Arbeiten im Ausnahmezustand

7. November 2006, 15:09
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Auch an Feiertagen hat der "Ganslwirt" offen: Drogenab­hängige finden einen warmen Platz und Be­treuung. Geschäfts­füh­rer Gerhard Schinnerl darüber, was das für die Mit­arbeiter bedeutet

Wer hierher kommt, ist nirgends mehr willkommen. Zugedröhnte Giftler, die auf der Suche nach einem warmen Platz bei sozialen Einrichtungen anklopfen, finden schwer Einlass: Abstinenz, zumindest für den Moment, ist fast überall Aufnahmebedingung. Nur im Ganslwirt, einem ehemaligen Gasthaus in Wien-Mariahilf, darf man eintreten, selbst wenn man es im Drogenrausch kaum noch durch die Tür schafft.

Dass dies durchschnittlich alle sechs Minuten passiert, rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, macht die Arbeit zu einem Job, der "kein normaler ist", wie Gerhard Schinnerl sich in der ihm eigenen Unaufgeregtheit ausdrückt. Der Geschäftsführer des Vereins Wiener Sozialprojekte, der neben anderen Einrichtungen den Ganslwirt betreibt, versteht sich als Manager. "Ich versuche diesem Schmuddelthema durch straightes Auftreten eine Struktur zu geben."

Konfliktmanagement

14 diplomierte Sozialarbeiter und zwölf Ärzte (drei davon fest angestellt, neun auf Honorarbasis) und fünf Zivildiener kümmern sich um die fast 6400 Klienten, die pro Jahr den Ganslwirt weit über die Grenzen seiner Kapazität bringen. Das Team arbeitet im "permanenten Ausnahmezustand", so Schinnerl: Für 30 Besucher ist das Tageszentrum konzipiert, durchschnittlich 69 drängten sich 2005 pro Tag im Aufenthaltsraum, in dem nur drei eiserne Regeln gelten: "Dealen, Konsum, Gewalt sind verboten", sagt Schinnerl.

Den Drogenrausch auszuschlafen wird toleriert - und dass Toleranz etwas anderes bedeutet als Unterstützung oder gar Förderung des Konsums illegaler Substanzen, habe sich inzwischen herumgesprochen. Mit den Anrainern gebe es jedenfalls dank gezielter Informationen ("Tag der offenen Tür") und schnellem Konfliktmanagement kaum noch Ärger, erzählt Schinnerl.

Das war nicht immer so. Bis 1990 herrschte im Wiener Drogenhilfssystem die Meinung, nur jenen Personen sollte geholfen werden, die sich "hilfswürdig" benahmen, also bereit und fähig waren, den Drogenkonsum aufzugeben. Der realistischere Ansatz des Ganslwirts galt als Tabubruch: Zuerst müsste die Verbesserung der Lebensbedingungen kommen, erst danach könnten tragfähige Lebensperspektiven erarbeitet werden.

Dieser Zugang stellt die Mitarbeiter vor das kaum vorstellbare Problem, dass der Ganslwirt jeden Tag neu erfunden werden muss, weil man nie weiß, in welchem Zustand die Besucher gerade sind. Selbst Stammgäste - ein Viertel der rund 6400 Klienten pro Jahr ist den Betreuern namentlich bekannt - sind wegen ihrer Sucht kaum einschätzbar.

Höhere Bezahlung

"Ich bewundere meine Mitarbeiter und bin stolz darauf, was sie leisten", sagt Schinnerl. Die Bezahlung ist wegen der extremen Anforderungen deutlich höher als in Sozialeinrichtungen üblich: Einsteiger beginnen bei 2000 Euro brutto plus Zulagen für Sonderdienste. Die meisten Mitarbeiter sind zwischen 24 und 30 Jahre alt, die Hälfte von ihnen ist weiblich, für viele ist der Ganslwirt der erste Job nach der Ausbildung.

Nach drei bis fünf Jahren suchen sie im Durchschnitt einen anderen Arbeitsplatz, der Trägerverein unterstützt sie bei der Suche. "Einen Job wie im Ganslwirt macht niemand bis zur Pension", weiß Schinnerl, der selbst als Sozialarbeiter tätig war. Zu groß sei die Gefahr des Ausbrennens. Dem drohenden Burnout wirkt man mit wöchentlichen Teamsitzungen, regelmäßiger Supervision, Workshops entgegen, so gut es geht, aber der Job "geht unvermeidlich an die Substanz", so Schinnerl.

Dass Klienten trotz aller Bemühungen und guten Vorsätze rückfällig werden, sei enttäuschend für die Betreuer. Aber noch mehr belaste sie, dass immer wieder Schützlinge sterben. "Man baut ja auch eine persönliche Beziehung zu diesen Menschen auf."

Sich abzugrenzen sei daher essenziell. Denn, führt Schinnerl aus: "Sucht geht nicht nur mit Scheitern einher, es heißt auch Grenzen zu überschreiten." Wer sich dagegen nicht wehre, brenne schnell aus. (rös, DER STANDARD, Printausgabe von 7./8.1.2006)

  • Das Ganslwirt- Management: VWS- Geschäftsführer Gerhard Schinnerl (links), Leiterin Margit Putre, ärztlicher Leiter Hans Haltmayer.
    foto: urban

    Das Ganslwirt- Management: VWS- Geschäftsführer Gerhard Schinnerl (links), Leiterin Margit Putre, ärztlicher Leiter Hans Haltmayer.

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