der US-Bundesstaaten abgehandelt werden sollte. Knapp zwei Jahre nach seinem Heimatstaat hat er sich nun dem südwestlich gelegenen Illinois zugewandt. Mal hochrechnen ... njaaa, wird sich nicht ganz ausgehen mit der Serie, zumindest nicht, wenn er das Tempo beibehält.

Leben im Midwest

Mit "Come on feel the Illinoise" ist der 30-Jährige jedenfalls im Mittelwesten, dessen Historie und Mythologie geblieben. Und manchmal hat man das Bedürfnis, zur CD ein amerikanisches Geschichtsbuch mitgeliefert zu bekommen, so viele Namen geistern durch die einzelnen Songs. Abraham Lincoln und "der Stählerne" (siehe Coverbild) sind geläufig, auch Serienmörder John Wayne Gacy Jr., dem Stevens eine makaber schöne Ballade gewidmet hat, ist dem einen oder anderen vielleicht noch in Erinnerung.

Aber wer kennt hierzulande schon Casimir Pulaski - einen europäischen Grafen, der sich von Benjamin Franklin überreden ließ, im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg mitzukämpfen? Oder Andrew Jackson, Kriegsheld und siebenter Präsident der USA?

Dabei tauchen die Genannten zumeist nicht als Hauptpersonen auf, sondern bilden ein Vorratslager an Metaphern und semantischen Verweisen, das Stevens nutzt, um damit eigene Befindlichkeiten auszudrücken: And in my best behavior I am really just like him. Look beneath the floorboards for the secrets I have hid (John Wayne Gacy, Jr.). Denn als Folk-Sänger erzählt Stevens zwar Geschichten, doch sind es Geschichten aus der unmittelbaren (autobiografischen oder fiktiven) Lebensumwelt, von der Fahrt in die Freiheit oder dem Dahinsiechen am Krebs.

"Let's hear that string part again, because I don't think they heard it all the way out in Bushnell" (Titel von Nr. 15 auf "Illinoise")

Das Herausragende an Sufjan Stevens ist allerdings die musikalische Umsetzung: Der Multi-Instrumentalist pendelt zwischen sehr, sehr stillen Parts und derart barock ausladenden Arrangements, dass selbst die frühen Belle & Sebastian daneben wie beinharte ReduktionistInnen dastehen. Streichquartett, Holz- und Blechbläser, Vibraphon und Glockenspiel - und nicht zuletzt ein weiblicher Chor mit Engelszungen prägen den komplexen Sound von "Come on feel the Illinoise" (ohne dass jemals wirklich ein "Noise"-Level erreicht würde). Und sowohl für die sparsamen als auch für die bombastisch geratenen Songs gilt: als Hintergrund-Musik ist Sufjan Stevens absolut ungeeignet.

What's next

Und einmal noch zurück zum "50 States Project": Die nächsten Sprünge sollen weiter ausfallen - Rhode Island und Oregon stehen auf dem Programm. Einen Hang zum Offensichtlichen kann man Sufjan Stevens jedenfalls nicht unterstellen. (Josefson)

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    foto: asthmatic kitty/sufjan
  • Sufjan Stevens: "Come on feel the Illinoise" (Asthmatic Kitty Records/Roughtrade 2005)
    coverfoto: asthmatic kitty records

    Sufjan Stevens: "Come on feel the Illinoise" (Asthmatic Kitty Records/Roughtrade 2005)

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