Machtfülle und Lebensfreude

16. März 2006, 17:04
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Die Wiener Gesundheitsstadträtin Renate Brauner hat eine steile Karriere hinter sich - ein Porträt

Gesundheitsstadträtin Renate Brauner ist Herrin über 40.000 Mitarbeiter und verwaltet 2006 rund drei Milliarden Euro. Ihre Aufgabe sieht sie darin, Rahmenbedingungen zu schaffen. Jeder Politiker, der behaupte, sein Feld bis ins Detail zu kennen, ist für Brauner ein Angeber.

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Wien - "Seit ich das Gesundheitsressort übernommen habe, war ich nicht mehr auf Kuba." Renate Brauner blickt ein wenig wehmütig aus den hohen Fenstern ihres Büros, wo gerade ein Schneegestöber den Blick auf den Rathauspark trübt. "Die Lebensfreude und der Elan der Kubaner, die positive Einstellung, mit der die oft schwierigen Bedingungen bewältigt werden, entspricht meinem Charakter," erklärt Brauner, warum sie der karibische Inselstaat fasziniert.

Diese Einstellung hatte Brauner auch nötig, als sie am 1. Juli 2004 das Amt als Stadträtin für Gesundheit und Soziales von Elisabeth Pittermann übernahm. Das Wiener Gesundheitswesen war durch den Lainz-Skandal gebeutelt und es galt, viele offene Wunden zu schließen. Das Ressort, das 2006 ein Budget von rund drei Milliarden Euro verwaltet, ist nicht nur eines der umfangreichsten, sondern auch eines der heikelsten. Für Brauner war die größte Herausforderung, "hinter die Dinge zu schauen und die Probleme in ihrer Komplexität zu begreifen". Jeder Politiker, der behaupte, sein Feld bis ins Detail zu kennen, sei ein Angeber. Deswegen sieht sie ihre Aufgabe darin, Rahmenbedingungen zu schaffen und den Überblick zu bewahren.

Steile Karriere

Ihre Laufbahn begann die 1956 geborene Langzeitpolitikerin als Vorsitzende der sozialistischen Studentenorganisation, wo sie gemeinsam mit heutigen Parteifreunden wie Grete Laska, Brigitte Ederer und Michael Häupl aktiv war. Von der Bezirksvertretung Margareten hantelte sich die Ökonomin über das Wiener Frauensekretariat, das sie von 1989 bis 1994 leitete, in den Wiener Landtag und Gemeinderat, dem sie seit 1990 angehört. 1996 wurde Brauner zur Frauen- und ersten Integrationsstadträtin bestellt, ein Jahr später wurde die enge Vertraute des Bürgermeisters auch stellvertretende SPÖ-Vorsitzende auf Bundesebene.

In ihrer jetzigen Position ist die energische Frau mit dem schallenden Lachen und dem trällernden "Hallöchen" als Erkennungszeichen Herrin über 40.000 Mitarbeiter - alle städtischen Spitäler und Geriatriezentren sowie der Fonds Soziales Wien, in den - nicht unumstritten - wichtige Sozialagenden ausgelagert wurden. Nicht von ungefähr gilt Renate Brauner als mächtigste Frau im Rathaus und wurde mehrfach als Nachfolgerin von Michael Häupl gehandelt. Ihr Führungsstil ist berüchtigt: Sie habe ihr Ressort strikt unter Kontrolle, behaupten nicht nur politische Gegner. Diese bemängeln fehlende Transparenz: "Brauner dürfte die Achillesfersen besser verbergen, damit die Debatte nicht aus dem Ruder gerät, so wie es bei ihrer Vorgängerin Pittermann der Fall war," so die Einschätzung von Sigrid Pilz, Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen.

Chef-Rolle erarbeitet

Renate Brauner selbst hat kein Problem mit Macht: "Ich glaube, dass es in einer Spitzenposition notwendig ist, Macht zu haben und bemühe mich sehr, meinen Einfluss in einem positiven Sinn einzusetzen." Aus kleinen Verhältnissen stammend - Brauner war die erste in ihrer Familie, die studieren konnte -, habe sie sich die Rolle der Chefin erst erarbeiten müssen.

Ständig mit Finanznöten im Gesundheitssektor und teils widrigen Umständen im Pflegebereich konfrontiert, sieht Brauner die Zukunft dennoch positiv: "Jawohl, wir brauchen mehr Geld und ja, wir werden immer älter. Durch den technischen Fortschritt wird das Gesundheitssystem aber auch immer besser." Eine Entwicklung, die der Opposition eindeutig zu langsam geht: "Brauner ist sehr engagiert, aber ihr fehlt die Zielstrebigkeit, rasch Veränderungen voranzutreiben," meint etwa VP-Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec.

Zufrieden sei sie nie, sagt Brauner, die in einer langjährigen Lebensgemeinschaft ganz ohne Trauschein glücklich ist, weil "ich immer alles noch besser und noch schneller haben möchte". Dennoch habe sie viele Vorhaben auf Schiene gebracht und notwendige Strukturveränderungen in Angriff genommen. (Karin Krichmayr, DER STANDARD Printausgabe, 31.12.2005/01.01.2006)

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    foto: standard/corn
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