Wohl tun im Dreivierteltakt

30. Dezember 2005, 12:57
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Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker, über Neujahrskonzert und Schwerarbeit

Am Neujahrstag treten die Wiener Philharmoniker zum 65. Mal zu ihrer Walzer- und Polkaarbeit an. Clemens Hellsberg, ihr Vorstand, nennt den Dienst an der leichten Muse Schwerarbeit.


Wien - Schon seit dem Jahr 1941 leiert das philharmonische Wiener Neujahrs-Werkel seine Walzer und Polkas von Strauß&Cie. herunter. Und dies auf so virtuose Weise, dass dieser immer wiederkehrende Neujahrsauftritt im üppigen Blumendekor mittlerweile zum weltweit heiß begehrten Ohren- und Augenschmaus avanciert ist.

Gut und schön. Aber das kann doch nicht alles sein. Fragt man Clemens Hellsberg, den Vorstand der Wiener Philharmoniker, was er denn über sein Allneujahrskonzert im STANDARD am liebsten lesen würde, kommt er nach kurzem Staunen auf die so genannte "Philharmonikermillion" zu sprechen. Dabei handelte es sich noch zu Schilling-Zeiten um den Betrag von einer Million, die von den Philharmoniker aus dem Erlös des Neujahrsrummels für wohltätige Zwecke gespendet wurden.

Hellsberg lässt dabei allerdings nicht unerwähnt, dass aus der Schilling-Million mittlerweile 100.000 Euro und die philharmonische Wohltat der runden Zahl zuliebe entsprechend kostspieliger gewor- den ist. Davon sind diesmal 20.000 Euro für am Rett-Syndrom leidende Mädchen gedacht. (Das Rett-Syndrom ist eine Krankheit, in deren Verlauf es bei Mädchen nach anfänglich normaler Entwicklung zu geistiger Regression und körperlicher Fehlentwicklung kommt.)

Der Rest geht an "Licht ins Dunkel", allerdings zweckgebunden für die von Elisabeth Schmitz, der Gemahlin des ehemaligen Finanzministers, gegründeten "Katastrophenhilfe österreichischer Frauen". An dieser Aktion beeindruckt Hellsberg vor allem die gezielte Verwendung der Spenden und deren penible Dokumentation.

Ein bisschen etwas bleibt der Demokratie der Könige aber trotz dieser hochherzigen Wohltat noch in der Kasse. Immerhin ziehen sie ihre Walzer- und Polkakunststücke nicht nur am Neujahrstag ab, sondern schon am 30. Dezember für das Bundesheer (die Hälfte der Karten geht trotzdem in den freien Verkauf) und am Silvesterabend.

Da auch die Wiener Philharmoniker ganz normale Menschen sind und nach dem Silvesterkonzert vielleicht doch auch privat ein bisschen feiern werden, darf mit allem gebotenen Respekt gefragt werden, wie es denn um den Promillewert bestellt ist, wenn die honorigen Herren neujahrstags darauf hinter ihren Pulten zu werken beginnen.

Da legt der Herr Vorstand spontan für jeden einzelnen die Hand ins Feuer. Jeder ist doch sein eigener Unternehmer, keiner kann es sich leisten, zu einem so exponierten Anlass nicht in Form zu sein. Spätestens um zwei Uhr morgens ist für alle unwiderruflich Schluss mit dem Feiern.

Reißender Absatz

Um den Absatz der Karten (zwischen 20 und 680 Euro am Silvester- und am Neujahrstag) brauchen sie sich gewiss keine Sorgen zu machen.

So wenige, dass es eigentlich schwer einsehbar ist, warum die Werke der eleganten Wiener Komponistenpartie von Lanner bis Lehár ausschließlich zum Jahreswechsel erklingen dürfen. Immerhin, in Zeiten des Crossover, in denen sogar Bobby McFerrin mitunter das Philharmonikerpult erklimmen darf, ließe sich mit den Sträußen doch auch das Jahr über in jedem Konzertsaal der Welt gehörig punkten.

Über eine diesbezügliche Nachfrage kann Hellsberg nicht klagen. Und dann und wann wird diese auch durch eine Walzerzugabe befriedigt. Doch auf eine Installierung der Walzerkönige in die Programme über das ganze Jahr möchte man sich nicht einlassen. Erstens aus Imagegründen, schließlich möchte man international nicht als Walzerorchester figurieren.

Vor allem aber auch, weil der Dienst an der leichten Muse in Wirklichkeit künstlerische Schwerarbeit bedeutet. Der Umgang mit dieser Musik ist gefährlich. Jeder Walzer besteht im Grund aus mehreren ineinander verschachtelten Walzern, und vor allem so manche symphonische Einleitung zu einem solchen (vor allem bei Joseph Strauß) ist von großem Tiefgang und von erheblicher Melancholie.

Und dass bei diesen Neujahrskonzerten jedes Mal kein ständiger Chefdirigent, sondern jedes Mal ein anderer am Pult steht, findet Hellsberg nur allzu richtig. Denn in jeder Dauerbeziehung gibt es irgendwann einmal Überdruss. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.12.2005)

Von Peter Vujica
  • Philharmoniker-Chef Clemens Hellsberg verteidigt die Kollegen: "Vor dem Neujahrskonzert geht jeder spätestens um zwei Uhr schlafen. Jeder weiß, dass er in Form sein muss."
    foto: standard/ corn

    Philharmoniker-Chef Clemens Hellsberg verteidigt die Kollegen: "Vor dem Neujahrskonzert geht jeder spätestens um zwei Uhr schlafen. Jeder weiß, dass er in Form sein muss."

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