Pornografie

29. Dezember 2005, 18:52
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Man braucht nicht nach vorne oder zurück blicken - Die Gegenwart reicht als Brechmittel aus - Kolumne von Günter Traxler

Warum muss in diesen Tagen überall zurück und nach vorne geblickt werden, wo doch die unmittelbare Gegenwart eines von Wolfgang Schüssel, Jörg Haider und Hans Dichand vereinnahmten Landes ohnehin als Brechmittel ausreicht? Zwei Ereignisse markieren den Übergang von diesem Annus horribilis zum nächsten. Ein an den Grundfesten des Rechtsstaates rüttelnder Skandal und eine heuchlerisch aufgeblasene Nichtigkeit. Ein Skandal, der einen Bundeskanzler längst hätte zum Eingreifen veranlassen müssen, und eine von der Kronen Zeitung zum Skandal erhobene Plakatwerbung. Die provokante Missachtung von Gesetz und oberstgerichtlichen Entscheidungen in der Ortstafelfrage und die künstlich angeheizte Erregung über provokante Kunst im öffentlichen Raum der österreichischen EU-Präsidentschaft.

In dem einen Fall beuteln sich öffentliche Funktionäre, die auf die Einhaltung der Verfassung angelobt sind, ab und erklären öffentlich, sich auch weiterhin nicht um die Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofes scheren zu wollen. Vom Bundeskanzler hört man aktuell nichts, und was man bisher hörte war, dass er den heißen Erdapfel an das Land Kärnten weiterreichen will, statt seine Pflicht zu tun und eine Verordnung zu erlassen.

Ein Aufmacher der Krone genügt

In dem anderen Fall genügte schon ein Aufmacher der Krone, und die in der Verfassung verankerte Freiheit der Kunst hinderte den Bundeskanzler nicht, sofort eine Absetzung der "Porno-Plakate" zu veranlassen. Obwohl davon auszugehen ist, dass Schüssel der Aktion mit den bizarren Sujets zuvor seinen Segen erteilt hat, auch wenn er es nun bestreitet. Verantwortlich ist er - so wie für seinen Kärntner Koalitionspartner! - auf jeden Fall. Dürfen doch die Initiatoren der Aktion als Vertraute des Kanzlers gelten und enthalten die Plakate immerhin den Vermerk: Gefördert durch: Republik Österreich/Bundeskanzleramt. Was man von zweisprachigen Ortstafeln nicht behaupten kann.

Offenbar war da der Bundeskanzler kurzfristig nicht ganz auf der ästhetischen Höhe des Krone-Herausgebers - ein Fehler, den er in diesem Fall rasch korrigiert hat, während er die Einsicht in den Fehler, sich auf derselben rechtspopulistischen Ebene wie der Kärntner Landeshauptmann aufzuhalten, bisher vermissen ließ.

Im Ernstfall auf der Seite des Spießers

Im Ernstfall schlägt er sich lieber auf die Seite des Spießers, der ihm im unvermeidlichen Wahlkampf gefährlich werden könnte, als es sich mit dem Demagogen zu verscherzen, der ihm einen unerwünscht frühen Wahlkampf einbrocken könnte. Der Heuchelei huldigt er eilfertiger als den Grundsätzen des Rechtsstaates.

"Mit der Kunst wird bei uns in Österreich manchmal arg Schindluder getrieben", trieb Cato gestern Autopsie. Das erinnert an den Umgang des Blattes mit vielen Künstlern, die der senile Tunnelblick des Herausgebers nicht erfasst, erinnert an den Umgang mit Hermann Nitsch, Elfriede Jelinek und anderen. Kunst soll in Österreich das sein, was Dichand gefällt, daher erklärt er seine täglichen Kommerznuditäten auf Seite 9 partout zur Kunst. Über den blauen Damenslip mit EU-Wappen empörte er sich so sehr, dass er ihn noch rasch an zwei Tagen hintereinander ins Blatt hob, ehe ihn Schüssel öffentlicher Aufmerksamkeit entzog.

Hilfe gegen Hysterie

Wer aus ehrlicher Überzeugung die beiden Plakatsujets als dem europäischen Gedanken weniger förderlich oder gar sexistisch kritisiert, sollte die Ware der "schönen Spielgefährtinnen", mit der Ästhet Cato täglich seine Geschäfte macht, nach denselben Maßstäben messen. Das hilft gegen Hysterie.

Als ob es nicht genug Anlass gäbe, sich über eine "Werbeaktion um Steuergelder" zu entrüsten. In großen Inseraten stellt sich die Regierung mit Kleeblatt und Schwammerl als Glücksbringer für Österreich dar. Das ist Pornografie! (DER STANDARD, Printausgabe 30.12.2005)

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