Carlos Aires: Ein Voyeur des Weltgeschehens

31. Dezember 2005, 13:31
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Der spanische Fotokünstler sorgt bei "25 peaces" für Erregung und darf dieser Tage jene Minuten kurzen Starruhms genießen, die Warhol uns allen versprochen hat

Eines jedenfalls ist Carlos Aires entgegen Wolfgang Lorenz' liebevoller Unterstellung nicht: "international renommiert". Das Curriculum des 1974 im südspanischen Málaga geborenen Künstlers weiß ein paar Stipendien und nationale Preise zu verzeichnen, einige wenige Messeauftritte im Programm weniger, wenig berühmter Galerien, und eine Hand voll Beteiligungen an thematischen Gruppenausstellungen, die vielleicht erst die Geschichte als einflussreich werten wird.

Jedenfalls aber hat es Carlos Aires in jungen Jahren schon ins von Málaga aus ferne Graz geschafft, und dort wird 25peaces-Kurator Wolfgang Lorenz wohl auf seinen Künstlerkollegen aufmerksam gemacht worden sein.

In Double Check gab Carlos Aires sein Debüt an der Mur, in einer Ausstellung der Camera Austria, die 2004 das Verhältnis von "Schein und Sein" in Bezug auf gerade aktuelle soziokulturelle Konflikte in Europa thematisieren wollte, wie Kokurator Walter Seidl das damals formuliert hat. Die zweite Double Check-Kuratorin, Marina Grzinic, untermauerte Aires' Stellenwert mit einem Porträt des Fotokünstlers in der Nr. 88 der Zeitschrift der Camera Austria. Der junge Spanier brachte Enchanted Woods nach Graz, Fotos nächtlicher Wälder in gefakten, dunklen Barockrahmen. Und im Helldunkel des Unterholzes müsse man sich nichts anderes vorstellen, verriet Aires, als "zwei Typen, die miteinander ficken". Wer wollte, konnte das sicher als kritischen Kommentar auf die tristen Umstände verinnerlichen, unter denen die Gay-Community sich lieb haben muss. Vielleicht war der Hinweis auf das gottlose Treiben der Schäfer in den Szenen aber auch bloß als Anregung gedacht, sich unter einem Wald mehr vorzustellen, als ein schattig saftiges Feld künftiger Latten.

Dem anonymen Kopulieren als indirekt bildgebendes Verfahren ist Carlos Aires treu geblieben. Nur, anstatt hinter Bäumen, verbergen sich die Proponenten des gemischten flotten Dreiers seines EU-Sujets nun hinter Masken berühmter Persönlichkeiten. Zum Glück hat niemand den erneut enorm kritischen, diesmal die Globalisierung handstreichartig der unglaublichen Gemein- wie Verlogenheit überführenden, tiefen Sinn des Sujets erkannt. Dafür hat Wolfgang Lorenz sofort das Erregungspotenzial in Aires Werken gespürt.

Und so kam es zur lustigen Neudeutung eines EU-Gipfels als farbenfrohen Klimax der Suche nach dem Ursprung der Welt, zum Ringelpiez mit Anfassen, zu einer Fantasie darüber, wie es wohl wäre, würden George W. Bush, Queen Elisabeth und Jacques Chirac endlich den Hund raushängen lassen. Und dazu, dass Carlos Aires dieser Tage jene Minuten kurzen Starruhms genießen darf, die Andy Warhol uns allen versprochen hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.12.2005)

Von Markus Mittringer
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    foto: carlos aires
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