Rote "Frontfrau" wünscht sich "Papamonat"

16. März 2006, 17:04
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Der Wiener SP-Stadträtin Sonja Wehsely geht ein innovativer Ruf voraus. Probleme machen ihr höchstens die starken roten Männer.

Einmal, gegen Ende des Studiums, hat sie sich so richtig verzettelt: Für den Abschluss ihres zweiten Studiums, Pädagogik und Psychologie, fehlte der Juristin Sonja Wehsely nur die Diplomarbeit. Um die Studiengebühren nicht bezahlen zu müssen, inskribierte sie nicht mehr, wurde exmatrikuliert. Eine neue Studienordnung kam - der Rest ist Familiengeschichte: "Das alles nachzumachen kommt in meinem derzeitigen Lebensabschnitt nicht infrage. Aber wer weiß, was in 30 Jahren ist", sagt Wehsely dazu.

Was heute ist: Die 35-jährige Sonja Wehsely ist als amtsführende Stadträtin Chefin über 65.000 Mitarbeiter der Stadt Wien und zuständig für das schwierige Kapitel Integration - und nicht zuletzt für das Thema Frauen. Im Juli 2004 hat Wehsely von Renate Brauner diese Funktion geerbt.

Medial betrachtet, hat sie sich bisher noch nicht verzettelt. Die einen nennen sie "rote Frontfrau", die anderen ein "Energiebündel": Das Image, das sich von Sonja Wehsely seit dem Amtsantritt als Wiener Stadträtin gefestigt hat, kann jedenfalls kaum besser sein. Sogar der Hamburger Wochenzeitung Zeit war sie ein langes Porträt wert.

Wegweiserecht vor Abtreibungskliniken

Hoch gepriesen wurde da beispielsweise das von ihr durchgesetzte Wegweiserecht vor Abtreibungskliniken. Dass die Polizei jetzt das tun kann, was sie - wie Kritiker angemerkt haben - auch davor schon durfte, ist wohl nur ein Randdetail. Für Wehsely war die Regelung notwendig: "Durch das Landesgesetz ist der Interpretationsspielraum, den die Polizei hatte, weggefallen." Beim Thema "Schutzzone" kommt das Lieblingsargument der Wiener SPÖ: "Das ist eine Frage des Bundes."

Der Bund ist auch beim jüngsten Vorschlag der Stadträtin gefordert: dem "Papamonat". Väter sollten nach der Geburt einen Monat zu Hause bleiben dürfen - und zwar mit vollem Gehalt. Wehsely, Mutter eines Sohnes: "Wenn nach der Geburt des Kindes beide verantwortlich sind, merken auch die Männer gleich, wie anstrengend das sein kann."

Verdoppelung der Deutsch-Sprachkurse

Als einen ihrer größten Erfolge sieht Wehsely die Verdoppelung der Deutsch-Sprachkurse für Zuwanderer von 3000 auf 6000 im vorigen Jahr an. Ihrem politischen Gegner ist das aber zu wenig. "Vieles, was sie fordert, kann ich unterschreiben", sagt die nicht amtsführende Wiener-Grünen-Stadträtin Monika Vana, "dann gibt es immer einen Grund, warum etwas doch nicht umgesetzt wird." Wehsely könne sich gegen die starken Männer im Magistrat oft nicht durchsetzen.

Das Gleiche gelte auch innerparteilich, ergänzen andere. Gerne wird da die Geschichte von der Nachfolge Brigitte Ederers als Leopoldstädter SP-Bezirksparteichef erzählt: Wehsely habe diese Funktion angestrebt, sei aber gegen SP-Justizsprecher Hannes Jarolim chancenlos gewesen. Offiziell wird dies im SPÖ-Lager heftig dementiert.

Rote Fixpunkte Die Leopoldstadt und die SPÖ waren bisher zwei Fixpunkte in Wehselys politischem Leben: Aufgewachsen im Viertel nahe des Karmelitermarktes, ist bei ihr - sozusagen von der Pieke auf - alles auf Rot eingestellt: sei es als Schülerin in der Sozialistischen Jugend, wo sie es zur Wien-Chefin schaffte, beim Studium als Bezirks- oder ab 1996 als Gemeinderätin. Ihr Vorbild ist Johanna Dohnal, im Zivilberuf war die Juristin Personalentwicklerin - bei der Wiener Städtischen natürlich.

Dass nur die Sozialdemokratie Heimat sein konnte, erklärt Wehsely damit, dass "bei der SPÖ, wenn man den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht, die soziale Frage im Mittelpunkt steht". Und, wenn man so will, gilt die Farbenlehre auch für ihre Partnerschaft. Wehselys Ehemann ist SP-Gemeinderatskollege Andreas Schieder, dessen Vater Peter Schieder selbst Stadtrat in Wien war.

Violette Vorlieben Noch hält es die Schwiegertochter auf der kommunalen Ebene: "Ich bin gerade auf fünf Jahre gewählt worden. Als Stadträtin habe ich noch viel vor." Und von der Farbe Rot wendet sie sich nur beim Fußball ab. Da schlägt ihr Herz violett - und damit im Gleichklang mit Austria-Wien-Fan Michael Häupl, womit sich der Kreis wieder schließt. In dieser Frage steht ihr Lebensgefährte als Rapid-Fan sozusagen im Abseits. (Peter Mayr, DER STANDARD-Printausgabe 07./08.01.2006)

Stadträtin mit viel Energie, innovativen Ideen - und einem ausgeprägten roten Heimatgefühl: Sonja Wehsely hält es derzeit (noch) auf der kommunalen Ebene. Auch wenn - laut Opposition im Wiener Rathaus - etliche ihrer Anregungen am (männlichen) Widerstand scheitern.
  • Stadträtin mit viel Energie, innovativen Ideen - und einem ausgeprägten roten Heimatgefühl: Sonja Wehsely hält es derzeit (noch) auf der kommunalen Ebene. Auch wenn - laut Opposition im Wiener Rathaus - etliche ihrer Anregungen am (männlichen) Widerstand scheitern.
    foto: regine hendrich

    Stadträtin mit viel Energie, innovativen Ideen - und einem ausgeprägten roten Heimatgefühl: Sonja Wehsely hält es derzeit (noch) auf der kommunalen Ebene. Auch wenn - laut Opposition im Wiener Rathaus - etliche ihrer Anregungen am (männlichen) Widerstand scheitern.

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