"U-Carmen": Die Grenzen einer Femme fatale

30. Dezember 2005, 12:58
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Opernklassiker in neuem Filmgewand, Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale: Mark Dornford-Mays "U-Carmen"

Wien - Die Erzählung von der Femme fatale, die einen Gesetzeshüter vom Pfad der Tugend abbringt und dabei Gefühle freisetzt, die schließlich auch sie selbst ins Verderben stürzen, ist bekannt. Darüber hinaus ist Carmen seit jeher auch eine Geschichte der Adaptionen und Kulturtransfers:

Inspiriert von einer Spanienreise verfasste der Franzose Prosper Merimée einst seine gleichnamige Novelle. Georges Bizet machte daraus 1875 einen nachmaligen internationalen Opernklassiker. Kurz nach der Jahrhundertwende entstand die erste Stummfilmminiatur auf Basis des Stoffes, zahlreiche weitere, teils sehr freie Kinoadaptionen folgten - unter anderem Otto Premingers legendäre Carmen Jones (1954) oder Jean-Luc Godards Prénom Carmen (1983).

Auch der jüngsten Leinwandversion, U-Carmen e-Khayelitsha, die im Februar bei der Berlinale überraschend zum Gewinner des Goldenen Bären gekürt wurde, gingen mehrere Übersetzungsvorgänge voraus: Das Libretto wurde in Xhosa übertragen, die Klick- und Schnalzlaute fügen sich gut zur dramatischen Musik, in die sich da und dort traditionelle Klänge mischen. Die Handlung wurde in der Gegenwart von Khayelitsha, einer südafrikanischen Township, angesiedelt und entsprechend leicht modifiziert:

Carmen (Pauline Malefane) arbeitet immer noch in einer Zigarettenmanufaktur, der Polizist Jongikhya (Andile Tshoni) ist ihr eifersüchtiger Don José, und ein in der Rolle des Stierkämpfers gefeierter Opernsänger, der aus den USA in seine Heimat zurückkehrt, macht das schicksalhafte Dreieck komplett.

U-Carmen e-Khayelitsha (hier zu Lande auf U-Carmen abgekürzt) ist das Filmdebüt des britischen Theaterregisseurs Mark Dornford-May. Sein Erstlingswerk wirkt formal unbeholfen, allerhand Brimborium - Kranfahrten, Aufnahmen aus zig Perspektiven - führt vor allem bei den Massenszenen zu irritierender Fragmentierung. Die Montage verfährt ebenfalls in diesem ungelenken Sinne - erst allmählich beruhigt sich die Inszenierung und beginnt, der Wirkung ihrer Darsteller und der Musik zu vertrauen.

Narrativer Grenzgang

Seine besten Momente hat der Film lange Zeit in den beiläufigen Zwischenzeiten - wenn etwa die Frauen sich zu Hause zum Ausgehen fertig machen oder nächtens übermütig die Strandpromenade entlang flanieren.

Insgesamt stößt U-Carmen jedoch immer wieder an die Grenzen der Übertragung - es stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, diesen Stoff, der auf Figuren baut, die sich längst zum (Rollen-) Klischee verfestigt haben, auf diese Art und Weise in die Gegenwart zu holen. Der Konflikt zwischen den narrativen Vorgaben und dem realitätsnahen Anspruch des Films bleibt ungelöst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.12.2005)

Von Isabella Reicher

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u-carmen.com

  • Narrativer Grenzgang: Pauline Malefane als Carmen und Andile Tshoni als Polizist Jongikhya
    foto: filmnetwork

    Narrativer Grenzgang: Pauline Malefane als Carmen und Andile Tshoni als Polizist Jongikhya

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