Wenn man Luxus verhüttet

31. Juli 2006, 09:41
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Das Kärntner Almdorf Seinerzeit hat seit Bestehen einen Auftrieb nach dem anderen

Heugabel, Holzaxt, Hetzerei Ende nie. Und erst recht der "Tschoch" im Winter: Wege freischaufeln, der Schnee hängt sich an wie eine Lawine, Eiszapfen wachsen an der Nase, zumindest der Schweiß fließt in Bächen. Hinterher ent- oder vielmehr beschädigt einen zumindest die kalte Dusche - denn auch die ist wortwörtlich zu nehmen.

Schließlich sind die Tage auf einer Almhütte in der Regel überaus hart. Kantige Gesichter bekommt man davon, auf Dauer taugt man vielleicht sogar für die Weizenbierwerbung, von den schwieligen Händen gar nicht erst zu reden. Zünftiger Urlaub auf der Almhütte? Schon schön anstrengend. Touristischer Insasse eines Gemäldes im harschen, sensenschwingenden Stile des Malers Egger-Lienz droht man da zu werden, der eigens angeschafften Goretex-Joppe zum Trotz. Doch es geht freilich auch anders. Gesofteter. Und besser behüttet.

Almhüttenurlaub mit Heubad- und Heißwassergarantie, so wie im Prospekt des "Almdorf Seinerzeit" abgebildet, untersagt sich alpinromantische Schattenseiten. Fleckfrei wirkt plötzlich die Berührung mit Kärntner Speck & Co. Denn schließlich setzt die österreichische Alpintourismus-Erfolgsstory des Almdorfs, die aus Nostalgie und Nockbergen besteht, lieber auf die Samtseite des Sennerlebens.

Blinggg! Du brauchst nur am Zirbenholz zu reiben, schon taucht die Bezaubernde .. nein, nicht Jeannie ... sondern Zenzi auf. "Hüttengeister" nennt der Kärntner Almhüttelier Karl Steiner sein Personal, das den Gästen seines "Almdorf Seinerzeit" jene Plackerei abnimmt, die den rustikalen Almhütten-Aufenthalt mitunter zum Arbeitslager in dünner Luft macht.

Ideenschmiede Alm

Feiner Kaffeeduft weckt die Gäste des mehrfach ausgezeichneten Châteauhotels, und das Knistern des im offenen Kamin entfachten Feuers ersetzt hier den Wecker. Der Besitzer, im Vorberufsleben erfolgreicher Baumarkt-Imperialist, schöpfte dabei aus der Erfahrung desjenigen, der echte Almhüttenhärte am eigenen Leib erlitten hatte. Die Idee einer professionellen Almhüttenvermietung kam Karl Steiner nämlich auf seiner gepachteten "Zipfhütte" am Maltaberg, einer 200 Jahre alten Almhütte. Auf Luxus allein setzte er beim Bau des am Rand des Nationalparks Nockberge - unweit von Bad Kleinkirchheim sowie dem Falkertsee - situierten Almdorfes freilich nicht. Dass man sich unter anderem bereits über den Staatspreis für Tourismus - Stichwort: wertvolle Impulse in Richtung qualitative Verbesserung des touristischen Angebotes in Österreich - sowie den Preis der Wirtschaftskammer - Erhaltung des kulturellen Erbes - freuen konnte, hat handfestere Gründe.

Wie aus dem Alpenbilderbuch sehen die auf 1400 Meter Seehöhe und rund um ein Gasthaus und den Dorfteich zum stimmigen Ensemble gruppierten 25 "Almhütten" aus - nicht zuletzt dank minutiös umgesetzter Details. Echte Schafwolle dient als Isolierung, aufwändige Nagelschindeldächer und sogar Holzzuber-Badewannen plus Heublumenbad tragen zum hier gesteigerten Romantikfaktor bei. Ähnlich vielschichtig ist der Service: Fackelwanderung, Forellenfischen, Sport winters und sommers Ende nie. Auf Wunsch führt sogar der Jagdaufseher durch sein Revier und zeigt seine zumindest zweitbesten Plätze.

Die Jacuzzi-Jäger

Fachsimpeln kann man dabei aber nicht nur über Mehrender und den saisonalen Schwammerl-Output - sondern auch über jene "Jagdhäuser", mit denen das "Almdorf Seinerzeit" seine Angebotspalette zuletzt Richtung High-End-Hütte erweiterte. Äußerlich ähnelt diese Königsklasse einer Jagdhütte aus dem 19. Jahrhundert, doch zahlreiche versteckte Details garantieren größtmöglichen Komfort. Warmer Granitboden, ein Jacuzzi auf der beheizbaren Terrasse verschönern das Nadelstreif-Hüttenleben, ergänzt durch die komplette Unterhaltungselektronik-Palette, damit man die Wiederholung der "Geierwally" nicht versäumt.

Konkurrenz bekommen Flatscreen & Co aber vor allem durch das prasselnde Herdfeuer, das man auch vom urigen Holzzuber aus betrachten kann. Hüttengeister huschen auch hier herum: Zum Abendessen servieren sie Kärntner Spezialitäten in die gute Hütte. Will man selbst die Initiative ergreifen, empfiehlt sich der Weg durch eine kleine, in den Hüttenboden eingelassene Falltüre. Sie führt in die exklusive Weinbar und zu den besten Weinen Österreichs.

Erweitert wurde der allen Chalets gegebene Ausblick auf das Gurktal zuletzt um den Blick auf jene Gipfel und Talfahrten, die man von Aktiencharts her kennt. Neuerdings wird das "Almdorf Seinerzeit" nämlich nicht nur als Bergparadies, sondern auch in Form von Inhaberaktien angeboten. Eine Auslastung von über 90 Prozent und eine einmalige Marktstellung sprechen für diese Art vom Almwirtschaft. Aber nicht nur. "Die Alpen sind wie eine Insel für Erholungssuchende inmitten Europas und werden durch Nationalparks unter besonderen Schutz gestellt", sagt Karl Steiner über sein Erfolgsrezept. Und: "Almhütten sind nicht beliebig vermehrbar, schon heute übersteigt die Nachfrage das Angebot." Vom guten Hüttengeist gar nicht erst zu reden. (Der Standard, Printausgabe 31.12.2005/1.1.2006)

Von Robert Haidinger

Info

Almdorf
  • Almdorf-Gründer Karl Steiner kennt die Vorteile des Lebens auf der Alm ganz genau. Die Nachteile auch, daher kam das Konzept von Anfang an ohne sie aus.
    almdorf seinerzeit

    Almdorf-Gründer Karl Steiner kennt die Vorteile des Lebens auf der Alm ganz genau. Die Nachteile auch, daher kam das Konzept von Anfang an ohne sie aus.

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