Drink Pink

13. Juli 2006, 17:19
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In letzter Zeit greift man bei Champagner auch verstärkt zu rosafarbigen Varianten, die hier vom STANDARD getestet wurden. Luzia Schrampf berichtet

ROSÉ-CHAMPAGNER: Dafür, dass Champagner vor etwa 350 Jahren einfach "passiert" ist, hat er eine recht ordentliche Weltkarriere gemacht.

Dom Pierre Pérignon (1638–1715), Benediktinermönch und Kellermeister der Abtei Hautvillers, soll Champagner entgegen früheren Behauptungen nicht "erfunden", sondern vor allem die Kunst der Herstellung – Flaschenvergärung und Jahrgangcuvetierung – entwickelt und verfeinert haben. Angeblich ist man schon weit früher draufgekommen, dass der Wein aus der Region um Reims in Nordfrankreich, der blöderweise mit dem wärmer werdenden Frühjahr ein zweites Mal zu gären begann, dann ganz seltsam, vor allem aber deutlich besser als vorher schmeckte.

Heute ist Champagner nicht nur eines der am besten geschützten und vermarkteten, sondern auch eines der am genauesten reglementierten Produkte der Weinwelt. Gar nicht wenige Winzer, selbst in den hintersten Weinbau-Winkeln, können ein interessantes Lied davon singen, was passierte, als sie versuchten, eines ihrer Erzeugnisse auch nur so ähnlich wie Champagner zu benennen. Der Begriff "Champagnermethode" für das Herstellungsverfahren (zweite Gärung in der Flasche etc.) musste in anderen Regionen durch "Traditionelle" bzw. "Klassische Methode" (méthode classique, metodo classico) ersetzt werden.

Die Frage, weshalb man nun ausgerechnet rosafarbenen Sprudel trinken sollte, kann man nur mit einem herzhaften "Weshalb denn nicht?" beantworten. Während man bei stillen Roséweinen auf das Weißweintrinken mit Rotwein-Appeal verweisen kann, ist Rosé-Champagner vor allem einmal Hedonismus pur. Wie man auch auf der Homepage des Regionalen interprofessionellen Komitees der Champagne CIVC verkündet, seien die Freuden des Rosé-Trinkens vor allem ästhetischer und psychologischer Natur. Auch unter den STANDARD-Juroren gab es eine Diskussion darüber, weshalb man eigentlich zu Pink greifen sollte, da die geschmacklichen Unterschiede zum weißen Champagner nicht unbedingt immer auf der Hand lagen und der rosa Kollege meist teurer, weil seltener ist. "Ein Fun-Effekt" sollte jedenfalls dabei sein, meinte eine Jurorin. Ein Juror stellte nach der Verkostung fest, dass Rosé- Champagner generell "einen intensiveren Eindruck hinterlässt als normaler". Die Farbe Rosa ist farbpsychologisch weiblich besetzt, und die Werbung visiert jedenfalls in den meisten Fällen Frauen an und verweist – bis zum Abwinken – auf den Erotisierungsfaktor der Farbe. Was dann im Umkehrschluss heißen würde, dass Herren der Schöpfung nicht gern Gutes, sondern wohl lieber Pitralon oder etwas anderes Männliches trinken.

Gesucht wird in jedem Fall Jugendlichkeit, Eleganz, nichts, das einem eins auf die Nase "klescht". Sie sollen frisch und dezent rotbeerig schmecken und dürfen durchaus auch die für Champagner so typischen Brioche- und Hefenoten haben. Rosé-Champagner wird gar nicht selten durch Mischen von roten und weißen Grundweinen oder Beigabe von Rotwein zu weißem Champagner hergestellt, was beim "stillen" Roséwein verboten ist.

Kriterien

Zusammengetragen wurden neun Rosé- Champagner ohne Jahrgangsangabe, die im Fachhandel derzeit ohne gröberes Suchen zu haben sind, ungeachtet dessen, ob es sich um große Champagnerhäuser, Genossenschaften oder kleinere Familienbetriebe handelt, da die Firmenstruktur in der Champagne vielfältig ist und die jeweilige Firmenkonstellation nichts über die Qualität aussagt. Verkostet wurde blind in willkürlicher Reihenfolge, da alle Testobjekte ohne Jahrgang (non vintage) und "brut" (trocken bis 15 Gramm Restzucker/Liter) waren. Hand- oder maschinengerüttelt wurde nicht als Qualitätskriterium herangezogen, weil es nach Meinung so mancher Erzeuger keinen Einfluss auf die Qualität habe. Gewertet wurde nach dem STANDARD-10-Punkte-System.

Die Wertung

1. Moet Rosé brut Imperial Rosé
z.B. 36,99 Euro in Interspar-Filialen

1743 gegründet, gehört seit 1987 zum LVMH- Konzern der Luxusmarken (Louis Vuitton, Mo¨et, Hennessy), Mo¨et produziert insgesamt 30 Millionen Flaschen pro Jahr. Kräftiger, würziger Duft, "etwas für Jungs", dichtes Beerenaroma, Burgundernote, schmeckt kräftig, füllig, komplex, "brut" und wuchtig, relativ säurebetont. 7,9

2. Billecart Salmon Cuvée Rosé
z.B. 59,90 Euro (Einzelflasche) bei Wein & Co

Ein kleineres Familienunternehmen, gegründet 1818, nachdem Monsieur Billecart Madame Salmon getroffen hatte. Die Firma hat seit Langem einen Ruf als Edelmarke zu verteidigen. Verarbeitet werden Chardonnay, Pinot Noir von Premier- und Grand-Cru-Lagen sowie Pinot Meunier. "Give me more", schrieb ein Jurymitglied wegen des "sehr mandeligen Gschmacks", dazu Biskuit und rote Frucht; harmonisch, schmeckt sehr "brut", feinfruchtige, elegante Aromen nach Orangen und Zimt. Besonders feingliedriges Mousseux. Was die einen als harmonisch und ausgeglichen empfanden, werteten andere als dezent und kurz. 7,5

3. Duval-Leroy 1859 gegründet, Rosé de Saignée brut, Lady Rose
34,90 Euro bei Wein & Co

Carole Duval-Leroy, die nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes die Firma 1991 übernommen hatte, schaffte es innerhalb von zehn Jahren, das Haus zu etablieren. Dieser Rosé ist aus 100 Prozent Pinot Noir und im Saignée-Verfahren (Abzug nach kurzer Maischestandzeit und dann vergoren). Nach etwas Zeit im Glas entwickelt er sich sehr positiv, erinnert an Marillen, animierend und vielschichtig, etwas adstringierend im Abgang, aber insgesamt sehr belebend, feine Fruchtnoten, frisch. 6,5

3. ex aequo Bruno Paillard Première Cuvée rosé
44 Euro, Vinothek St. Stephan (Stephansplatz 6, 1010 Wien)

Dieser sehr junge, 1981 gegründete Familienbetrieb füllt pro Jahr 35.000 bis 45.000 Flaschen Rosé aus einer Gesamtproduktion von 600.000 Flaschen: vergilbtes Rosa wie STANDARD-Papier, das in der Sonne gelegen ist; duftet – für einige irritierend, für andere sehr schön – nach Pfirsich und Stachelbeeren, sehr pudrig, schmeckt wie weißer Champagner, frisch, unkompliziert und fröhlich.6,5

4. Taittinger Prestige Rosé
43,90 Euro bei Böhle (Wollzeile 30, 1010 Wien)

Das Haus, 1734 gegründet und damit nach Rui- nart das zweitälteste Champagnerhaus, wird trotz des Verkaufs an eine Investmentgruppe noch immer von der Familie Taittinger geführt. Prestige Rosé entsteht aus Pinot Noir und Chardonnay, dem etwas "still" gekelterter (ohne Kohlensäure) Pinot Noir zugegeben wird: Die Farbe erinnert an Weichseln, relativ verhalten im Geruch, schmeckt dann aber sehr kräftig, Ribiselsaft und Kren, sehr männlich, schöne Balance, aber eher kurz 5,8

5. Nicolas Feuillatte "Brut rosé"
35,90 Euro bei Wein & Co (z.B. Filiale Dr.-Karl-Lueger-Ring, 1010 Wien)

Nicolas Feuillatte ging in den 60ern als Kaffeehändler nach New York, kaufte Anfang der 80er mit seinem Bruder zwölf Hektar Weingärten in der Champagne, heute ist Feuillatte eine hoch technisierte Genossenschaftskooperation, die Trauben von rund 2200 Hektar respektive 4500 Betrieben verarbeitet: mittleres Rosé, wenig Mousseux, wirkt eher grün und frisch, denn fruchtig; etwas Erdbeeren, trocken mit filigranem Körper, jugendlich-unbeschwert, aber bleibt nicht lange; nett, aber fällt im Vergleich ab. 5,5

6. Vve Fourny & Fils Rosé brut "Premier Cru"
31 Euro bei Jeroboam (Schleifmühlgasse 1, 1040 Wien)

"Vve" steht für Veuve, Witwe. In kaum einer anderen Region haben in Geschichte und Gegenwart so viele Witwen Firmen übernommen und sie zu großen Erfolgen geführt. Die vielleicht bekannteste unter ihnen, Witwe Clicquot, war z.B. die Erfinderin des Rüttelpultes. Fournys Rosé "Premier Cru" kam weitgehend gut an, zarter Hefeton, lobend erwähnt wurden feine Perlage und Frische; rote Ribisel, ein eher schlankes, doch sehr animierendes Getränk, das sich im Mund sehr brut, also trocken, anfühlt, was von einem Juror als regelrecht "rassig" empfunden wurde. Schnitt allerdings in der Nachverkostungsrunde nicht mehr so positiv ab. 5,1

7. Daniel Caillez "Brut Rosé"
29 Euro bei Jeroboam

Dieser Champagner, der von einem der wenigen Traubenproduzenten kommt, der auch selbst verarbeitet, und aus Rebsorte Pinot Meunier ist, spaltet die Jury: Er erinnert an Weichseln und Cassis, schmeckt kräftig oder hat einen leicht mostigen Anflug, "kein Champagner-Appeal", und ist daher eine "Themenverfehlung" mit wenig Eleganz. 4,8

8. F.M. Gobillard & Fils Rosé 38 Euro bei Meinl Meinl am Graben (Graben 19, 1010 Wien)

Gobillard ist ein Familienunternehmen mit 25 Hektar hauptsächlich in Premier-Cru-Lagen. Dieser Rosé wurde nur aus den roten Sorten Pinot Noir und Pinot Meunier hergestellt. Farbe: Boudoir-Rosa, leicht, frisch, zarte Würze, im Geruch eher schwach, dafür etwas "breiter" – sprich voller – aber seltsam süß im Geschmack, Erdbeerkompott, etwas "brustschwach" bzw. "seicht schmeckend", wohl eher für den Sommer geeignet.4,3

Standard-Wertung:
0–2 Pkt. Ok
2,1–5 gut mit einigen spannenden Attributen
5,1–8 sehr gut mit vielen Aspekten, die das Erzeugnis aus der Masse hervorheben
8,1–10 herausragend bis perfekt

Vielen Dank an Kracher Fine Wine Trade, Moet Hennessy Österreich, Vinothek St. Stephan und Wein & Co für die Unterstützung. (Luzia Schrampf, DER STANDARD - Printausgabe, 31. Dezember 2006)

  • Artikelbild
    foto: cremer
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