Hohe Minne für große Mode

27. März 2006, 16:00
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Rollenwechsel zweier Ausnahmekünstler: Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager und Regisseur Peter Sellars trafen sich zum exklusiven Modeduett

Es ist kurz nach sechs, draußen regnet es, Wien steckt im Stau. Angelika Kirchschlager kommt von der Probe, in Army-Hosen und Turnschuhen. Sie hat das Fotostudio nicht gleich gefunden, doch jetzt ist sie da und fällt Peter Sellars, der sich bereits mit Ketten behängt hat, in die Arme. Minutenlang drücken sie einander.

Kirchschlager: Peter!

Sellars: Angelika!

Kirchschlager: Endlich lernen wir uns kennen, und das nicht auf der Bühne, sondern bei einem Shooting! Ist das nicht verrückt?

Sellars: Ich habe mich so gefreut auf heute Abend. Ich liebe deine Stimme!

Kirchschlager: Und ich bin ein großer Fan von dir. Wie lange bist du in Wien?

Sellars: Bis Montag. Dann muss ich wieder nach Los Angeles. Aber ich versuche etwa eine Woche im Monat in Wien zu sein.

Kirchschlager: Wirklich? Das schaffe ich nie.

Sellars: Ob du es glaubst oder nicht, ich habe in diesem Jahr acht Tage zu Hause verbracht, nicht mehr. Dabei liebe ich Los Angeles. 18 Millionen Menschen, das ist fantastisch.

Kirchschlager: Ich komme gerade aus New York und St. Paul/Minneapolis. Zehn Tage, und ich habe nur geschlafen, gekocht und relaxt. Ich war so wahnsinnig müde die ganze Zeit. Ich muss bereits nach New York fliegen, um mich zu entspannen.

Sellars: Ich liebe Minnesota. Er ist der liberalste amerikanische Bundesstaat, der einzige, der Ronald Reagen nicht gewählt hat. Es leben coole Leute dort, Prince zum Beispiel. Aber es ist wahnsinnig kalt dort.

Kirchschlager: Du sagst es. Minus 40 Grad!

--> Inspizieren der Kleidungsstücke.

Angelika legt ab, Peter trinkt Wasser, Angelika Cava. Sie schauen sich Fotobücher an, inspizieren die Kleidungsstücke, in die sie gleich schlüpfen werden. Später, in der Maske:

Kirchschlager: Wie kriegst du eigentlich deine Haare so hin?

Sellars: Sie sind einfach so, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Gel oder irgendetwas reingeschmiert.

Kirchschlager: Schläfst du vielleicht im Handstand?

Sellars (lacht): Nein, nein, als ich einmal in einem Film gespielt habe, sollte mein Haar anliegend sein. Ich war zwei Stunden in der Maske, aber da war nichts zu machen. Meine Haare standen kerzengerade nach oben. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich mir mein Haar immer selbst schneide, das muss ganz schnell gehen.

Kirchschlager: Du schneidest dir selbst die Haare?

Sellars: Ja. Meist um vier Uhr früh, wenn ich wieder einmal mit dem letzten Flieger einfliege. Ich kann nicht schlafen, also schneide ich mir die Haare.

Kirchschlager: Peter, das klingt ein bisschen verrückt.

Sellars: Manche Menschen denken, ich sei verrückt, aber sie liegen falsch. Total falsch.

Kirchschlager: Vielleicht denken das viele nur, weil du so lustige Kleidung trägst. Obwohl sie wunderbar zu dir passt.

--> Über Opec, Schwarzenegger und das Bildungssystem.

Sellars: Danke. Ich habe ein Faible für Polyester. Ich kaufe nur Erdölprodukte, die Opec muss am Laufen gehalten werden.

Kirchschlager (lacht): Peter, was denkst du eigentlich über Schwarzenegger?

Sellars: Er ist die Verkörperung des Bösen. Zuerst dachte ich, er wäre gut für das Land. Er spricht mit den Menschen, er arbeitet hart, er hat es zu etwas gebracht. Aber als er im Amt war, haben sich diese Hoffnungen zerschlagen. Schwarzenegger wird alles tun, um Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Diese Woche hat er einen Schwarzen umbringen lassen, nur weil seine Umfragewerte dadurch um drei Prozentpunkte stiegen. Mich erinnert das an das alte Rom: Das Volk will Menschen leiden sehen, dann wählt es die dafür verantwortlichen Politiker.

Kirchschlager: Für mich ist das eine Krise des Bildungssystems.

Sellars: Ja, man hat das Bildungssystem kontinuierlich zerstört. Ich unterrichte an der University of California, L.A., und dort hat man das Budget in den 15 Jahren, die ich dort bin, um 45 Prozent gekürzt.

Kirchschlager: Was unterrichtest du?

Sellars: Mein Seminar heißt: Welt, Kunst, Kultur. Das bedeutet, ich kann machen was ich will. Ich rede über neue Sklaverei, den Drogenkrieg, weibliche Gefangene. All das, worüber in Amerika nicht geredet wird. Meinen Studenten ist es nicht erlaubt, meine künstlerischen Arbeiten zu sehen. Sie sollen davon unbelastet sein.

--> Maske, Anprobe, Kniefall, Handküsse

Angelika ist mit der Maske fertig, sie probiert Kleider an. Peter wird geschminkt.

Kirchschlager: Zum Glück habe ich jetzt etwas Make-up im Gesicht. Peter, wir haben nie miteinander gearbeitet.

Sellars: Ich habe nie gedacht, dass ich es schaffe, dich für eine Rolle zu gewinnen. Ich schwöre es: Ich war zu scheu, dich zu fragen. Als ich mit Simon Rattle an "Idomeneo" arbeitete, sprach ich mit ihm jeden Tag über "Sophie's Choice". Ich finde es fantastisch, dass die Musik für dich geschrieben wurde. (Er kniet vor ihr nieder und küsst ihre Hand.)

Kirchschlager (lacht): Du bist tatsächlich verrückt.

Sellars: Nein, aber du arbeitest mit den berühmtesten Leuten im Business, und ich arbeite kaum in Opernhäusern, ich mache viel häufiger Festivals. Opernhäuser deprimieren mich.

Kirchschlager: Was machst du eigentlich in Wien?

Sellars: Die Stadt Wien hat mich gebeten, ein Festival im Mozartjahr zu machen.

Kirchschlager: Wirklich? Das wusste ich gar nicht.

Sellars: Ich habe Künstler aus allen Teilen der Welt eingeladen, nach Wien zu kommen und hier etwas Neues zu machen. Nichts, was man je zuvor gesehen hat, nichts, was man kennt. Und: Wir spielen keinen Mozart. Ich habe mich gefragt, was Mozart gemacht hätte, wenn er nicht so früh gestorben wäre, das ist das Ergebnis.

--> Mozart und Schönheit

Kirchschlager: Das klingt gut. Auf jeden Fall besser als vieles, was sonst zu seinen "Ehren" veranstaltet wird.

Sellars: Spielst du Mozart?

Kirchschlager: Ich mache nur einen Mozart, "Idomeneo" im Theater an der Wien. Ich bin froh, dass ich gerade in diesem Sommer nicht in Salzburg sein muss, ich fahre im Sommer mit meinem Sohn nach Grönland. Aber ich finde Dein Festival super. Es interessiert mich mehr als die fünfundzwanzigste Zauberflöte.

Sellars: Ich habe in den vergangenen Jahren fast nur noch neue Sachen gemacht. Man muss auch die lebenden Komponisten zeigen.

Kirchschlager: Das Wichtigste ist, dass ein Stück wieder lebendig wird. Und das wird es immer nur durch die Menschen, die mitwirken. An der Wiener Staatsoper spielt man Inszenierungen aus dem Jahr 1974. Und trotzdem funktionieren manchmal auch sie.

Peters Maske ist fertig, beide schlüpfen in ihr jeweils erstes Outfit, suchen sich passenden Schmuck aus und präsentieren sich gegenseitig.

Kirchschlager: Oh Peter, du siehst wahnsinnig gut aus!

Sellars: Nein, nein, du bist hier die Schönheit. Und ich bin dein Accessoire.

Sie umarmen und küssen sich. Arm in Arm gehen sie ins Studio. Das Shooting beginnt.

Aufgezeichnet von Stephan Hilpold. (DER STANDARD, rondo/05/01/2006)

--> MitarbeiterInnen, Outfits und Infos

Fotos: Stefan Armbruster,
Fotoassistenz: Steven Yi Lin
Styling: Robert Schwaighofer,
Stylingassistenz: Stevan Stojanovic
Visagistin: Dalila Riccetti (Perfect Props)
Produktion: Stephan Hilpold

Outfits

Valentino (Herrengasse 2, 1010 Wien),
Alexander McQueen (Chegini, Kohlmarkt 7),
Viktor & Rolf (Partner M.H, Seilergasse 6),
Pierre Hardy (2006FEB01, Plankengasse 3),
Wendy & Jim (wujsympathisant.com),
Petar Petrov (petarpetrov.com),
Florian Ladstätter (Mühlbauer, Seilergasse 10),
Raf Simons (Park, Mondscheingasse 20, 1070),
Calvin Klein (Liska, Graben 12),
Diesel;
Daniel Swarovski;
Plexiglasleiter (Design Of 20. Century, Margaretenplatz 3, 1050)

Infos

Peter Sellars' Festival "New Crowned Hope" findet vom 14. November bis 13. Dezember 2006
in Wien statt. www.newcrownedhope.org oder 01/589220. Die "Idomeneo"-Premiere mit Angelika Kirchschlager ist am 27. Jänner im Theater an der Wien. www.theater-wien.at oder 01/58885.

Gesamte Fotostrecke

Minne für Mozart
  • Artikelbild
    foto: stefan armbruster
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    foto: stefan armbruster
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