Ataualpas süße Rache

31. Mai 2005, 12:27
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Peru hat: Inka-Ruinen, Ufo-Landeplätze, ausufernde Städte, Probleme mit El Nino und viele lustige Getränke und ein spanisches Erbe zu bewältigen

Peru riecht anders. Kräuter, die nur hier wachsen, und sonst nirgends auf der Weltkugel, ist eine Erklärung. Oder bestimmte Holzarten. Zerkaute Coca-Blätter, die halt irgendwohin in die Gegend gespuckt werden, nachdem sie ihre Wirkung im Dunkel der peruanischen Gaumen getan haben, eine andere. Oder: Weihrauch, der aus den Kirchen und Klöstern quillt, die von den Spaniern allerorts als Machtsymbole hingestellt wurden. Eine andere Erklärung: Putzmittel aus peruanischer Fertigung seien vor allem für den eigentümlichen Geruch des Landes verantwortlich, der die Nase des Besuchers aus Übersee von der Landung auf dem Flughafen in Lima an nicht mehr verlässt.

Peru riecht anders. Kulturen erklären sich oft durch ihre Düfte. Noch vor der Landung in der Neun-Millionen-Stadt wird man gleich einmal geschockt. Lima sieht von oben aus wie die Hauptstadt des Mars in einem billigen Science-Fiction-Film: Rotbrauner Staub, nackte, fasrige Felsberge, Abgas-Smog. Auch die Fahrt vom Flughafen ins Zentrum ist wenig vertrauenserweckend. Kilometerweit nicht gerade die besten Wohnbezirke und offensichtlich nur wahnsinnige Autofahrer auf den Straßen, die sämtlichst die Fahrstunde mit dem Bremsen geschwänzt haben, dafür aber die Klasse mit dem Hauptfach Hupen zweimal besucht haben dürften.

"In Lima gibt es nur zwei Arten von Fußgängern", sagt unser Fremdenführer, "schnelle oder tote, hahaha." Lima hatte es schwer in den vergangenen Jahren: Durch das El-Nino-Wetterphänomen wurden Millionen Camposinos aus den Anden in die Städte getrieben, da ihre Ökosysteme völlig aus dem Lot geraten waren. Binnen einem Jahrzehnt wuchs die Bevölkerungszahl von zwei auf neun Millionen. Die Altstadt war eine Zeitlang quasi nicht mehr zu besuchen, ohne dass man überfallen wurde. Der letzte Oberbürgermeister aber, Alberto Andrade, habe Ende der neunziger Jahre an manchen Stellen ganz gute Arbeit bei der Revitalisierung der Stadt und auch bei der Zurückdrängung der Kriminalität geleistet, sagt der Fremdenführer. Rudy Giulianis New Yorker Rezept wurde offensichtlich übernommen: "Es ist jetzt sehr viel Polizei auf den Straßen."

Die Innenstadt: Typisch spanische Kolonialstadt mit der üblichen Inflation an Klöstern, Kathedralen und Patrizierhäusern. Kurios sind die Auswüchse der Kolonialherrschaft, wie beispielsweise das Museo del Oro (Gold-Museum), das Miguel Mujica Gallo, ein pathologischer Sammler aus den ganz reichen Familien des Landes, der Öffentlichkeit zugänglich macht: Vitrinen voller Gold, Keramik, Mumien und noch mehr Gold, wissenschaftlich nur oberflächlich dokumentiert, die pure Menge macht's. Jeder Grabräuber, der bei Gallo vorsprach, wurde seine Beute gegen gutes Geld los.

Im Gold-Museum befindet sich weiters eine Waffensammlung, ähnlich strukturiert wie die Goldschätze: die Vitrine voller SS-Dolche gleich neben den Winchesters aus dem Wilden Westen und neben diesen Samurai-Schwerter und mittelalterliche Kanonen.

Szenenwechsel, nach einem frühmorgendlichen Flug von Lima nach Cuzco. Nach elf Uhr vormittags darf auf dem in 3300 Meter Seehöhe gelegenen Flugplatz bei der früheren Hauptstadt des Inka-Reiches nicht mehr gelandet werden. Sie wissen, die Thermik, sagen die Aeronauten.

Ein Flug von der Küstenstadt in die dünne Luft um Cuzco: "Trinken Sie einmal ein, zwei, drei Tassen Coca-Tee, legen Sie sich hin, nur nichts überstürzen", sagt unsere örtliche Fremdenführerin. Angeblich haben die Cusqueños mehr rote Blutkörperchen, können so aus der Luft mehr Sauerstoff tanken. Wer glaubt, den bergerfahrenen Älpler raushängen zu lassen, torkelt in zwei Stunden durch die Gassen von Cuzco mit einem sehr dummen Ausdruck in den Augen. Auch fällt einem oft das Frühstück vom morgendlichen Flug aus dem Gesicht. Der Coca-Tee (Maté di Coca, das Nationalgetränk Perus) ist dafür definitiv nicht verantwortlich. Ein Red Bull oder ein Espresso sind weit härtere Drogen.

Obacht, trotzdem: Coca-Blätter sind in Peru zwar legal und werden seit Jahrtausenden zwecks Anregung und Stärkung verwendet. Auch wenn dem Autor dieser Zeilen jede Wirkung verborgen blieb, trotzdem: Erwischt einen der europäische Zoll mit Coca-Tee-Beuteln, werden sie einem abgenommen. Hat man gar ganze Coca-Blätter als Souvenir mit, wird man behandelt, als hätte man Kokain geschmuggelt. Zehn Jahre Kerker.

Das zweite National-Getränk übrigens, Inka-Kola, hat zwar Coca Cola bei den Marktanteilen in Peru das Fürchten gelehrt ("Esta nuestra!", so der Werbeslogan), verfügt aber sonst über keine speziellen Fähigkeiten. Es sieht aus wie Teletubbie-Pisse und schmeckt wie diese unkaubaren 70er-Jahre- Kaugummis, deren Name zurecht nicht einmal von den Wickie-Slime-und-Paiper-Dolmen ausge-

graben wurde. Trotzdem: Kein Peru-Besuch, ohne sich nicht mit Inka-Kola den Magen verdorben zu haben - Ataualpas Rache, die fröhliche Form (Montezuma, der Vater aller Durchfälle, heißt in Peru Ataualpa, nach dem von Francisco Pizarro 1533 hingerichteten höchsten Inka).

Cuzco hat zwei Dinge mit dem Südburgenland gemeinsam: Das viele Grün, dank sehr üppiger Vegetation und eine Ansammlung von Nicht-Eingeborenen, die Wollpullover tragen, seit rund zehn Jahren dort leben und Studien wie Anthropologie mit Bravour gemeistert haben. An beiden Orten nennen diese Menschen sich "die Intellektuellen" und führen Ortsfremde durchaus kundig und mit Verve durch die Gegend. Am Abend wird viel vom dritten Nationalgetränk Perus - Pisco Sour - getrunken (Südburgenland: Rotwein vom Eisenberg) und "hinter die Kulissen der hiesigen intellektuellen Szene" geblickt. Dort sind meistens auch alle betrunken.

Von Cuzco aus ist es nicht weit nach Machu Picchu. Drei Stunden mit dem Zug und man hasst auch die Amerikaner, nicht nur die Spanier. Das mit dem Spanier-Hassen wird dem Peru-Besucher so beigebracht, indem die zugereisten Anthropologen Anekdoten in ihre Führung einstreuen, wie: Hier wurde der letzte Inka, Tupac Amaru, von vier spanischen Pferden gevierteilt. Dort verlor ein spanischer Offizier die heilige Sonnenscheibe der Inkas, natürlich aus purem Gold, im Glücksspiel.

Die Amerikaner sind unter anderem deswegen Schimpfobjekte, weil (a) einer von ihnen, der Archäologe Hiram Bingham, 1911 die Stadt Machu Picchu im Nebelwald entdeckte, (b) alles was er dort fand, ohnehin nicht viel, aber immerhin ein paar goldene Masken, in die USA schaffen ließ, wo sie heute noch sind und "noch immer nicht an Peru zurück gegeben wurden" und (c) den einzelnen Orten und Gebäuden in Machu Picchu peinliche Namen gab - wie beispielsweise "Vorratskammer" für eine astronomische Beobachtungsstation.

Dieses einfache Gemüt der Amerikaner wurde alsbald als Quelle lukrativer Geschäfte erkannt. Regelmäßig führt ein Peruaner von der Küste in voller Indio-Tracht - "I am the last Inca!"- kalifornische Touristen durch Machu Picchu. Höhepunkt der Führung in eine als Opferplatz erkannte Höhle: "That's the place I have died the last time!" Unweit von Cuzco auch das Urubamba-Tal, ein Teil des heiligen Tals der Inka. Dort hat laut Fremdenführerin jeder dort lebende Bauer schon ein Ufo landen gesehen, das Tal sei ein beliebter Landeplatz. Wir fragten einen stichprobenartig ausgewählten Landbewohner. "Donde los platillos del vuelo?" Er lachte, zeigte uns einen zahnlosen Mund und versuchte uns das vierte Nationalgetränk Perus, Chica (Maisbier), zu verkaufen. Gebraut mit Wasser, wie sie es halt so haben dort. Hätten wir es getrunken, hätte Ataualpa uns endgültig heimgesucht. Hätten wir nicht abgelehnt, wären wir für den Rest unseres Aufenthaltes an jenem Ort festgesessen, wo es auch in Peru so riecht wie überall anders in der Welt. Dort ist es finster, und man sieht keine Ufos. (Der Standard, Printausgabe)

Von Leo Szemeliker
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