Eine Million Arme in der Schweiz

30. Dezember 2005, 15:31
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Laut Caritas verdienen sieben Prozent der Arbeitenden zu wenig für den Lebensunterhalt

Armut in der reichen Schweiz? Ja, es gibt sie. Und sie breitet sich zusehends aus. Dies sagt jedenfalls das Schweizer Hilfswerk Caritas in seiner neusten Studie: Eine Million Menschen, also ein Siebentel der Schweizer Bevölkerung, sei arm, schätzt die Caritas. Vor zwei Jahren sprach dieselbe Organisation noch von 850.000 Armen.

Die Armut betrifft demnach alle Altersgruppen - Rentner ebenso wie Erwerbsfähige, aber besonders stark auch die junge Generation. Mehr als 200.000 Kinder und Jugendliche seien arm - sei es, weil sie in einer armen Familie aufwachsen, sei es aber auch, weil sie keine Lehrstelle finden.

"Die Armut breitet sich aus", sagt Caritas-Mann Carlo Knöpfel und sieht die Hauptursache dafür beim Arbeitsmarkt: "Die Schweiz ist von der Vollbeschäftigung weit entfernt. Der Arbeitsmarkt erfüllt seine Funktion als primäre Quelle der Existenzsicherung nicht mehr."

Arbeitslose und Invalide seien trotz der Sozialversicherungen von Armut bedroht. Zudem gebe es immer mehr so genannte Working Poor, also Leute, die an ihrer Arbeitsstelle nicht genug zum Leben verdienten. Um in der teuren Schweiz eine vierköpfige Familie zu ernähren, seien monatlich mindestens viertausend Franken (rund 2600 Euro) notwendig, sieben Prozent der Werktätigen verdienten aber weniger.

Und die Zahl der Tieflohnjobs nehme zu, nicht ab, schrieb kürzlich auch der Sonntags-Blick. Das Boulevardblatt rechnete in dem Text vor, dass sich die Schere zwischen Reich und Arm in der Schweiz in den letzten Jahren weiter geöffnet habe: "Vor 20 Jahren war der allgemeine Teuerungsausgleich noch normal. Dazu gab es im Schnitt ein Prozent reale Lohnerhöhung. Heute fließt der Produktivitätsfortschritt direkt an die Aktionäre und die höheren Angestellten."

Reiche Manager

Als Beispiel führt der Sonntags-Blick an, dass Marcel Ospel, Chef des Bankenkonzerns UBS, heuer rund 25 Millionen Franken (mehr als 16 Millionen Euro) kassiere, vor zehn Jahren habe sich sein Vorgänger Nikolaus Senn mit umgerechnet weniger als einer Million Euro begnügt. Der reale Durchschnittslohn habe sich im selben Zeitraum um nur drei Prozent erhöht.

Und dass die Unternehmen trotz guter Gewinne und hoher Saläre für Spitzenmanager nur geringe allgemeine Lohnerhöhungen für 2006 vorsehen, nennt das Blatt "soziale Demontage der Schweiz".

Auch Caritas-Mann Knöpfel ist pessimistisch. "Wir erwarten zwar rund zwei Prozent Wachstum im nächsten Jahr. Doch dies wird nicht reichen, damit es genügend neue Jobs gibt", sagt er, "Die Armut wird sich weiter akzentuieren, und ich befürchte, dass zunehmend auch die untere Mittelschicht betroffen sein wird." (DER STANDARD - Printausgabe, 30. Dezember 2005)

Klaus Bonanomi aus Bern
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