Der satanarchäo­lügen­alko­höllische Wunschpunsch

30. Dezember 2005, 23:56
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Mit Wunschpunsch wollen Zauberer Irrwitzer und die Hexe Tyrannja Punkt zwölf Uhr in der Sylvesternacht Erde und Menschen vernichten

Wer Zaubern lernen will, muss die richtigen Wörter wählen. Zum Beispiel "satanarchäolügenialkohöllisch". Das ist ein "Perspektiv-Wort", das sich von Satan über Anarch bis zu Alkohol und Höllisch wie ein altes Fernrohr auseinander- und wieder zusammenschieben lässt. Damit und mit vielen anderen, grausigen Zutaten, so lernen wir in Michael Endes Buch, können wir einen Wunschpunsch herstellen.

Eines jener Getränke, das Zauberer bevorzugt am Silvesterabend brauen, um das neue Jahr herbeizuwünschen und alles Gute dazu. Alles Gute? Ja "alles Gute" kichern der Zauberer Beelzebub Irrwitzer und seine dicke Tante Tyrannja Vamperl. Denn dieser Wunschpunsch ist eben "satanarchäolügenialkohöllisch", weil er alle guten in böse Wünsche verwandelt.

"Beim strahlenden Strontium", jubelt Irrwitzer und freut sich auf diese Silvesterparty. Mit anderen Worten: beim Wunschpunsch handelt es sich um einen genialen Lügenpunsch, der das Ende der Welt bedeuten würde. Das wird auch langsam Zeit.

Wenn nämlich der Untergang nicht spätestens in dieser Silvesternacht beginnt, dann sind Tyrannja und Irrwitzer bös dran. Denn sie sind mit ihren schlechten Taten in diesem Jahr so sehr in Verzug, dass bereits der teuflische Gerichtsvollzieher aufgetaucht ist. Entweder die Welt geht unter oder die beiden fahren zur Hölle!

Die Zeit drängt, und so tickt in Michael Endes Buch unaufhörlich die Uhr. Aber es wird nicht nur knapp für die beiden bösen Zauberer sondern auch für ihre zugelaufenen Gehilfen. Für den kleinen Kater Maurizio di Mauro und den Raben Jakob Krakel, dem es nach einem windigen Leben in allen Knochen zieht - "Reißmatissimus" nennt er das.

Zum Jammern bleibt jedoch keine Zeit. Diese Beiden wurden nämlich vom Hohen Rat der Tiere zu Irrwitzer bzw. Tyrannja geschickt, um notfalls Alarm zu schlagen und einstweilen das Schlimmste zu verhindern. Ja, können sie überhaupt noch etwas verhindern? Die Uhr tickt unerbittlich, die Minuten verrinnen.

"Ja und?" krächzte Jakob zornig. "Was können wir daran ändern? Ausgerechnet wir zwei lausigen armseligen Viecher? Warum kümmert sich sonst niemand drum - da droben im Himmel zum Beispiel? - Eines möchte ich wirklich mal wissen: Warum haben die Bösen auf der Welt immer so viel Macht und die Guten haben nix - höchstens Reißmatissimus?"

Wie viele Jugendbücher von Michael Ende wirft auch der "Wunschpunsch" große Fragen auf. Und wie in seinen anderen Erfolgstiteln Momo, Die unendliche Geschichte oder Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer sucht der Autor keine einfachen Antworten auf diese Fragen, sondern transportiert sie in eine Fantasiewelt voller Symbolkraft für große und für kleine Leser.

Und damit keiner zum Beispiel an seinen etwas aufgesetzten Wortbildern herumkrittelt, hat der Autor in die Monstersammlung von Beelzebub Irrwitzer "ein so genanntes Büchernörgele" in ein Einmachglas gesperrt, "im Volksmund auch Klugscheißerchen oder Korinthenkackerli genannt." Zum Glück kommt schließlich kein Deus, sondern ein Sanctus ex machina und "tutto è ben' quell' che finisce bene."

Auch das ist so ein Zauberwort. Aber eines, was am Ende alles wirklich Gut werden lässt. Und wer es nicht versteht, sollte sich gleich einen Wunschpunsch wünschen - als Buch versteht sich. Da kann er es nachlesen: letzte Seite, letzte Zeile. (DER STANDARD, Printausgabe vom 31.12.2005 /1.1.2006)

Von
Henning Klüver
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    foto: süddeutsche junge bibliothek
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