Am Ende des Gedankenjahres ...

30. Dezember 2005, 19:36
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Nachbemerkungen zur Debatte um das "richtige" Erinnern im Vorschein der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft. Kommentar der anderen von Wolfgang Müller-Funk

Höchste Zeit für diese Republik, sich vom "negativen Nationalismus" zu verabschieden


Das Beste, was sich über das endende Gedankenjahr 2005 sagen lässt, ist, dass es unmittelbarer Aktualität enthoben war. Zwei Generationen später sind 1945 und 1955 historische Daten geworden: Viele Menschen, die damals "dabei" waren, leben heute nicht mehr. Die gemeinsame kollektive Erinnerung hat sich in Geschichte überformt, was immerhin den Vorteil hat, dass diese Ereignisse sine ira et studio betrachtet werden können, weil kaum jemand mehr unter persönlichem Rechtfertigungszwang steht. Worum gestritten werden kann, ist die Bedeutung der Erinnerungsmarken und die Interpretation jener Erzählungen, die mit ihnen verbunden sind.

Von außen betrachtet, ist Österreich tatsächlich ein ganz besonderes Land. Was 1945 geboten schien, war die Bewältigung zweier miteinander schwer verträglicher Aufgaben: die Konstruktion einer Nation und die historische Abrechnung mit der jüngsten nationalsozialistischen Vergangenheit.

Die Erfindung der Nation im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts war fast überall mit Narrativen unterlegt, die ich als heroisch und narzisstisch bezeichnen möchte: In ihnen spielt mythische Größe ebenso eine Rolle wie ein glorreicher Neuanfang. Nationale Erzählungen sind auf Stolz und positiven Selbstbezug gegründet; aber die Vergangenheit, mit der sich die Österreicher, die aus dem großdeutschen (Alb-)Traum erwacht waren, zu beschäftigen hatten, war nicht eine, auf die man stolz sein konnte.

Viele unserer Nachbarländer, erstaunlicherweise auch Italien, konnten ihre nationale Wiedergeburt mit dem antifaschistischen Partisanen-Mythos verknüpfen, der insbesondere den kommunistischen Parteien zugute gekommen ist.

Nach einer kurzen Zeit einer Volksfront-Regierung wurde hier zu Lande indes schnell sichtbar, dass - trotz beachtlicher Beispiele von zivilem Ungehorsam - von einem kollektiven nationalen Widerstand in Österreich nicht wirklich die Rede sein konnte. Das antifaschistische Narrativ taugte nicht für die Erfindung der Nation Österreich, in der es kaum Kommunisten, wohl aber eine Heerschar von Belasteten und Mitläufern des alten Regimes gegeben hatte.

Das Jahr 1955 ist ein höchst zwiespältiges Erinnerungsdatum, es stiftete einen Gründungsmythos, einen Ersatz für das fehlende heroische Narrativ der nationalen Wiedergeburt. Der in diesem Jahr unendlich oft zitierte, sogar von der Werbung in Dienst genommene Satz "Österreich ist frei" bringt dies zum Ausdruck; was - durchaus im Interesse der Siegermächte - gefeiert wurde, war die Freiheit von eben jenen Alliierten, ohne die Österreich niemals frei geworden wäre: frei nämlich vom Nationalsozialismus.

Die positive Bezugnahme auf 1955 verschattete die unbequeme Frage, wie man das Jahr 1945 interpretieren sollte, als Sieg oder als Niederlage. "Österreich ist frei", lässt sich nach beiden Richtungen hin interpretieren, schließt auch jene mit ein, für die 1945 ein persönliches, moralisches und politisches Desaster gewesen war. Der Staatsvertrag lieferte die heiß ersehnte Erfolgsgeschichte, nach einer Kette von leidigen Ereignissen, 1866, 1918, 1934, 1938. Endlich konnten die Österreicher stolz auf sich und ihren Kanzler sein: die Davids, die durch diplomatisches Geschick und Trinkfestigkeit den russischen Goliath besiegt hatten und sich als Neutrale von der unheilvollen Geschichte verabschiedet hatten.

1955 bedeutet den Triumph der verspäteten, ja unvorhergesehenen Nation Österreich um den Preis der kritischen Sichtung der Vergangenheit, eben jenes Bruchs, ohne den der heutige Nationalstaat gänzlich undenkbar war.

Zwischen dem Scheitern des - großdeutschen - Gewaltprojekts und dem Entstehen eines mitteleuropäischen Nationalstaates besteht ein unauflöslicher Zusammenhang. Österreich war aus einer Niederlage entstanden, aber die Logik des Nationalismus gebot es, sich endlich auf die Siegerstraße zu begeben.

Auf der einen Seite sollten die Menschen ein positives Nationalbewusstsein entwickeln, auf der anderen sollten sie es - mit Blick auf die Vergangenheit - sogleich wieder in Frage stellen. Nach 1955 hat sich das Land offenkundig für die nationale Selbstliebe entschieden.

Ohnehin wogen die Stimmen der Ehemaligen schwerer als jene der marginalisierten Opfer innerhalb und außerhalb des Landes. Während bestimmte - linke - Opfererzählungen aus dem allgemeinen Bewusstsein des Landes an den Rand gedrängt wurden und verschwanden, ermöglichte der historische Kompromiss von 1955 die reale und symbolische Integration der Täterfamilien:

Nirgends lässt sich das besser ablesen als an den unzähligen Kriegerdenkmälern und den damit verbundenen nationalen Ritualen und Feierlichkeiten, die doch streng genommen den nationalen Selbstbildern widersprechen. Atemberaubend die Serie von Freisprüchen in diversen Nazi-Prozessen.

Zugleich wurde es mehr und mehr politisch als nicht opportun angesehen, den Opfer des Gewaltregimes keine öffentliche Präsenz zu geben. Das ist widersinnig, denn eigentlich können wir, anders vielleicht als die Deutschen, nicht wirklich den Kriegsausgang von 1945 bedauern.

Dass dies dennoch geschah und bis zu einem gewissen Grad noch geschieht, gehört zur eigentümlichen nationalen Schieflage des Landes, durch die auch noch die Kreisky-Ära geprägt war. Erst im Waldheim-Jahr 1986, gelang es, der Nationsbildung eine kritische Wendung zu geben.

Die kritische Intervention von linken und liberalen Intellektuellen konnte zwar nicht die Wahl des uneinsichtigen ehemaligen Mitläufers zum Bundespräsidenten verhindern, hat aber - das wird heute in einem Akt rhetorischer Selbstblendung allzu gern übersehen - die symbolischen Bestände des Landes nachhaltig verändert. Kein vernünftiger Mensch wird heute mehr von der Unschuld der Österreicher im Hinblick auf die Ereignisse zwischen 1938 und 1945 sprechen.

Nicht gern, aber doch hat sich das Land an ein Selbstbild gewöhnt, in das kritische Züge eingelassen sind. Mag der Nationalstaat nach wie vor einen Rahmen für die demokratische Zivilgesellschaft abgeben, so mutet uns diese doch zu, Kritik als ein unabdingbares Element eben dieser Gesellschaft zu begreifen. Damit aber hat die Freude am negativen Nationalismus ausgedient, wie er uns jüngst etwa in der - auch ästhetisch misslungenen - Inszenierung von Grillparzers Ottokar nachgereicht wurde, wo der milde österreichische Gründungsvater îm Stil des "schwarzen Mythos" (Ernst Hanisch) zu einem zynischen Politgangster umgebogen wurde.

Negativ an einem solchen, historisch überholten Nationalismus ist nicht dessen Negativität, diese ist bis zu einem gewissen Grad Element jeder kritischen Intervention. Nein, negativ daran ist, dass er ein Nationalismus bleibt, eine übertriebene Selbstbezogenheit, die sich etwas darauf einbildet, dass wir Österreicher angeblich ganz besonders schlimm und verkommen sind.

Im Gegensatz dazu wäre es gerade vor dem Hintergrund der österreichischen Ratspräsidentschaft angebracht, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und das Jahr 1945 - einschließlich der Shoah - als gesamteuropäisches Ereignis zu betrachten. (DER STANDARD, Printausgabe vom 31.12.2005/1.1.2006)

Von
Wolfgang Müller-Funk, Literatur- und Kulturwissenschafter, war Kurator der NÖ Landes- ausstellung "Lauter Helden". Zuletzt erschien im Czernin Verlag sein Essayband "Niemand zu Hause"
  • Wolfgang Müller-Funk: Wider den "schwarzen Mythos" der Österreich-Kritiker
    foto: corn

    Wolfgang Müller-Funk: Wider den "schwarzen Mythos" der Österreich-Kritiker

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