"Wodka Lemon": Mobiliar in Bewegung

4. Februar 2007, 20:08
posten

Tragikomisches Filmbilderbuch zurückhaltend erzählt: Hiner Saleems "Wodka Lemon"

Wien - Ein Bett saust durch tief verschneite Landschaft. Der alte Mann, der sich darauf zum Friedhof ziehen lässt, stimmt bald darauf ein Klagelied an. Das eigentümlich anmutende Bild ist also Teil eines Alltags, und es liefert doch bereits ein Indiz für die doppelbödige Bilderwelt des kommenden Films.

Der aus dem irakischen Teil Kurdistans stammende und in Paris lebende Regisseur Hiner Saleem nutzt in Wodka Lemon (2003), seinem dritten Spielfilm, in erster Linie die visuellen Möglichkeiten des Kinos. Er setzt zunächst einen konkreten Lebensraum, ein armenisches Dorf im Kaukasus, ins Bild: Die Arbeit und das Geld sind knapp. Die Jungen gehen weg, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Zurück bleiben die Alten und jene, denen der Absprung nicht gelingt.

Etüden am Wegesrand

Zum anderen fügt der frühere Maler Saleem das Personeninventar und die dazu gehörigen Versatzstücke immer wieder zu kleinen surrealen Inszenierungen: Ein Paar sitzt etwa Rücken an Rücken auf einem Klapphocker am Straßenrand und hadert mit dem spontanen Erwerb eines Kleiderschranks, dessen Abtransport nun bewerkstelligt werden muss ("Du hast immer Recht, aber immer zu spät"). In den Aufnahmen eines Klaviers, das ebenfalls am Straßenrand feilgeboten wird und das schließlich auf wunderbare Weise Automobilität entwickelt, spiegelt sich am Ende das Bild vom Anfang wider.

Erst in zweiter Linie geht es in Wodka Lemon auch um die Annäherung zwischen dem Witwer Hamo (Romen Avinian) und der ebenfalls verwitweten Nina (Lala Sarkissian), die stets zur gleichen Zeit die Gräber ihrer Lieben aufsuchen und einander lange Zeit nur von ferne wahrnehmen.

Wodka Lemon erzählt außerdem von Kommunikation unter altertümlichen Vorzeichen - ein Brief erreicht seinen Empfänger erst am Ende einer Kette von Telefonaten, Botengängen und einer beschwerlichen Mopedfahrt.

Von einer armen Schattenwirtschaft, in der die Männer ihr letztes Hab und Gut und die (jungen) Frauen ihre Körper verkaufen, und von alten Bräuchen, die offenbar besagen, dass sich Wichtiges am besten auf Stühlen sitzend draußen im Schnee verhandeln lässt.

Der Titel bezieht sich im Übrigen weniger auf einen alkoholseligen Habitus - hier wird nicht Trinkfreudigkeit beschworen (und keine skurrile Typenkomödie entfaltet), sondern vielmehr auf die Diskrepanz zwischen Bezeichnung und Inhalt verwiesen: Das gleichnamige Getränk, das ein Russe importieren lässt, schmeckt nicht nach Zitrone, sondern nach Mandeln. Eine von vielen unlösbaren Diskrepanzen, die es im Alltag zu überwinden gilt und deren Hinterfragung hier nicht weiterführt. (Isabella Reicher/ DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2006)

  • Alter Mann in Fahrt: Die zurückhaltend erzählte Tragikomödie "Wodka Lemon" von Hiner Saleem.
    foto: filmladen

    Alter Mann in Fahrt: Die zurückhaltend erzählte Tragikomödie "Wodka Lemon" von Hiner Saleem.

Share if you care.