Im Jahr des Hundes

31. Dezember 2005, 17:00
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Auch 2006 - im Jahr des Hundes - wird die Welt auf China schauen, das sich 2005 den Weg in den globalen Energiemarkt kämpfte - Von Joseph E. Stiglitz

Kurz zur Vorgeschichte: Am 23. Juni legte die staatliche Ölgesellschaft Chinas CNOOC ein unverlangtes 18,5-Milliarden-Dollar-Angebot für die amerikanische Ölfirma UNOCAL und überbot damit den Mitbewerber Chevron: Die Drohung, dass Chinesen eine amerikanische Ölgesellschaft besitzen könnten, brachte die Politik in Washington auf den Plan. Am 2. August zog CNOOC das Angebot zurück.

Als im Jänner erste Gerüchte auftauchten, dass Chinas staatliche Ölgesellschaft möglicherweise einen "Kaufangriff" in Form eines Angebots für die amerikanische UNOCAL starten würde (wie sie es vermutlich am 23. Juni auch tat), wurden die meisten Amerikaner kalt erwischt. Was nicht passieren hätte sollen, denn Chinas Akt war im Zusammenhang mit seiner eigenen Energiesituation nur logisch.

Unvermeidlich war, dass die Chinesen, die auf rund 700 Milliarden Dollar Geldreserven sitzen, irgendwann beschließen würden, dass es bessere Möglichkeiten gibt, das Geld zu investieren, anstatt es in US-Treasury-Bills mit wenig Ertrag zu belassen. Mit dem Ende des starken Dollars standen Treasury-Bills für Risiko ohne Belohnung. China hätte wahrscheinlich einige Milliarden mehr in Reserve, wenn es größere Geldanteile in Euro angelegt hätte. Aber dabei gab es ein Problem: China wollte, dass sein Wechselkurs wettbewerbsfähig bleibe, weil das bedeutet, dass die Exporte angekurbelt werden. Exporte fördern das Wachstum, und rasches Wachstum ist notwendig, um neue Jobs für die Millionen Menschen zu schaffen, die jedes Jahr als Arbeitskräfte auf den Markt drängen.

China hatte bereits früher große Aufmerksamkeit erregt, als es Teile von IBM aufkaufte, und zwar jenen Teil, der Computer herstellt. Aber es gab einen Unterschied: In diesem Fall übernahm China nur die Verantwortung für seine eigenen Fabriken und zeigte dabei, dass es kein Management von außerhalb braucht - etwas, das seine Unternehmen bereits weit gehend demonstriert hatten.

Aber UNOCAL war anders. China bewarb sich ums Ölgeschäft, mit einer amerikanischen Gesellschaft, Chevron, als Mitbewerber - und hat diese überboten. Der Höhenflug der Ölpreise machte die ganze Sache nur noch verwirrender. Das chinesische Angebot kam nicht ganz unerwartet, denn China ist von Ölimporten noch abhängiger als Amerika, da seine eigenen Ressourcen viel kleiner sind. Aber in einer Welt der globalen Märkte kann ein Land mit dem Risiko instabiler Ölpreise - ja der Energiepreise allgemein - selbst dann gut umgehen, wenn es nicht über genügend eigene Ölreserven verfügt: Es kann Ölfirmen aufkaufen. Sollte der Energiepreis steigen, ist das Land zumindest teilweise geschützt, weil auch der Wert seiner Ölvorräte steigt. Und der Kauf einer amerikanischen Firma wäre besonders sinnvoll, weil er Sicherheit gibt, ohne den Wechselkurs in die Höhe zu treiben, wie es bei Investitionen in den Euro passiert wäre. Chinas Angebot für UNOCAL, eine kleine Firma, deren größte Werte außerhalb der USA liegen, hatte einen ähnlichen symbolischen Wert wie der Kauf des Rockefeller Centers durch ein japanisches Unternehmen im Jahr 1989 - eine Investition, die für Japan übrigens schlecht ausging. Jedenfalls war China plötzlich nicht mehr nur der Produzent von Billigspielzeug und Billigtextilien, sondern auch ein Mitbieter bei strategisch wichtigen Dingen.

Die Reaktion Amerikas basierte natürlich auf politischer Show, auf dem Schüren irrationaler Ängste, wodurch weder der Sache der Globalisierung noch jener der Sicherheit gedient war. Zu guter Letzt hätte auch ein Hauch von Kontinuität in Amerikas Haltung etwas weniger peinlich gewirkt. Wenn Amerika Einspruch erhoben hätte, dass andere Nationen amerikanische Öl-Werte besitzen, hätten sich auch die anderen Nationen dagegen verwahren können, dass Amerika deren Öl-Werte besitzt. UNOCAL wäre ohne seine ausländischen Anlagen ein Miniaturunternehmen.

Vielleicht war in den Köpfen der chinesischen Führung etwas mehr als der schlichte Wunsch nach vorsichtigem Risikomanagement. Märkte funktionieren in Friedenszeiten sehr gut, in weniger friedlichen Zeiten arbeiten sie weniger gut. Vielleicht kommt wieder eine Rationierung, wie es nach der Ölkrise in den 70er-Jahren der Fall war, als die USA schlicht nicht genug Öl bekommen konnten - zu welchem Preis auch immer. Damals war es noch von Bedeutung, wer das Ölgeschäft kontrollierte - das entschied, wer den Zugang hatte. Es stand mehr auf dem Spiel als nur die bloße Absicherung gegen Preissteigerungen.

Anstatt China davon zu überzeugen, dass die Angst vor einer künftigen Ölknappheit unbegründet sei, haben die USA überreagiert. Die USA argumentierten, sie riskierten, die Kontrolle über ihr eigenes Öl zu verlieren, ungeachtet der Tatsache, dass UNOCAL nur wenig Öl besaß, das sich tatsächlich im eigenen Land befand. Der Kongress reagierte auf den Deal mit Maßnahmen, die für China den Kauf unmöglich machten, obwohl es deutlich mehr geboten hatte als Chevron. Die USA predigen die Wichtigkeit des freien Marktes, haben aber (indem sie das chinesische Angebot ablehnten) genau diese Botschaft ad absurdum geführt. Wahrscheinlich, ohne es zu wollen, wurde demonstriert, dass nationale Interessen über die Gesetze des Marktes gehen. Eine weitere Botschaft war: Es gibt keinen Grund, weder für China noch für irgendjemanden anderen, zu glauben, dass Marktmechanismen während einer globalen Energieverknappung gültig sind. Stattdessen aber hat China gelernt, dass es die Kontrolle über die notwendigen Ressourcen haben muss - nicht nur aus finanztechnischen Gründen, sondern um die zukünftige Versorgung sicherzustellen. Die Regierung hat China vielleicht davon abgehalten, in den Vereinigten Staaten Öl zu kaufen, aber sie kann das Land nicht davon abhalten, das irgendwo anders in der Welt zu tun. Und: Die US-Regierung hat China in der Idee bestärkt, dass es sich mit so viel Öl wie möglich aus der ganzen Welt versorgen muss.

Chinas Angebot für UNOCAL bedeutet einen Wendepunkt in der globalen Wirtschaft. Eineinhalb Dekaden lang nach dem Fall der Berliner Mauer war Amerika die unumstrittene wirtschaftliche Supermacht. Es hat sich mit Europa zusammengetan und so dazu beigetragen, dass die Spielregeln für globalen Kapitalismus neu geschrieben wurden. Amerika wetteiferte heftig mit Europa, aber es war offensichtlich, dass beide auf ein und derselben Seite stehen - zumindest bei fast allem, was bedeutend ist.

China ist noch eine bei Weitem kleinere Wirtschaftsmacht als Europa oder die USA. Und für eine nicht zu definierende Zukunft wird es auch die ärmere bleiben. Aber mit einer Bevölkerung, die viermal so groß ist wie die der USA, ist es heute schon ein großer Wirtschaftsfaktor. Es wird mit amerikanischen und europäischen Unternehmen in jedem Bereich mitmischen und hat bereits bewiesen, dass es beide - in vielen Bereichen der Herstellung - überbieten kann. Dazu kommt, dass China mit einer Sparrate von fast 50 Prozent (verglichen zu den 14 Prozent in den USA, wo die Sparrate der Haushalte gegen null geht, oder noch schlimmer) enorme Mittel anhäuft. Es kann - und wird - diese Mittel nutzen, um zu investieren, und dazu gehören auch Investitionen in knappe Bodenschätze wie etwa Öl.

Das sind neue Tatsachen, mit denen wir leben müssen. Wir werden in Zukunft weniger Möglichkeiten haben, wirtschaftliche Sanktionen als politisches Druckmittel zu benützen, dazu gehört auch das Argument der Menschenrechte. (In der Region rund um Darfur im Sudan findet ein Völkermord statt, und die meisten westlichen Ölgesellschaften könnten dazu gebracht werden, diese Tatsache in ihren Verträgen mit dem Unterdrückungsregime des Sudan zu berücksichtigen, um gewisse Auflagen zu machen.) Wenn aber zum Beispiel China gewillt ist, mit diesem Regime im Sudan Handelsbeziehungen aufzunehmen, wird es wohl nicht mehr möglich sein, diesen wirtschaftlichen Druck auszuüben. Der Westen muss sich der Risiken bewusst sein, die seine Abhängigkeit vom Öl mit sich bringt. Wir können diese Abhängigkeit nicht beenden, aber wir können sie reduzieren, etwa durch nachhaltiges Wirtschaften oder indem Alternativen wie Biodiesel entwickelt werden. Die Strategie der Bush-Administration, die Bohrungen innerhalb der USA zu intensivieren ist keine Lösung. Es ist schlicht der falsche Ansatz, Amerika zuerst ausbluten zu lassen und zukünftige Generationen noch verwundbarer zu machen.

Am wichtigsten wäre es, unser Denken in Bezug auf China zu ändern. Wir leben nicht in einer Nullsummen-Welt, in der Chinas Gewinn unser Verlust ist. China konzentriert sich darauf, das Wohlergehen seiner Bürger zu sichern und seine wirtschaftliche Situation sicherzustellen. Das Land weiß, dass jeder Dollar, der ins Militär gepumpt wird, ein Dollar weniger ist, der in die Entwicklung fließt. Daher wurden die Verteidigungsausgaben limitiert. In Prozenten des Bruttoinlandsprodukts ist es die Hälfte der Ausgaben der USA, in absoluten Summen ist es nur ein Bruchteil der US-Ausgaben.

Wenn wir wie Kontrahenten agieren, werden wir sie dazu bringen, als solche zu reagieren. Aber wenn wir die Lehren der Marktwirtschaft ernst nehmen, dass wirtschaftliche Interaktionen - dazu zählen Handel und Investment - für alle Beteiligten etwas bringen sollen, dann werden sie uns wohl freundlich begegnen. (Übersetzung: Luzia Schrampf, DER STANDARD, ALBUM, 31.12.2005)

Zur Person

Joseph E. Stiglitz ist Prof. an der Columbia Universität, er war Chefökonom der Weltbank und Vorsitzender in Clintons Wirtschaftsrat. 2001 erhielt er den Nobelpreis. Von ihm erschien gerade Die Roaring Nineties (Goldmann).
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