Die vier von der Totentankstelle

20. Februar 2006, 19:57
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Verklemmt: Dejan Dukovskis "Die andere Seite" wurde im Hundsturm erstaufgeführt

Wien - Mit der neueren internationalen Verknappungsdramatik sind seit geraumer Zeit keine Rhetorikwettbewerbe zu gewinnen. Man nehme zum Beispiel die Theaterfiguren des Mazedoniers Dejan Dukovski her: Die tauschen Wörter aus wie Protestnoten. Verknappung heißt die Tugend der Nachschöpfungsstunde null: Das treffendste Wörtchen muss sitzen. Jeder Gedankenschnellschuss ein Treffer. Keine zweite Patrone in der Kammer.

Jeder An- oder Ausruf klingt wie ein drohendes Alarmsignal: "Fick dich!" oder "Halt's Maul!". Unter der groben Haut der Kraft- und Saftwörter schwären böse vergiftete Wunden. Das Liebesbegehren, jedes Zeichen von Intimität, alles Werben um Nähe - sie sind einem unklaren Prinzip der Verelendung in den zersplitterten Metropolen geschuldet.

Hinter den gelungensten Stücken von Sarah Kane oder eben auch Dukovski erhebt sich ein Bange machendes Fragezeichen: Ab nun, signalisieren diese Partituren einer planmäßig betriebenen Ausdünnung, begänne ein sprachloses, ein spaßmachendes Spiel auf Leben und Tod. Jenseits dessen, was Dramatiker wie Dukovski so unbekümmert maulfaul aufschreiben, feierten wir, wenn wir nur nicht so feige wären, so wohlstandsbequem und erwerbsgeplagt, ein Überfließen der Säfte, ein Schütteln der Gliedmaßen, eine Erlösung von den Mangelerscheinungen unserer Zivilisation.


Überlebensgegend

Vier Personen, alle von einem ungenannt bleibenden Krieg in ihrer Integrität und Würde beschädigt, bevölkern eine Überlebenstrotz- und Dämmerlandschaft mit Theke, die im Hundsturm des Wiener Volkstheaters aus vier ineinander gekanteten Keilen mit Aufbauten besteht (Bühne: Christine Dosch).

Texte wie Die andere Seite, von Regisseur Wojtek Klemm mit dem heiligen Bemühen eines Messdieners erstaufgeführt, erzählen vom Leben, dessen Bedeutungsfäden vorne und hinten abgebissen sind. Die herrlich desillusionierte Prostituierte Lilly (Claudia Sabitzer) begegnet dem Vater eines ihrer Kinder, dem Puppenspieler Lucky (Rainer Frieb): einem gesichtsknautschenden, kieferfletschenden Selbstbetrugskünstler mit geklebtem Brillensteg. Am anderen Ende der Skala torkelt der junge Kriegsveteran Tricky (Lorenz Nufer), ein hobbyzauberndes Armutsprinzchen mit wassertief fragenden Augen, haarscharf an der Kneipenschönheit Little (Nicole Janze) vorüber.

Man gewahrt nicht ohne Anzeichen der allmählichen Ermüdung eine verbeulte, verschobene Saloon-Dramaturgie: Jeder und jede quatscht mit jeder/jedem. Wenn nichts mehr geht, ersetzt der Ballermann die Argumente. Die Zeitenfolge ist einigermaßen außer Kraft gesetzt - und so gilt bald das "Ich liebe dich!" so viel wie das genaue Gegenteil.

Klemm, der verbliebene zweier ursprünglich zur Stilbildung herangezogenen Hundsturm-Regisseure, hat ein paar hübsche Ballett- und Funny-bones-Nummern in das schicksalsschwere Einerlei hineingezwängt. Man bewundert den gesunden Wirklichkeitssinn einer Nutte (Sabitzer), die ihr Chemiefaser-Top wie eine Königinnenbluse trägt. Ob es das nur schon gewesen ist? Vielleicht wäre weniger Wirklichkeitsehrfurcht vonnöten, weniger schiefergraue Bedeutungsschwere. Dann sollte auch das Leben in der Margarethener Theateraußenstelle wieder kunstschöner werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.1.2006)

Von Ronald Pohl
  • Nachkriegsekstatiker beim Freizeitdienst: Lorenz Nufer (li.) und Rainer Frieb im Wiener Hundsturm.
    foto: torky/volkstheater

    Nachkriegsekstatiker beim Freizeitdienst: Lorenz Nufer (li.) und Rainer Frieb im Wiener Hundsturm.

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