Die Umwelt, die zum Himmel stinkt

31. Dezember 2005, 17:00
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Chinas Umgang mit seiner Umwelt wird immer fahrlässiger. Studien zeichnen ein düsteres Bild der allgemeinen Gefahren - Von Johnny Erling

Mehr als 40 Jahre lang verhandelten China und Russland über die Festlegung ihrer 4300 Kilometer langen Grenzen. Während der Kulturrevolution 1969 kam es zu blutigen Gefechten um die Inseln in den Grenzflüssen und beinahe zum Krieg. Dann dauerte es noch bis 2. Juni 2005. An dem Tag einigten sich Peking und Moskau auf die endgültige Demarkation. Als letztes Problem wurde der Grenzverlauf für die 375 Quadratkilometer großen Amurinseln Heixiazi (Bäreninseln) in der Mitte festgelegt.

Seit Mitte Dezember errichten chinesische Baukolonnen bei den Bäreninseln wieder neue Dämme. Diesmal aber geschieht das in friedlicher Absicht mit russischem Einverständnis. China versucht, den Schaden zu begrenzen, den es selbst angerichtet hat. Mit provisorischen Abfangsperren soll die russische Grenz-und Nachbarstadt Chabarowsk vor Krebs erregenden Benzolen und anderen Chemikalien geschützt werden. Die Giftbrühe, die in einem 180 Kilometer langen Teppich treibt, wird vom chinesischen Songhua-Strom in den Amur geschwemmt. Drei Tage vor dem Heiligen Abend erreichte sie die 600.000-Einwohner-Stadt Chabarowsk, deren Bürger alarmiert sind. Am 13. November waren 100 Tonnen Chemikalien nach der Explosion einer Chemiefabrik in den Strom gelangt, 1000 Kilometer oberhalb der russischen Grenze. Überall, wo das Chemiegift seither vorbeifloss, schlossen Uferstädte ihre Wasserhähne. In Harbin saßen Millionen Bürgern fünf Tage lang auf dem Trockenen.

Das Megaunglück führte der Öffentlichkeit vor Augen, welche Auswirkungen Umweltunfälle beim wahnwitzigen Industrialisierungstempo Pekings haben können. Erstmals bedrohten sie auch Menschen außerhalb Chinas. Der Umweltminister und der Chef des Chemiekonzerns mussten ihren Hut nehmen; ein zuständiger Vizebürgermeister beging Selbstmord. Aus der Region sind dutzende Schadenersatzprozesse gegen die Behörden angekündigt.

Zufall ist der Unfall nicht. Bei 16 Chemiekombinaten, die entlang des Songhua-Flusses errichtet wurden, war der Umwelt-GAU eine Frage der Zeit. Während die Russen noch bangen, meldet Peking schon wieder ein neues Flussunglück. Diesmal im Süden. Für 100.000 Bewohner der Stromstadt Yingde in der Südprovinz Guangdong und andere Anwohner wurde Giftalarm gegeben, weil der Fluss Beijiang industriell vergiftet war. 90 Kilometer flussaufwärts bei der Stadt Shaoguan hatte eine Schmelzhütte für Blei und Zinn verantwortungslos enorme Mengen kadmiumhaltiges Abwasser in ihn eingeleitet. Die Kadmium-Belastung des 470 Kilometer langen Flusses, der in den Perlfluss mündet, stieg plötzlich um das Zehnfache der gesundheitsgefährlichen Menge. Die Schmelzhütte wurde vergangenen Sonntag geschlossen und Alarm für die Region gegeben.

Chinas Umgang mit seiner Umwelt wird immer fahrlässiger. Das von der Pekinger Akademie für Sozialwissenschaften gerade herausgegebene 2006 - Blaubuch der sozialen Entwicklung zeichnet ein düsteres Bild der allgemeinen Gefahren. 85 Prozent der Kohle werden weiter ohne Entschwefelung verbrannt. Das hat China 2005 zum größten SO2-Emittenten der Welt gemacht. 30 Prozent des Landes sind vom sauren Regen geschädigt. Als Erzeuger des Treibhausgases CO2 steht China heute hinter den USA an zweiter Stelle.

Der offizielle Report stellt fest, wie im Inland der Widerstand wächst. "Die Verschmutzung und Zerstörung der Umwelt bei der Verfolgung einseitiger Wachstumsziele haben zu einem Aufschwung von Massenvorfällen geführt." 2004 meldete China 74.000 Kundgebungen oder Bauernaktionen, die sich meist gegen behördliche Willkür, Landraub oder Umweltschäden richteten. Das Blaubuch schreibt nun, dass Umweltprobleme zum Auslöser Nummer eins der Protestaktionen werden. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Vorfälle, die von Umweltproblemen ausgelöst wurden, um das 11,6fache gestiegen. "2005 war das Jahr mit den meisten Protesten" , schreibt der Report, ohne Zahlen zu nennen. Ein Drittel davon hätten aber zu Blockaden, Besetzungen und zerstörerischen Ausschreitungen geführt. Besonders im industriell entwickelten Ostchina und seinem Yangtsedelta häuften sich Proteste. So machten im April 2005 bei Dongyang in der Provinz Zhejiang 13 Dörfer mit 5000 Bauern gegen Chemie- und Düngemittelfabriken mobil und griffen Fabriken an, die ihre Felder vergifteten.

Manche Konflikte enden gewalttätig. Am 6. Dezember kam es in Guangdong bei Dongzhou zum schwersten Zwischenfall, als paramilitärische Polizei auf Bauern schoss. Diese hatten gegen den Bau von Windkraftanlagen protestiert, weil sie keine angemessenen Entschädigungen für ihre enteigneten Felder erhielten. Während die Behörden nach einer Nachrichtensperre drei Tote und acht Verletzte meldeten, sprachen Augenzeugen von 20 Toten.

Mutige Aktivisten klären die Öffentlichkeit über die Zustände auf. Huo Daishan, ein ehemaliger Journalist, hat sich zum Anwalt der "Krebsdörfer am Huaihe-Fluss" gemacht. Er entdeckte 1998 nach seiner Soldatenzeit in seinem Henaner Dorf Huangmengying, wie viele der dortigen Bauern an Krebs starben. Das Dorf liegt an einem Kanal des Huaihe-Stromes. Sein Wasser wird durch eine 20 Kilometer entfernte Fabrik zur Herstellung des Geschmacksverstärkers Glutamat und weitere Papierfabriken belastet. Huo, der eine eigene Umwelt-NGO (Die Wächter des Huaihe-Stroms) mit Webseite (www.hhwsw.com) gegründet hat, untersuchte 20 Bezirke und Nebenflüsse des Huaihe. Am 6. Juni 2005 griff die angesehene Rechtszeitung Fazhi Ribao den Umweltskandal auf. Sie recherchierte, dass von 1990 bis 2004 allein im 1600-Einwohner-Dorf Huangmengying 105 Bauern starben, von denen die meisten erst 50 Jahre alt waren. 41 Menschen im Dorf erblindeten oder wurden taub. Andere Angaben sprechen von inzwischen 150 Toten im Dorf.

Vor ähnlichen Problemen stehen die Bauern entlang des Qiantang in der ostchinesischen Provinz Zhejiang. 1000 Bewohner des Dorfes Wuli erkrankten an Krebs. 60 Tote zwischen 1992 und 2004 deuten auf einen Zusammenhang mit den flussaufwärts gebauten 26 Chemiefabriken. Die Bäuerin Wei Dongying , die 1991 in das Dorf einheiratete, protestierte mit öffentlichen Aktionen. Sie fotografierte, sammelte Unterschriften und verfasste ein Umwelttagebuch über das verfärbte Wasser, über die verpestete Luft und toten Fische. Die lokale Presse machte sie zum Vorbild. Im April 2005 zeichnete die Provinzhauptstadt Hangzhou sie als eine von zehn couragierten Bürgern aus. Nach der Preisverleihung versprach ihr der Bürgermeister, die Proteste der Bauern ernst zu nehmen: "Wir sind entschlossen, innerhalb von drei Jahren das Problem Ihres Gebietes zu lösen." Die Antwort der tapferen 38-jährigen Bäuerin wurde in Chinas Internet tausendfach kopiert: "Was würden Sie sagen, wenn die Polizeibehörden einen Mörder verhaften und der Ihnen dann sagt: ,Lassen Sie mich noch drei Jahre weiter töten. Ich verspreche, dass ich danach damit aufhören werde'?" (DER STANDARD, ALBUM, 31.12.2005)

Zur Person

Johnny Erling erlebte schon 1989 das Massaker vom 4. Juni mit. Seit 1994 lebt der Sinologe in Peking. Er ist Korrespondent für Die Welt und den STANDARD. Von ihm erschien "China - Der große Sprung ins Ungewisse" (Herder).
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