China spielt auf

31. Dezember 2005, 17:00
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"Made in China" werden mittlerweile auch Klaviere. Ein Globalisierungsmärchen - Von Johnny Erling

Tong Zhicheng kam sich auf der Musikmesse von Chicago wie das hässliche Entlein aus dem Märchen von Andersen vor. Der Vertreter der Pearl River Pianofabrik aus Kanton reiste mit sechs Klavieren in die US-Drehscheibe des Handels. Sein Staatsunternehmen hatte gerade Exportrechte für das Ausland erhalten.

"Ich kam mit extrem hohen Erwartungen", erinnert sich der 62-Jährige an eine Episode, die zum Wendepunkt für ihn werden sollte. Die Messeleitung gab der unbekannten Firma aus einem Land, das für schrille Pekingopern bekannter als für Klaviersonaten war, neun Quadratmeter Standfläche. Und die lagen noch am Rande der Messe. "Da passten zwei Pianos hin." Ein Tag verging, bevor der erste Kunde sich zu ihm verirrte. Der Mann schlug ein paar Tasten an und bat dann, den Deckel des Klaviers zu öffnen. "Ich blickte mit ihm auf ein Vogelnest verrosteter Drähte, auf verlaufenen Lack und verzogenes Holz." Er ging wortlos. "War das peinlich! Ich wusste, dass wir so nicht weitermachen konnten."

Der chinesische Unternehmer sitzt im Büro seiner Fabrik am Stadtrand Kantons und schlürft heißes Wasser, während er die Anekdote erzählt. Genau 20 Jahre ist das mit Chicago her. Heute dirigiert Tong die größte Klavierfabrik der Welt. Letztes Jahr lieferte er 12.000 Klaviere und Flügel in die USA und verkaufte mehr als 4000 in Europa. Er hat Kooperationen mit Japans Yamaha und sogar mit Steinway geschlossen. Er bemüht sich, eine russische Klavierfabrik zu kaufen, um nach Europa vorzustoßen. 2006 feiert Pearl River sein 50-jähriges Bestehen und wird im März die Auslieferung seines einmillionsten verkauften Klaviers melden können.

Die Geschichte des Unternehmers ist eine der Erfolgsstorys der Global Player aus dem Reich der Mitte. Tongs Firma und sein Lebensweg unterscheiden sich aber von vielen Finanzakrobaten, Firmenaufkäufern, Kopierern oder neureichen Spekulanten in China, die ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie für Schlagzeilen sorgen. Tong gehört zum Schlag jener Aufsteiger, die es mit harter Arbeit, Geschick, Glück und Lernbereitschaft zu Weltfirmen gebracht haben. Und das auf dem Feld europäischer Musikinstrumente, wo einst niemand mit chinesischen Mitspielern rechnete. Als Pearl River 1956 gegründet wurde - aus neun privaten Musikbetrieben, die kollektiviert wurden - war unter den hundert Mitarbeitern Tongs Vater. Er reparierte Musikinstrumente. Tong wuchs als eines von sieben Geschwistern in einer Familie auf, die jeden Cent brauchte. Er musste als Kind mitarbeiten. 1959 holte der Vater den Sohn in die Fabrik nach. Dort erlernte er das Klavierbusiness von der Pike auf. "Ich kannte schließlich jede Werkshalle, weil ich in jeder gearbeitet hatte. Die Jahresproduktion lag damals bei 13 Pianos."

Tong lacht bei dieser Erinnerung. In den Stockwerken unter ihm werden Klaviere wie am Fließband hergestellt. Jeder Produktionsschritt ist durchgeplant. Nach 208 Stunden und 360 Arbeitsgängen ist ein Klavier fertig. Zuerst werden Resonanzböden, Gehäuse und Holzteile zusammengesetzt. In Feinarbeit wird die Mechanik gebaut, werden Saiten gezogen und gestimmt, die Instrumente intoniert. In der 300.000 Quadratmeter großen Hauptfabrik liegen 2000 Materialien bereit. "Wir benützen allein 20 bis 30 verschiedene Schmirgelpapiere, von grob bis extrafein." Die Vorprodukte kommen aus seiner zweiten Fabrik im 50 Kilometer entfernten Foshan, wo Holzbearbeitungsmaschinen stehen. Dort unterhält er seit 1997 Chinas größtes Edelholzlager.

Die 4500 Mitarbeiter werden mit durchschnittlich 330 Euro pro Monat entlohnt. Mit Neben- und Sozialabgaben addieren sich seine Kosten pro Angestelltem auf 500 Euro. Tong, der sich Klavierspielen und Ziehharmonika selbst beigebracht hat, lässt auch seine Mitarbeiter musikalisch ausbilden. "Ein Klavier zu bauen verlangt Gefühl für Musik."

Pearl River stellte 2004 rund 77.000 Klaviere und Flügel und 800.000 andere akustische Instrumente von Gitarren, Geigen bis Blasinstrumente her. Ein Viertel wird exportiert. Als Tong 1992 zum Generaldirektor aufstieg, stellte seine Fabrik gerade 10.000 Klaviere her. Mit Preisen ab 1000 Euro für ein Klavier und 22.000 Euro für die teuersten Konzertflügel, von denen 20 pro Jahr hergestellt werden, ist Pearl River konkurrenzlos günstig. Die Instrumente sind längst kein Billigschrott mehr. Konzertflügel lässt er von besonders geschulten Mitarbeitern seit 1995 im alten Stammwerk bauen, seiner dritten Fabrik in Kanton. Schritt für Schritt hat Tong mit dem Gros seiner Klaviere die mittlere Qualität erreicht. Bisher war das die Domäne der Koreaner und Japaner.

Westliche Klavierbauer halfen ihm. Der Schlüssel zum Erfolg, sagt Tong heute, war es, den Sachverstand ausländischer Kurzzeitexperten einzukaufen. 1987 beriet ihn der in Chinas Musikindustrie legendär gewordene Bud Corey, Produktionschef der US-Firma Wurlitzer. 1994 erklärte ihm der als "Papst der Klavierkonstruktion" bekannte Deutsche Klaus Fenner, wie er bessere Klaviere bauen kann. "Ohne deren Rat hätten wir es nicht geschafft."

Die Branche horchte erstmals auf, als Pearl River und Yamaha 1995 eine Zusammenarbeit auf 20 Jahre ankündigten, in die sie zehn Millionen Dollar investierten. "Wir hatten das Jointventure zur Herstellung von Yamaha-Klavieren 20 Monate lang verhandelt", erinnert sich Tong. Yamaha hält 60 Prozent Anteil und lässt sich von Pearl River nur Teile zuliefern, aber nicht in die Produktion schauen. Die Japaner hielten von Anfang an Distanz zu einem Partner, in dem sie auch ihren künftigen Konkurrenten sahen. Doch Tong machte nun erste Erfahrungen mit internationaler Kooperation. "Jedes Mal habe ich etwas gelernt." Sein nächster Schachzug kam 1997. Er kaufte den deutschen Markennamen Ritmüller. 30 Prozent seiner Produktion, vor allem die Exporte, laufen heute unter diesem Namen. Tongs größter Coup kam aber dieses Jahr zustande. 18 Monate dauerten die Verhandlungen. Dann gaben Pearl River und Steinway Asia Mitte 2005 ihre Zusammenarbeit bekannt. Die Nobelmarke, auf deren Flügeln die besten Pianisten der Welt spielen, will so noch besser Fuß in China fassen. Nach Angaben von China Business Weekly hat die Firma schon 1200 ihrer Klaviere und Flügel zu Preisen zwischen 10.000 bis 160.000 Dollar in China verkaufen können.

Steinway will in Kanton vorerst nur preiswerte Modelle des "Essex"-Pianos mit Tongs Firma produzieren. Sie tastet sich an ihr erstes Jointventure heran. Probezeiten sind vereinbart, bevor 2006 ein Vertrag aufgesetzt werden soll. Pearl River baute unter Aufsicht von acht Steinway-Experten ein Muster und schickte es nach New York. "Sie waren mit der Qualität zufrieden", sagt Tong, "im kommenden Jahr wollen wir rund 100 Klaviere herstellen." Auch er schränkt ein: "Es ist wie bei einer ersten Liebe. Wir müssen uns noch besser kennen lernen."

Die internationalen Flirts haben Tong bekannt gemacht. Er will sich nun in andere Klavierfabriken einkaufen, etwa in Russland. Als nächsten Schritt sucht er aber auch nach einem strategischen Partner. Tong erklärt das so: Mit über 25 Prozent Anteil am Inlandsmarkt und 30 Prozent an den Exporten "galoppiere ich zwar als Marktführer in China wie ein Pferd vornweg. Doch das Feld formiert sich dahinter. Es wird Zeit, dass wir zur GmbH werden und in drei bis fünf Jahren an die Börse gehen." Da er profitabel wirtschafte und kaum Bankschulden habe, will er Mehrheitsaktionär bleiben. Vom Partner erwartet er, dass er aus dem Kerngeschäft kommt, bereits einen Namen hat und selbst auch neue Märkte mitbringt.

Die Anziehungskraft des chinesischen Marktes ist hoch. Manche Zahlen seien aufgebläht, warnt Tong. Viele unter den 1000 Instrumentenherstellern, darunter 120 Klavierfabriken, arbeiteten ineffizient. Er schätzt die wirkliche Jahresproduktion an Klavieren in China auf rund 200.000, ein Drittel unter der offiziell genannten Zahl. Dank der Einkindfamilie, ehrgeiziger Eltern und steigender Einkommen wachse die Nachfrage aber stetig. Zwei Millionen Haushalte in China besitzen heute ein Klavier, wenig für China. Zudem steige die Zahl der Reichen, die sich Flügel anschaffen wollen. Pearl River will daher seine Herstellung von derzeit knapp 8000 Flügeln bis 2008 verdoppeln. Tong lernt weiter dazu: "Der Austausch ist wichtig. Viele große Piano-Unternehmen der Welt habe ich schon besucht." Auf seiner Liste fehlten noch einige Adressen: "Bei Bösendorfer war ich noch nicht."

Chinesische Journalisten, die von Tongs Anfängen 1985 in Chicago erfahren, schreiben ein neues Globalisierungsmärchen. Es handelt vom hässliches Entlein aus China, aus dem ein weißer Schwan wird. Tong, der sich zeitlebens hart hocharbeiten musste, würde viel lieber lesen, dass aus ihm ein Adler wurde. (DER STANDARD, ALBUM, 31.12.2005)

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